Politische Predigt in der Kirchengemeinde St. Martin
„Jetzt ist die Zeit zu widersprechen“

Nottuln -

Pfarrdechant Norbert Caßens hat die Gemeindemitglieder dazu aufgerufen, sich für die freiheitliche Demokratie einzusetzen. „Jetzt ist die Zeit zu widersprechen. Sonst rollt die Lawine“, betonte der Geistliche.

Montag, 03.09.2018, 20:28 Uhr
Pfarrdechant Norbert Caßens (Archivfoto) nahm die Ereignisse in Chemnitz zum Anlass für eine viel beachtete politische Predigt.Pfarrdechant Norbert Caßens hielt am Wochenende eine politische Predigt.
Pfarrdechant Norbert Caßens (Archivfoto) nahm die Ereignisse in Chemnitz zum Anlass für eine viel beachtete politische Predigt.Pfarrdechant Norbert Caßens hielt am Wochenende eine politische Predigt. Foto: Dieter Klein

In einer viel beachteten politischen Predigt hat Pfarrdechant Norbert Caßens am Wochenende Stellung genommen zu den Vorkommnissen in Chemnitz und zu früheren Diskussionen in Appelhülsen und Darup und die Gemeindemitglieder aufgerufen, sich für die freiheitliche Demokratie einzusetzen. „Jetzt ist die Zeit zu widersprechen. Sonst rollt die Lawine“, betonte der Geistliche.

Caßens nahm damit Bezug auf ein Zitat des bekannten Schriftstellers Erich Kästner , auf das er in einem Hörfunkbeitrag des evangelischen Pfarrers Dr. Titus Reinmuth (Düsseldorf) aufmerksam geworden war. Erich Kästner hatte 1933 angesichts der Bücherverbrennungen der Nazis gesagt: „Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf.“

Der Pfarrdechant erinnerte in seiner Predigt an die Worte des AfD-Politikers Alexander Gauland unmittelbar nach der Bundestagswahl: „Wir werden sie jagen. Wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen, und wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen.“ Dann der Blick auf Chemnitz in den vergangenen Tagen. Caßens: „Ich sehe Nazi-Symbole und den Hitlergruß – in Farbe. Und will nicht mehr schweigen dazu, will kämpfen für unsere Demokratie, die kein Selbstläufer ist, will das tun als Christ, als Pfarrer und heute als Prediger.“

Vor wenigen Monaten habe man die Worte „Wir werden sie jagen, wen auch immer“ gehört. Jetzt seien Menschen auf der Hetzjagd gewesen – gegen jeden, der anders aussieht. Caßens: „Der Schneeball rollt. Rollt auch schon die Lawine? Jeder, der mitläuft, bringt die Lawine weiter ins Rollen. Jeder, der Gerüchte nicht auf den Wahrheitsgehalt überprüft. Jeder auch, der Ängste nicht ernst nimmt, Probleme mit Migranten kleinredet oder ignoriert. Der Umgang mit der Migration wird zu einer Bewährungsprobe für unsere freiheitliche Demokratie.“

Wo genau der Schneeball zu rollen beginne, das habe auch Jesus schon klar gemacht: in der „Herzenshaltung“, spannte Caßens den Bogen zum christlichen Glauben. In der Lesung vor der Predigt hatte er eine Geschichte aus dem Markus-Evangelium vorgetragen: Die Pharisäer beklagen sich bei Jesus, dass seine Jünger sich nicht an die jüdischen Waschregeln hielten und mit unreinen Händen Essen zu sich nähmen. Jesus aber widerspricht: Nicht, was ein Mensch isst, macht ihn unrein, sondern das, was er denkt und redet oder wie er handelt. Und Jesus erklärt: Aus dem Herzen der Menschen kommen all die bösen Gedanken wie Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Bosheit, Verleumdung . . .“

Der Dechant machte seinen Zuhörern deutlich, dass nicht nur die Tat entscheidet, sondern auch die Absicht und die Haltung. „Aus welcher Herzenshaltung heraus treffe ich meine Einschätzung über Geflüchtete?“, gab er zu bedenken. Vieles, was gesagt werde, sei legitim, aber auch richtig?

Caßens: „Ich bin so froh, in einer Religion zu leben, in der es keine unreinen Gegenstände, Menschen oder Tiere gibt. Das ist im Judentum und im Islam anders. Aber umso schärfer fragt Christus nach der Reinheit des Herzens, meiner Haltung zu den Menschen.“

Der Pfarrdechant blickte aber nicht nur auf Chemnitz, sondern auch auf die eigene Gemeinde. So erinnerte er an die öffentliche Ausschusssitzung im Februar 2016 in Appelhülsen, als es um die Planung von Sozialwohnungen gegangen sei, die zunächst für Geflüchtete zur Verfügung stehen sollten. Voller Saal, Polizeianwesenheit vor dem Frenkingshof, Unterschriftenlisten „Keine Flüchtlinge mehr in Appelhülsen“. Eine Frau habe ihre Angst geäußert: „Bei Dunkelheit kann sich kein Kind und keine Frau mehr auf dem Bürgersteig blicken lassen.“ Damals hätten sechs Geflüchtete in Appelhülsen gelebt, gab Caßens zu bedenken.

Und der Dechant erinnerte an die Diskussion im Frühsommer in Darup, als es um die neuen Holzhäuser für die Geflüchteten gegangen sei. Damals wurde kolportiert, in den örtlichen Medien hätte gestanden, es kommen 50 alleinreisende Nordafrikaner. „Diesen Artikel gibt es nicht“, erklärte der Dechant und berichtete im Nottulner Sonntagsgottesdienst, er habe bei der Messe in Darup extra gefragt, ob ihm jemand diesen Artikel zeigen könne. Schweigen sei die Reaktion gewesen.

Fakt sei: Heute seien in Darup drei Wohneinheiten bezogen (eine Frau aus Ghana mit ihrem Baby, eine Familie aus Georgien mit drei Kindern und eine Familie aus dem Irak mit drei Kindern). Und heute werde in Darup schon der Wunsch geäußert, noch ein oder zwei Familien sollten ruhig noch kommen, um die notwendigen Schülerzahlen für Darup zu erreichen.

Für Pfarrdechant Norbert Caßens ist klar: „An vielen kleinen Stellen den Mund aufmachen, das ist jetzt angesagt. Auf Facebook, beim Grillfest, auf dem Markt. Ich höre nicht mehr weg, zeige Gesicht.“

Caßens erinnerte an Erich Kästners spätere Einschätzung, dass man fünf Jahre vor der Machtergreifung durch Hitler vielleicht noch hätte gegensteuern können. Der Pfarrdechant: „Also: Jetzt ist die Zeit zu widersprechen. Sonst rollt die Lawine.“

Predigt stößt auf große Zustimmung

Pfarrdechant Norbert Caßens hat seine politische Predigt am Wochenende in allen Ortsteilen der Gemeinde Nottuln gehalten, auch in Appelhülsen und Darup. Und er hat sich nach jedem Gottesdienst den Menschen für ein Gespräch zur Verfügung gestellt. In Nottuln, wo Caßens die Predigt im 11.15-Uhr-Gotesdienst gehalten hat, fanden seine Worte große Zustimmung. Viele Menschen dankten ihm nach der Messe für die klaren Worte, bescheinigten ihm auch großen persönlichen Mut. Aber es gab auch distanzierte Äußerungen. „In Darup wurde mir gesagt, ob ich nicht wisse, dass die Kirche sich aus der Politik herauszuhalten habe“, erzählt Caßens im WN-Gespräch. In Nottuln wies der ein oder andere Bürger auf Verbrechen hin, die durch Geflüchtete begangen wurden. Deshalb ist dem Pfarrdechanten auch der Hinweis wichtig, dass man Sorgen ernst nehmen müsse und Probleme nicht kleinreden dürfe. Der Pfarrdechant ist gespannt, wie die Predigt außerhalb der Kirchenmauern ankommen wird. Das wird er nun in vielen Gesprächen ganz direkt erfahren.

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