Änne Schönhauser wird 100 Jahre alt
In den Heimatort zurückgekehrt

Nottuln -

Auf ein langes Leben blickt Änne Schönhauser zurück. 100 Jahre wird sie am 14. März alt. Und erzählt aus ihrer reichen Erinnerung.

Samstag, 14.03.2020, 09:25 Uhr aktualisiert: 14.03.2020, 10:00 Uhr
Änne Schönhauser aus Nottuln wird heute (14. März) 100 Jahre alt. In ihrem Zimmer im Haus Margarete steht ein großes Bild von der ganzen Familie.
Änne Schönhauser aus Nottuln wird heute (14. März) 100 Jahre alt. In ihrem Zimmer im Haus Margarete steht ein großes Bild von der ganzen Familie. Foto: Ludger Warnke

Heute (Samstag) wird Änne Schönhauser 100 Jahre alt. Sie wurde zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Agnes am 14. März 1920 und noch weiteren sieben Geschwistern zu Hause auf dem elterlichen Hof Gnegel in der Bauerschaft Heller geboren.

Eine Hebamme kam zu den Geburten ins Haus, das reichte im Normalfall. „Da gab es damals noch keinen elektrischen Strom, nur Petroleumlampen. Das war gefährlich und umständlich. Die Glaszylinder setzten schnell Ruß an und mussten oft geputzt werden. Der Strom kam erst etliche Jahre später ins Haus“, erzählt die Jubilarin.

Sie besuchte zusammen mit ihren Geschwistern die Bauerschaftsschule in Buxtrup. „Das war eine schöne Zeit“, sagt sie, „der Lehrer hatte immer Verständnis für die Familien der Schülerinnen und Schüler“, die zumeist in der Landwirtschaft tätig waren. „In der Erntezeit gab es weniger Hausaufgaben, weil zu Hause geholfen werden musste.“ Alle Jahrgänge waren in einer Klasse. Das ging aus heutiger Sicht erstaunlich gut. Die Älteren halfen den Jüngeren. Die Jungen machten mit dem Lehrer Sport, die Mädchen bekamen Handarbeitsunterricht bei der Ehefrau. „Unser Lehrer Herr Stoffers sorgte damals dafür, dass das Kreuz als Symbol des christlichen Glaubens und der Humanität auch während der Nazi-Zeit im Klassenzimmer aufgehängt blieb“, erinnert sie sich respektvoll.

Nach der Schule war Änne Schönhauser, wie damals auf dem Lande üblich, in größeren landwirtschaftlichen Betrieben in Stellung und schließlich im Haushalt der Fabrikantenfamilie Hüls von der damals in Appelhülsen niedergelassenen Textilfabrik Hüls und Maiknecht. „Dort habe ich vieles gelernt, unter anderem auch das Trinken von Bohnen-kaffee.“

Die Kriegszeit war von Entbehrungen geprägt. „Die drei älteren Brüder sind leider nicht aus dem Krieg zurückgekehrt, zwei sind bis heute vermisst. Das war für die Familie sehr schlimm, aber das Leben musste weitergehen.“

Nach dem Krieg half sie ihrer schon verheirateten Zwillingsschwester Agnes in Warendorf, die dort mit ihrem Ehemann Alfons Fliß die Gastwirtschaft „Zur Sonne“ betrieb. „Der Schwager holte mich in Nottuln ab.“ Zusammen ging es dann mit dem Fahrrad in die Stadt.

Dort lernte sie auch ihren zukünftigen Ehemann Kurt kennen. Er nahm zusammen mit Kameraden der Berufsfeuerwehr Duisburg dort in der Landesfeuerwehrschule an Lehrgängen teil. Die Schule war nach Warendorf ausgelagert, da die Gebäude in Münster am ursprünglichen Standort vom Krieg arg in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Abends besuchte er die Gastwirtschaft ihrer Schwester Agnes, um nach dem anstrengenden Lernen dort seinen Durst zu löschen. „Er spielte auf dem Klavier, das in der Gaststätte aufgestellt war. Er hat mir sofort gefallen, auch weil er aus der Großstadt kam.“ Problematisch für das Umfeld war damals nur, dass er Angehöriger der evangelischen Konfession war. „Das hat mich selber damals nicht gestört. Das wäre heute Gott sei Dank auch kein Problem mehr“, ist sie sich sicher.

Die Eheschließung erfolgte 1951 katholisch in Duisburg-Hamborn und nur unter der Bedingung, dass die Kinder im katholischen Glauben erzogen werden. Das musste unterschrieben werden. Zwei Söhne und eine Tochter sind zur Welt gekommen. Nach der Pensionierung ihres Ehemannes ist Änne Schönhauser mit ihm an ihren Heimatort nach Nottuln zurückgekehrt. Gerne ist sie zum Schwimmen gegangen oder hat die Seniorenstube besucht. „Hausarzt ist mein Enkelsohn Sascha, der hat mir auch Tabletten verschrieben, nachdem ich ins Haus Margarete eingezogen bin.“ Was eigentlich gar nicht nötig war. Aber die anderen Bewohnerinnen bei Tisch hätten gesagt, „dein Enkel ist doch dein Hausarzt, warum bekommst Du keine Tabletten? Ist ja klar, das gehört in einem Seniorenwohnheim irgendwie zum guten Ton. Da hat er mir dann welche verschrieben“, schmunzelt sie. „Von ihm werde ich gut versorgt. Aber richtig krank bin ich eigentlich nicht. Nur die Knochen machen nicht mehr mit.“

Warum sie so alt geworden sei? „Keine Zigaretten, wenig Alkohol, vor allen Dingen keinen Sekt, aber viel Bewegung. Bis vor wenigen Jahren konnte ich alles noch mit dem Fahrrad erledigen, das war schön. Gut getan hat mir auch zeitlebens die Gartenarbeit, die ich sehr gerne und mit Achtsamkeit gemacht und genossen habe. Besonders viel Freude hatte ich in der Erdbeerzeit, wenn die Ernte gut ausgefallen ist.“

Dankbar denkt Änne Schönhauser auch an ihre vielen Auslandsreisen zurück, die sie unter anderem nach Skandinavien, Russland und ins Heilige Land geführt haben. Auch viele Regionen in Deutschland hat sie so kennengelernt.

Auf die Frage, wer denn zum Gratulieren der Jubilarin komme, erwidert sie mit westfälischem Gleichmut: „Wer kommt, der kommt. Das lassen wir mal auf uns zukommen. Ich hoffe aber mal, dass meine jüngere Schwester Paula kommt. Die ist im Elternhaus geblieben. Die anderen Schwestern und deren Ehemänner sind leider schon verstorben. Das ist der Nachteil, wenn man so alt wird. Ansonsten freue ich mich, dass ich diesen Tag im Kreise meiner Kinder und Enkel und Urenkel erleben darf.“

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