Beruf: Küsterin
„Viele wissen nicht, was wir tun“

Nottuln -

Eine Woche Bedenkzeit hatte sich damals Maria Vos erbeten. Dann sagte die Nottulnerin „Ja“ und wurde neue Küsterin der St.-Martinus-Kirche. Der Start in einen abwechslungsreichen Beruf.

Donnerstag, 05.09.2019, 20:00 Uhr
Küsterin Maria Vos an ihrem Arbeitsplatz, der Pfarrkirche St. Martinus. Seit sechs Jahren übt sie den Beruf aus.
Küsterin Maria Vos an ihrem Arbeitsplatz, der Pfarrkirche St. Martinus. Seit sechs Jahren übt sie den Beruf aus. Foto: Hugo Schmidt

An den 11. Juli, ein Donnerstag, erinnert sich Maria Vos noch ganz genau. Sie war gerade nach Hause zurückgekommen, als es plötzlich donnerte. Sie blickte aus dem Fenster, und der Himmel tat sich auf. Es regnete unaufhaltsam. Sofort fuhr die Küsterin zur Kirche. Doch zu spät. In St. Martinus stand bereits das Wasser. Schnell holte sie sich Hilfe und mit vielen fleißigen Händen schippten sie gemeinsam das Wasser aus dem Gotteshaus. Doch auch in den Keller war das Wasser durch die Lüftungsschächte im Boden gelangt. Einer der engagierten Helfer alarmierte die Feuerwehr , die den Keller leer pumpte und die Gruft der Heriburg vom Wasser befreite. Noch mehrere Tage nach diesem starken Regen musste Maria Vos die Feuchtigkeit im Keller beseitigen und ihn nach und nach trocken legen.

Seit Juli 2013 ist Maria Vos Küsterin der Pfarrgemeinde St. Martin. Damals suchte die Kirchengemeinde einen neuen Küster. Eine Bekannte schlug sie vor, und Pfarrdechant Norbert Caßens rief sie an. „Erst war ich ganz schön erschrocken“, beschreibt sie den Moment, als sie das Angebot bekam. Eine Woche Bedenkzeit erbat sie sich, dann nahm sie die Stelle an. „Ich habe es noch nie bereut!“

Nach einer sechsmonatigen Ausbildung beim Bistum, bei der unterschiedlichste Themen von der Theologie bis zum Brandschutz, viele praktische, aber auch seitenlange schriftliche Prüfungen auf dem Lehrplan standen, begann sie ihre Arbeit in Nottuln.

Der Begriff „Küster“ kommt vom lateinischen Wort „custos“ und bedeutet in etwa Hüter oder Wächter der Kirche. In dieser Funktion hat Maria Vos „ganz viele kleine Dinge“ in und rund um die Kirche zu erledigen. „Viele wissen gar nicht, was wir alles tun müssen.“ Das sei nämlich weitaus mehr als nur das Anzünden von Kerzen und das Aufschließen von Türen.

Zum Beispiel überprüft Maria Vos regelmäßig die Heizungsanlage und die Elek­trik. Außerdem gehören regelmäßige Kon­trollen der Glocken und des Kirchendachs zu ihren Pflichten. Sie stellt die Kirchturmuhr über einen Computer in der Sakristei, programmiert die Beleuchtung in der Kirche, kümmert sich um die Lieferung von Kerzen oder Ähnlichem. Und wenn mal etwas nicht mehr funktioniert, ist sie es, die Handwerker bestellt.

Wer ihr beim Kontrollgang durch das Kirchengewölbe folgt, darf keine Platzangst haben. Eine lange, schmale und steile Wendeltreppe mit ausgetretenen Stufen aus Baumberger Sandstein führt unter das Dach der Kirche. Dort führt ein Labyrinth aus Holzstegen und kleinen klapprigen Treppenstufen über die Oberseite der Kirchendecke. „Hierher kommen keine Besucher bei einer Führung“, sagt sie nach dem beschwerlichen Aufstieg in das dunkle und staubige Dachgeschoss. „Von hier aus können wir die Aufhängung für den Adventskranz steuern“, deutet sie auf ein Drahtseil, welches an einer kleinen Winde hängt und nach unten in der gemauerten Kirchendecke verschwindet.

In der Vorweihnachtszeit ist viel zu tun für Maria Vos und ihre beiden Kollegen Birgit Deitermann und Norbert Bertelsbeck. Gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfern hängen sie den Adventskranz auf und bauen die Krippe auf. Doch nicht nur in der Adventszeit, sondern das ganze Kirchenjahr über haben die Küsterinnen und Küster immer eine volle To-do-Liste. So sei es auch immer viel Arbeit, die zahlreichen Kerzen für die Roratemesse in der Kirche zu verteilen, erzählt Maria Vos.

Ein großer Teil der Arbeit findet hinter den Kulissen in der Sakristei statt. Dort lagert alles, was für die Gottesdienste und Messen benötigt wird. Die Küsterin holt eine Dose aus einer Schublade: „Das sind glutenfreie Hostien. Wenn man eine Unverträglichkeit hat, sollte man sich vor dem Gottesdienst bei uns melden.“

Dann zieht sie eines der großen Messgewänder aus einem Schrank. „Wir legen die Gewänder immer gleich so hin, dass man sie einfach überziehen kann“, erklärt sie, während sie ein grünes Gewand auf der großen Ablage neben dem Schrank ausbreitet.

All das gehört zur Vorbereitung der Gottesdienste. Neben dem Auslegen der Messgewänder zündet Maria Vos die Kerzen an, bereitet Kelche und Hostien für das Abendmahl vor, stellt die Mikrofone ein und öffnet schließlich die Türen. „Die besonderen Gottesdienste sind immer die schönsten, da sie so feierlich sind. Trotzdem ist man danach k.o.“, beschreibt sie das Gefühl nach der getanen Arbeit.

Die Küsterin beginnt meist gegen 8 Uhr morgens und ist immer die Letzte, die die Kirche am Abend wieder verlässt. Nach dem Gottesdienst sammelt sie die Gotteslobe ein und löscht die Kerzen. Oftmals findet sie dann auch noch Schirme oder andere Habseligkeiten von Kirchenbesuchern in den Bänken.

Diese sammelt sie in der Sakristei, damit sich die Leute ihr verlorenes Eigentum wieder abholen können. „Wenn keiner mehr kommt, um seine Sachen zu holen, dann gebe ich Schirme oder Ähnliches der Flüchtlingshilfe.“

Als Küsterin der St.-Martinus-Kirche arbeitet Maria Vos häufig dann, wenn andere frei haben und bei ihren Familien sind. „Meine Familie stand von Anfang an hinter mir und meinem Beruf“, ist sie dankbar. „Um Küster werden zu können, sollte man auch den kirchlichen Hintergrund haben und fest im Glauben sein. Außerdem sollte man Spaß an dem Beruf haben.“ Zudem werde erwartet, dass man eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen kann.

„Ohne Küsterin läuft nichts“, schmunzelt die Nottulnerin. „Meine Arbeit ist auch deshalb so schön, weil man viele Leute kennenlernt und auch oft Lob erfährt“, ist sie glücklich in ihrem Beruf. Auf die Frage, wo denn ihr Lieblingsort in der Kirche sei antwortet die Küsterin: „Wenn alle gegangen sind und ich die Kirche ganz für mich alleine habe, dann setze ich mich in eine Bank und singe ein Lied. Das ist immer sehr schön.“

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