Politische Predigt
„Dafür gehe ich fischen – kommen Sie mit?“

Nottuln -

Pfarrdechant Norbert Caßens hat wieder eine politische Predigt gehalten – und viel Zuspruch bekommen. Er bat eindringlich alle Zuhörer, zur Europawahl zu gehen, um für das große Friedensprojekt zu votieren.

Sonntag, 05.05.2019, 19:00 Uhr aktualisiert: 05.05.2019, 19:55 Uhr
Politische Predigt: „Dafür gehe ich fischen – kommen Sie mit?“
Foto: dpa

Pfarrdechant Norbert Caßens hat den Samstagabendgottesdienst für eine „politische Predigt“ genutzt und dabei ein klares Plädoyer für Europa gegeben. Es brauche neue Impulse, neues Vertrauen und neuen Schwung „für unseren geliebten Kontinent“. Für seine Predigt, das sei vorweg gesagt, bekam Caßens lauten Beifall während des Gottesdienstes und viel Zuspruch am Ende des Gottesdienstes, als er die Teilnehmer persönlich verabschiedete.

Mit dem deutsch-französischen Gottesdienst, in dem auch polnisch- und englischsprachige Liturgieteile vorkamen, nahm die Pfarrgemeinde St. Martin Bezug auf das Partnerschaftsjubiläum zwischen Nottuln und Saint-Amand-Montrond. Die Nottulner und ihre Gäste aus St. Amand und Chodziez versammelten sich in großer Zahl in der Kirche. Ein Programmheft in drei Sprachen gab Orientierung. Und Kantor Heiner Block an der Orgel, Helga Höfer an der Blockflöte, ein kurzfristig zusammengestelltes Chorensemble aus Mitgliedern örtlicher Kirchenchöre und des Chorus Cantemus sowie der Gospelchor aus St. Amand sorgten für einen schönen musikalischen Rahmen.

Pfarrdechant Caßens hatte bei seiner Predigt die volle Aufmerksamkeit der Gemeinde. Basis war ein später hinzugefügtes Kapitel aus dem Johannesevangelium (21,1), in dem geschildert wird, wie Jesus den trauernden Jüngern am See von Tiberias erscheint und sie auf seine Initiative hin zu einem neuen, diesmal erfolgreichen Fischfang aufbrechen, und wie Jesus den Jüngern den Auftrag gibt: „Weide meine Schafe, weide meine Lämmer!“

Im Johannesevangelium heißt es, das Netz sei mit 153 großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht. 153 Fische deshalb, weil damals in der Antike 153 Völker bekannt waren, ordnete der Dechant die Zahl ein und erklärte: „Gemeint ist hier das Netz einer Kirche, mit Menschen aus allen Sprachen und Kulturen, groß, vielgestaltig, bunt, abwechslungsreich – und doch zerreißt dieses Netz nicht. Kann dieses Bild von einem Netz nicht auch eine Vision für Europa sein?“

Am 26. Mai finden die Wahlen zum EU-Parlament statt. Er befürchte, dass zu wenige Menschen wählen gehen werden, dass die Populisten ihre Wähler besser werden motivieren können als andere. Dechant Caßens: „Denen will ich das Feld nicht überlassen: nicht als Bürger Europas, nicht als Christ, nicht als Pfarrer. Ich kann nicht verstehen, wie ein Christ überhaupt mit dem Gedanken spielen kann, am 26. Mai nicht wählen zu gehen.“

Der Dechant erinnerte an die vielen unsäglichen, elenden Kriege und Verluste in Europa, an die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges: „Und dann dieses erstmalige, einmalige, wunderschöne, verbindliche Knüpfen dieses neuen Netzes der Völker und Kulturen, um das uns so viele Länder und Kontinente beneiden, das offensichtlich so attraktiv ist, besonders für die, die gar nicht in diesem Netz leben.“

Caßens wurde persönlich: Ihn ärgere dieses ständige Gemecker über die EU , die Selbstverständlichkeit des Erreichten. Ihn ärgere die Neigung der Populisten, die Neigung von Le Pen, Kaczynski, Orban, Höcke, von Storch, Salvini und anderen, alles auf die EU zu schieben, was innenpolitisch nicht gelinge. Ihn ärgerten die, die das auch noch glauben. Ein Netz aus 153 Fischen – ihn ärgere die Annahme, das müsse immer einfach und unkompliziert sein. Europa sei Traum, Vision, Auftrag, Frieden, Geduld, Freude an der Vielfalt und harte Arbeit. Das gelte auch für das Reich Gottes, da gebe es keinen Unterschied.

Notwendig sei, miteinander zu reden, auch zu streiten: „Was bedeutet uns Meinungsvielfalt, Pressefreiheit, Gewaltenteilung? Was bedeutet uns Menschenwürde, wenn einzelne Nationen und Europa als Ganzes sich zunehmend nach außen abschotten? Was bedeutet uns gemeinsame Zukunft, wenn es uns nicht gelingt, Ressourcen nachhaltig zu schützen? Was bedeutet uns Gerechtigkeit, wenn es uns nicht gelingt, die ohnehin schon schwer nachvollziehbaren Millionengehälter von Einzelnen und Milliardenerträge von Firmen ordnungsgemäß zu besteuern?“

Europa bleibe Auftrag, Traum, Vision und harte Arbeit, vor allem auch im Alltag. Er schließe sich dem Wunsch von Papst Franziskus nach einem „gemeinsamen neuen Schwung für unseren geliebten Kontinent“ an.

„Möge es Morgendämmerung werden. Nous sommes l’Europe – wir sind Europa!“, sagte Caßens, um am Ende der Predigt noch einmal einen Satz von Petrus aufzugreifen. So wie Petrus am See von Tiberias gesagt hat: „Ich gehe fischen“, und die Jünger ihm antworteten: „Wir kommen auch mit“, so schloss der Dechant seine Predigt mit den Worten: „Dafür gehe ich fischen – kommen Sie mit?“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6590763?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F104%2F164%2F
Preußen-Sportchef Metzelder: „Befinden uns in schwieriger Situation“
Gesprächsbedarf: Der Preußen-Kader am Samstag direkt nach dem Spielende und der Niederlage gegen Viktoria Köln.
Nachrichten-Ticker