Wie hilfsbereit ist Nottuln?
Ernüchternder Feldversuch im Nieselregen

Nottuln -

Die Deutschen glauben, dass ihre Mitmenschen ziemlich hilfsbereit sind. Wir haben diese Einschätzung an der Wirklichkeit überprüft.

Samstag, 16.03.2019, 09:00 Uhr
Beim Foto vor dem Feldversuch im Nieselregen war Helena Wilmer noch optimistisch. Die Ernüchterung folgte später.
Beim Foto vor dem Feldversuch im Nieselregen war Helena Wilmer noch optimistisch. Die Ernüchterung folgte später. Foto: Ludger Warnke

Seit 15 Minuten stehe ich jetzt am Hanhoff, und noch immer hat mich niemand angesprochen. Dabei sollten mein verzweifelter Gesichtsausdruck und die riesige Karte in meiner Hand, die im starken Wind kaum zu bändigen ist, doch ein Zeichen dafür sein, dass ich in einer hilflosen Situation stecke.

Das Basel Institute of Commons and Economics hat bei einer Online-Befragung unter anderem festgestellt, dass wir Deutschen überzeugt von der Hilfsbereitschaft unserer Mitbürger sind. Die Befragten mussten auf einer Skala von eins (niedrig) bis zehn (hoch) ankreuzen, wie sie die Hilfsbereitschaft der Menschen im eigenen Land einschätzen. Und siehe da, der Wert von 7,0 war ziemlich hoch. Wir wollten wissen: Entspricht die Hilfsbereitschaft in der Nottulner Wirklichkeit den geschätzten Werten aus dem Internet? In einem kleinen Feldversuch haben wir versucht, das herauszufinden.

Nach einer verfrorenen Viertelstunde auf dem Hanhoff hat wenigstens eine Bürgerin meine missliche Lage erkannt. Christel Pohl steuert auf mich zu und fragt, ob sie mir helfen könne. Ich danke ihr und kläre sie über meinen Test auf. Warum sie mir aus meiner augenscheinlich schwierigen Situation helfen wollte? Für Christel Pohl ist das keine Frage: „Wenn ich jemanden sehe, der so offensichtlich Hilfe braucht, dann ist das ein Bedürfnis, dass ich hingehen muss und frage, ob ich helfen kann.“ So, denkt man, sollte es eigentlich immer sein. Die lange Zeit, die vergangen ist, bis sich jemand meiner angenommen hat, spricht allerdings eine andere Sprache.

Aber Christel Pohl hat mir ein bisschen Hoffnung gegeben. Jetzt geht es richtig los, bestimmt. Oder doch nicht? Die Ernüchterung folgt auf dem Fuß. Ich gehe vom Hanhoff über den Kirchplatz bis zum Edeka und werde kein weiteres Mal angesprochen. Im Gegenteil.

Kurz vorm Stiftsbrunnen kommt eine ältere Dame, dick eingepackt mit Mütze und Schal, die Einkaufstasche in der Hand, in meine Richtung gelaufen. Doch kaum blicke ich auf, macht sie auf dem Absatz kehrt und läuft wieder zurück. Ob sie etwas beim Einkauf vergessen hat oder ich für den plötzlichen Richtungswechsel verantwortlich bin?

Eine junge Frau, mit dem frischen Brötchen vom Bäcker in der Hand, sieht mich auf dem Parkplatz vorm Edeka stehen, schaut einmal kurz irritiert rüber – und läuft im selben Moment mit schnellen Schritten auf ihren roten Mini zu. Das scheint kein Zufall gewesen zu sein.

Als ich nach 45 Minuten aufgeben will und über den Joseph-Moehlen-Platz zurücklaufe, erlebe ich doch noch eine Überraschung. Thorsten Niehoff fragt, ob er mir weiterhelfen könne, obwohl ich meine Karte eigentlich schon eingepackt habe. Nachdem ich ihn aufgeklärt habe und meine Warum-Frage stelle, antwortet er: „Ich habe dich schon am Hanhoff und auf dem Kirchplatz mit der Karte gesehen. Du sahst hilflos aus, und als ich dich hier noch einmal entdeckt habe, dachte ich, ich könnte mal nachfragen.“

Nachdem mich also nach 45 Minuten zwei Leute angesprochen haben, von etwa 50 Personen, die mir begegnet sind, lautet das Fazit: Die Einschätzung bei der Online-Befragung war bezogen auf die Hilfsbereitschaft der Nottulner eher zu hoch gegriffen. Da ist noch Luft nach oben.

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