„Nähstube“ der Flüchtlingshilfe
Ein Potpourri der Kulturen

Nottuln -

Es ist ein Angebot das mehr ist als ein reiner Handarbeitstreff. In der „Nähstube“ der Flüchtlingshilfe Nottuln wird Integration und kultureller Austausch gelebt.

Mittwoch, 25.09.2019, 22:00 Uhr aktualisiert: 26.09.2019, 10:46 Uhr
Das Angebot der „Nähstube“, im Februar 2016 ins Leben gerufen, erfreut sich auch heute noch großer Beliebtheit. In den Räumlichkeiten im Johanneshaus sind manchmal bis zu 20 Frauen und arbeiten an verschiedenen Kleidungsstücken.
Das Angebot der „Nähstube“, im Februar 2016 ins Leben gerufen, erfreut sich auch heute noch großer Beliebtheit. In den Räumlichkeiten im Johanneshaus sind manchmal bis zu 20 Frauen und arbeiten an verschiedenen Kleidungsstücken. Foto: Hugo Schmidt

Es ist ein Ort der Begegnung, an dem jeden Freitagnachmittag Frauen aus vielen Nationen zusammentreffen und gemeinsam schneidern, kreativ sind und miteinander ins Gespräch kommen. Zwischen Stoffbahnen, Nähmaschinen und Schnittmustern bietet die „Nähstube“ der Flüchtlingshilfe Nottuln Geflüchteten seit nunmehr vier Jahren die Möglichkeit, Kleidung zu reparieren oder eigene Entwürfe umzusetzen.

Entstanden ist die Idee während der ersten Flüchtlingswelle im Sommer 2015. Die Kleiderstube der Flüchtlingshilfe hatte festgestellt, dass die Kleidung den Geflüchteten oftmals nicht passt. So wurde im Februar 2016 die „Nähstube“ von fünf engagierten Frauen ins Leben gerufen. „In den Jahren hat sich die ‚Nähstube‘ von der ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ hin zu einem Ort der Begegnung und Integration gewandelt“, erklärt Heidrun Benölken-Wenker als Mitbegründerin.

Das Angebot wird sehr gut angenommen. Oftmals kommen bis zu 20 Frauen in die erste Etage des Johanneshauses, und es herrscht reges Treiben. Dennoch behalten die Frauen des Organisationsteams in dem Gewirr aus Stoffen, Nähgarn und Schnittmustern stets den Überblick. Ob als Lehrerin im Umgang mit den Nähmaschinen oder als Dolmetscherin bei seltenen Kommunikationsproblemen. Irgendwo wird immer Hilfe gebraucht, und so haben Heidrun Benölken-Wenker, Marianne Steiner , Barbara Griepenburg, Ramine Atalan und Farhana Zafar immer etwas zu tun.

Jeder, der Freude am Nähen und Schneidern hat, ist in der „Nähstube“ willkommen. „Es ist immer sehr gesellig. Auch Deutsche kommen ab und zu, um hier zu nähen“, sagt Heidrun Benölken-Wenker. Der Austausch zwischen den Kulturen trägt nicht nur zur gelungenen Integration bei, sondern eröffnet auch den Frauen des Orgateams einen ganz neuen Zugang zu dem Handwerk. „Wir haben hier schon einiges darüber gelernt, wie man in anderen Kulturen näht, unter anderem auch, wie man mit den Händen und den Fingern Maße nehmen kann“, freut sich die gelernte Schneidermeisterin.

Außer in den Schulferien treffen sich die Frauen jeden Freitag gegen 15 Uhr in ihrem „komplett ausgestatten Atelier“ mit einer professionellen Nähmaschine und einer Bügelanlage im Johanneshaus. „Wir sind der evangelischen Gemeinde und der Flüchtlingshilfe Nottuln sehr dankbar für die Unterstützung“, freut sich Heidrun Benölken-Wenker.

„Vor einiger Zeit besuchte uns eine ältere Dame. Selbst konnte sie zwar nicht mehr nähen doch sie spendete uns Stoff“, erinnert sie sich und erklärt, dass die „Nähstube“ auf Sachspenden angewiesen ist. „Wir brauchen jegliche Art von Nähbedarf, von Stoffen über Knöpfe bis hin zu Nähgarn“, erklärt Marianne Steiner. Ein Problem stelle auch das Reparieren der Nähmaschinen dar. Man suche weiter nach einem „Tüftler“, der die sechs Maschinen warten kann.

Der Umgang mit Nadel und Faden oder auch mit den neuen Maschinen will gelernt sein. Die gemeinsamen Freitagnachmittage bieten da für die Hobby-Schneiderinnen eine gute Gelegenheit, ihre Fertigkeiten zu verbessern. „Wir zeigen, wie es geht, und dann müssen die Frauen es selber machen”, erklärt Heidrun Benölken-Wenker. Dass dieses Konzept aufgeht, zeigt sich, als eine Frau mit einer kaputten Jeans ihrer Tochter hereinkommt. Der Reißverschluss muss ausgetauscht werden. Schnell hat sie ihren Arbeitsplatz vorbereitet, und dank der Tipps von Heidrun Benölken-Wenker wird mit wenigen Handgriffen der alte Reißverschluss in der kleinen weißen Hose gegen einen neuen ausgetauscht.

Zur selben Zeit hilft Marianne Steiner einer Frau, die ein Kleid verlängern möchte. Den Stoff, der angenäht werden soll, hat die Frau bereits mitgebracht. Und so ist die Änderung des Kleidungsstücks im Handumdrehen erledigt. An eine besondere Schneiderarbeit können sich Marianne Steiner und Hei­drun Benölken-Wenker noch sehr gut erinnern: „Einmal haben wir hier fünf Abendkleider für eine türkische Hochzeit angefertigt.“

Ein besonderes Highlight im Jahreskalender ist die „Jahresabschlussfeier“ in der Weihnachtszeit. Als ein „Potpourri der Kulturen“ beschreibt Heidrun Benölken-Wenker begeistert das Fest. Jeder bringt ein besonderes Gericht oder eine originelle Speise aus seiner Heimat mit, und gemeinsam reist man kulinarisch durch die Welt. „Das Fest ist immer ein spannender Austausch von Religion, Sprache und Kulturen“, freut sich Marianne Steiner.

Auf dem Martinimarkt werden die Frauen in diesem Jahr, anders als in den Vorjahren, keine selbst gemachten Arbeiten verkaufen. Stattdessen planen sie um Ostern herum einen kleinen Basar.

Marianne Steiner blickt gelassen und optimistisch in die Zukunft der „Nähstube“: „So, wie es kommt, kommt es. Wir machen solange, wie Interesse besteht, weiter.“

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