Corona-Pandemie: Eindrücke aus Peru
Militär kontrolliert die Ausgangssperre

Nottuln/Cusco -

Seit August vergangenen Jahres leistet der Nottulner Lukas Sydow einen Freiwilligendienst in Peru. Auch dort ist die Corona-Pandemie ein großes Thema. Es gibt unter anderem eine strenge Ausgangssperre.

Sonntag, 22.03.2020, 20:36 Uhr aktualisiert: 22.03.2020, 20:40 Uhr
Corona-Pandemie: Eindrücke aus Peru: Militär kontrolliert die Ausgangssperre
Foto: Lukas Sydow

Hupende Autos, schreiende Straßenverkäufer, Touristen auf dem Weg zum weltberühmten Machu Picchu und Einheimische in übervollen Bussen, die sie zur Arbeit oder nach Hause bringen – Cusco in den peruanischen Anden ist eigentlich eine pulsierende Stadt. Und nun: gähnende Leere, eine unheimliche Stille, das öffentliche Leben ist vollständig zum Erliegen gekommen.

263 bestätigte Coronavirus-Erkrankungen gibt es mittlerweile in Peru, vier Menschen sind bereits an den Folgen der Infektionskrankheit gestorben (Stand: 21. März). Am 15. März hat sich Präsident Vizcarra in einer Rede an seine Landsleute gewandt und drastische Maßnahmen zur Eindämmung des neuartigen Virus verkündet. Seitdem darf das Haus nur noch für den Weg zur Arbeit, zum Lebensmittelkauf, zur Apotheke oder zum Arzt verlassen werden. Ansonsten gilt eine nationale Ausgangssperre, egal ob in der Millionenme­tropole Lima oder in den Provinzen. Mehr als 32 Millionen Menschen, davon über 10 Millionen in der Hauptstadt, bekommen die Einschränkungen zu spüren.

Leistet einen Freiwilligendienst in Peru: Lukas Sydow aus Nottuln.

Leistet einen Freiwilligendienst in Peru: Lukas Sydow aus Nottuln. Foto: Iris Bergmann

Der Einschnitt kam für viele überraschend konsequent, hat doch das Land zu Beginn zögerlich auf die weltweite Verbreitung des Virus reagiert. Große Tageszeitungen kritisierten fehlende Schutz- und Kontrollmaßnahmen an Flughäfen und Busbahnhöfen, die Ansteckungsketten sind nicht mehr nachvollziehbar. In vielen Krankenhäusern fehlt es ohnehin an Ausstattung und Personal.

Während in Deutschland nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation auf 1000 Einwohner durchschnittlich 4,3 Ärzte kommen, ist es in Peru nur gut ein Mediziner. Das Gesundheitssystem gilt als marode und unterfinanziert. Momentan ist es durch einen verstärkten Ausbruch des Dengue-Fiebers in den Amazonas-Gebieten zusätzlich strapaziert.

Anfang März forderte das Gesundheitsministerium die Bevölkerung dazu auf, sich an grundlegende Hygiene-Regeln zu halten. Wie sich die schätzungsweise 7 Millionen Peruaner ohne Zugang zu fließendem Wasser gründlich die Hände waschen sollen, blieb jedoch unklar. Zumindest auf öffentlichen Märkten stellte die Stadtverwaltung Wassereimer mit Seife auf, die mehr oder weniger konsequent in Anspruch genommen wurden.

Nach und nach stieg allerdings die Sorge vor einer exponentiellen Verbreitung des Virus und damit einer vollständigen Überforderung des Gesundheitssystems. Als eines der ersten Länder in Südamerika beschloss Peru dann doch drastische Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. Die Grenzen sind geschlossen, weder auf dem Luft- noch auf dem Landweg kann man ein- oder ausreisen.

Mitte der Woche verschärfte die Regierung die Maßnahmen weiter. Nachts gilt nun eine vollständige Ausgangssperre und auch tagsüber kontrolliert das Militär die Einhaltung der strengen Regeln. Wer auf dem Weg zur Arbeit ist, muss einen Passierschein vorzeigen. Touristen werden umgehend in ihre Unterkünfte zurückgeschickt. Die großen Straßen und Plätze sind menschenleer.

Trotz allem verstehen und respektieren die meisten Peruaner die einschneidenden Maßnahmen. Über die sozialen Netzwerke rufen sie eindringlich zur Einhaltung der Ausgangssperre auf, zum Beispiel mit dem Hashtag #YoMeQuedoenCasa (Ich bleibe zu Hause).

Berichte aus Italien sollen zeigen, dass das Land vor einer ähnlichen exponentiellen Entwicklung steht, wenn sich die Bevölkerung nicht verantwortungsvoll verhält. „Peru liegt in deinen Händen“, propagiert die Regierung und stößt damit auf große Zustimmung und Solidarität.

Dies alles kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die nationale Quarantäne insbesondere die vielen Peruaner, die im informellen Sektor oder Tourismus beschäftigt sind, hart trifft. Straßenverkäufer verdienen keinen Cent mehr in diesen Tagen. Der Reiseverkehr ist vollständig eingebrochen. Momentan befinden sich zwar noch einige Touristen im Land, die von der Schließung der Grenzen überrascht worden sind. Aber schon seit über einer Woche haben die Hauptsehenswürdigkeit Machu Picchu wie auch alle Restaurants und Läden geschlossen.

Viele Staaten sind bereits dabei, ihre gestrandeten Bürger mit Sonderflügen zurückzuholen. Auch die deutsche Regierung hat eine solche Aktion lanciert. Die Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, der Botschaften und Konsulate arbeiten auf Hochtouren. Sie holen Sondergenehmigungen ein, informieren Gestrandete über den aktuellen Stand und erstellen Listen mit ihren Aufenthaltsorten. Ungefähr 4000 Bundesbürger hängen in Peru fest. Sie alle sind vom weltweiten Ausmaß der Krise überrascht worden.

So auch die peruanische Regierung. Am Tag nach dem ersten Corona-Todesfall im Land ernannte der Präsident einen neuen Gesundheitsminister – es ist der dritte innerhalb von nur fünf Monaten.

Ob er es schaffen wird, die Zahl der Corona-Neuerkrankungen entscheidend zu reduzieren, hängt auch maßgeblich von der Mitwirkung aller Peruaner ab – Ausgang ungewiss.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7338926?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F104%2F164%2F
Nachrichten-Ticker