Im Wortlaut
Für den Frieden in Europa einsetzen

Nottuln -

Brief an die Menschen in der Partnerstadt Chodziez.

Dienstag, 03.09.2019, 20:54 Uhr

Vor dem Hintergrund des Gedenkens zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs haben Bürgermeisterin Manuela Mahnke und der Vorsitzende des Nottulner Partnerschaftskomitees, Robert Hülsbusch , gemeinsam einen Brief an die Menschen in der Partnerstadt Chodziez geschrieben. Darin heißt es:

„Liebe Bürgerinnen und Bürger aus Chodziez, als Bürgermeisterin aus Nottuln und als Vorsitzender des Komitees für Städtepartnerschaft der Gemeinde Nottuln ist es uns sehr wichtig, Ihnen zum 1. September 2019 diesen Brief zu schreiben.

Am 1.9.2019 jährt sich zum 80. Mal der Beginn des Zweiten Weltkrieges. Fünf Jahre später lag Europa in Schutt und Asche, waren weit mehr als 50 Millionen Menschen gestorben, noch mehr schwer verletzt an Leib und Seele.

Am 1.9.1939 überfiel die deutsche Wehrmacht Ihr Land und damit setzte Deutschland einen Flächenbrand in Gang, der bisher in der Geschichte beispiellos war und ist. Dieser Krieg – das wissen wir heute – war von Anfang an als Ausrottungs- und Vernichtungsfeldzug angelegt.

Eine verheerende fünfjährige Besatzungszeit begann für Ihr Volk: Tod und Zerstörung, Demütigung und Folter, Massenerschießungen und Tötung durch Gas, Konzentrationslager, Gefangenschaft und Zwangsarbeit. Über 6 Millionen polnische Menschen wurden getötet.

Durch viele Gespräche im Rahmen unserer Begegnungen wissen wir, dass auch Ihre Stadt Chodziez unter der deutschen Besatzung sehr gelitten hat. Noch heute erinnert eine kleine Gedenkstätte an die Erschießung von Führungskräften aus Chodziez.

Dieses Leid fügte Deutschland, fügten unsere Väter und Mütter Ihnen zu.

Die deutsche Verantwortung und die deutsche Schuld für dieses Verbrechen bleiben.

Für immer. Auch die Scham und die Bitte an Sie um Vergebung.

Erst im Jahre 1918 hatte Polen nach 123 Jahren der Fremdherrschaft seine staatliche Souveränität wiedergewonnen. Ab 1939 haben dann die Menschen im besetzten Polen als erste von allen europäischen Völkern erfahren müssen, zu welchen Verbrechen das diktatorische Regime der Nationalsozialisten fähig war. Der verzweifelte Warschauer Aufstand im August 1944 – vor genau 75 Jahren – wurde blutig niedergeschlagen, und das alte Warschau wurde in Trümmer gelegt.

Noch heute spüren wir die Folgen dieses Krieges und der Nachkriegsordnung. Die Spaltung Europas in Ost und West, das Entstehen von neuen ideologischen Feindbildern sowie eine bedrohliche militärische Konfrontation prägte auch das Leben der Menschen in Polen und Deutschland. Ihr Heimatland musste gleich nach Kriegsende 40 Jahre lang die schlimmen Folgen kommunistischer Herrschaft ertragen.

Viele Menschen in Polen und in Deutschland haben nach dem Krieg mutige Schritte unternommen, um trotz aller erlittenen Verletzungen zu einem Neubeginn in den Beziehungen unserer Länder zu kommen. Und der mutige Kampf der polnischen Solidarnosc hat Polen wieder in den Kreis der freien und demokratischen Staaten Europas und schließlich in die Europäische Union geführt.

Wir, die Nachkriegsgeneration, können das Verbrechen nicht ungeschehen machen. Wir tragen keine persönliche Verantwortung für das, was die Kriegsgeneration Ihnen antat.

Aber wir tragen Verantwortung für das, was heute geschieht. Und diese Verantwortung – auch und besonders im Hinblick auf die Vergangenheit – übernehmen wir. Wir sind dafür verantwortlich, dass sich nie wieder eine Entwicklung hin zu Nationalismus und Militarismus, zu Menschenfeindlichkeit und Hass breit macht. Dagegen – so unser Versprechen an Sie als Bürgerinnen und Bürger in Chodziez – wenden wir uns entschieden und mit aller Kraft. Wir engagieren uns für gutnachbarschaftliche Beziehungen in Europa, zwischen unseren Völkern.

Unsere seit nunmehr 28 Jahren bestehende Städtefreundschaft bestärkt uns in unserem Willen, uns aktiv für den Frieden in Europa und der Welt einzusetzen. Die vielfältigen Kontakte von Bürgern unserer beiden Städte haben dazu geführt, dass mittlerweile viele Freundschaften entstanden sind. Lassen Sie uns gemeinsam weiter daran arbeiten, dass unsere Städtepartnerschaft auch in Zukunft kontinuierlich vertieft wird und Früchte trägt, die für uns alle von Nutzen sind.“

„Jetzt sind wir hier. Was jetzt geschieht, geschieht durch uns“ (Anna Seghers)

Mit herzlichen Grüßen

Manuela Mahnke, Bürgermeisterin der Gemeinde Nottuln

Robert Hülsbusch, Vorsitzender des Komitees für Städtepartnerschaft

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