Einschulung und Schulzeit nach Weltkriegsende Teil I
Erster Tornister roch nach Metzger

Nottuln -

Ostern 1947 wurde Heinrich Schölling eingeschult. Obwohl die meisten I-Dötzchen damals einen gebrauchten Tornister, oder einen aus Presspappe erhielten, bekam er einen aus echtem Rindleder, den seine Eltern aus dem Sauerland bekommen hatten. „Er stank ganz fürchterlich nach Gerbsäure“, erinnert sich der Nottulner Landwirt, „zudem meinte ich, von innen noch die Schnitte des Metzgers zu erkennen, als er dem Rind das Fell abzog“.

Freitag, 23.08.2019, 17:32 Uhr aktualisiert: 30.08.2019, 15:34 Uhr
Das ist zwar nur der Tornister seiner Schwester. „Aber ich hatte einen ähnlichen, der leider verschollen ist“, sagt Heinrich Schölling – mit Blick auf seine Schulzeit in den Nachkriegsjahren. .
Das ist zwar nur der Tornister seiner Schwester. „Aber ich hatte einen ähnlichen, der leider verschollen ist“, sagt Heinrich Schölling – mit Blick auf seine Schulzeit in den Nachkriegsjahren. . Foto: Peter Sauer

Zur Schule ging Heinrich Schölling gern. Das war die katholische Volksschule Buxtrup in der Bauerschaft Horst und los ging es m Frühjahr 1947, denn damals begannen die Schuljahre noch zu Ostern . „Schreiben, lesen, rechnen und vieles andere lernte man dort“, erinnert sich Schölling. Das war ganz nach seinem Sinne. „Vor allem wollte ich kein kleiner Junge mehr sein.“

Im Redaktionsgespräch erinnert sich der heute 78-jährige Landwirt. Seine Eltern hatten sich zum ersten Schultag mächtig ins Zeug gelegt. Während die meisten Schulanfänger zwei Jahre nach Kriegsende nur einen gebrauchten Tornister bekamen und wenn neue, dann in der Regel aus Presspappe, besorgten Heinrichs Eltern einen Tornister aus echtem Rindleder. Der war 1947 für Geld nicht zu kaufen.

Über Umwege besorgten sie den Tornister bei der Verwandten einer Bekannten seiner Tante – im sauerländischen Arnsberg-Neheim. Das war normal für die Zeit. „Nur wer Beziehungen und Waren, wie Zigaretten oder Speck, zu tauschen hatte, konnte etwas erwerben“, sagt Schölling.

Die Freude über den damaligen „Luxus-Tornister“ hielt sich bei Klein-Heinrich zunächst sehr in Grenzen. „Der Tornister war aus frisch gegerbtem Leder hergestellt und stank ganz fürchterlich nach Gerbsäure“, schreibt Schölling in seinem 2015 erschienenen Buch „Kaiser-Führer-Kanzler“. Und schlimmer noch: „Zudem meinte ich, von innen noch die Schnitte des Metzgers zu erkennen, als er dem Rind das Fell abzog.“ Vielleicht gibt es den Tornister deshalb heute nicht mehr und auch kein Foto, wohl aber den Tornister seiner Schwester Marianne von 1950.

Der Geruch ließ im Laufe der Zeit aber nach. „In den Tornister kam eine Schiefertafel, auf der einen Seite mit Linien zum Schreiben, auf der anderen mit Kästchen zum Rechnen versehen.“ An der Tafel hingen noch zwei Lappen. „Einer wurde angefeuchtet, um das Geschriebene auszuwischen, mit dem anderen trocknete man die Tafel ab.“ Geschrieben wurde mit einem Griffel, denn Bücher und Hefte gab es für das erste Schuljahr nicht. Papier war damals Mangelware. „Für die Schulbücher der höheren Jahrgänge musste vorher von den Familien eine bestimmte Menge Altpapier abgeliefert werden“, erinnert sich Heinrich Schölling. „Neben Verpackungen brachten wir das Landwirtschaftliche Wochenblatt und die Tageszeitung mit.“

Der erste Schultag in der Volksschule Buxtrup war geprägt von Überfüllung – wegen der vielen Flüchtlinge und Evakuierten. Einziger Ausweg: Unterricht in zwei Schichten: während morgens die älteren bei einem Lehrer lernten, waren nachmittags die Jahrgänge 1 bis 4 bei einer Lehrerin dran.

Schölling grinst, wenn er heute das Gejammer über zu lange Schulwege hört und die Beförderungsriten der Helikopter-Eltern mitbekommt: „Mein Schulweg war zwei Kilometer lang. Andere hatten die doppelte Strecke. Und wir sind alle gelaufen!“ Bei jedem Wetter? „Wenn es Starkregen gab wurden wir per Kusche eingesammelt und zur Schule gebracht“, erinnert sich der passionierte Landwirt.

Heute zerbrechen sich Eltern und Verwandte die Köpfe, was ja alles in die Schultüte muss, und das sind neben den klassischen Süßigkeiten immer häufiger elektronische Geräte und Kleidung. Auch darüber kann das I-Dötzchen von 1947 nur den Kopf schütteln. Denn die Kinder wären damals schon über ein Schultütchen mit Bonbons froh gewesen, denn es gab: Nichts! Man konnte ja auch nichts kaufen, um die Tüte befüllen zu können.

Die Lehrerin saß am Pult, nahm die Personalien auf und wies Klein-Heinrich einen Platz zu. Als die Klasse vollzählig war, begann der Unterricht.

Auf dem ersten Nachhauseweg mit seinen Klassenkameraden kam ein Junge auf die Idee, die Mädchen zu ärgern. er bewarf sie mit Steinen. „Wir gingen zwar über eine Kreisstraße, aber geteerte Straßen gab es damals nicht.“ Stattdessen viele Lächer mit losen Schottersteinen drin. Mit denen zielten dann alle Jungs auf die Mädchen, die dann Richtung Schule wegrannten.

Die erste Schläge in der Schule erlebte Schölling bei einem Jungen, der bestraft wurde, weil er ein Vogelnest ausgenommen hatte. „Wir lernten also im Grunde damals schon, die Natur zu schützen.“  

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