Vor 75 Jahren in Nottuln – Teil 2
Weiße Fahne am Kirchturm

Nottuln -

Wie waren damals die Jahre um das Kriegsende? Die Tagebücher des Blaudruckers Wilhelm Kentrup geben Auskunft.

Samstag, 11.04.2020, 08:40 Uhr aktualisiert: 11.04.2020, 08:44 Uhr
Bei der Arbeit: Der Blaudrucker und Chronist Wilhelm Kentrup.
Bei der Arbeit: Der Blaudrucker und Chronist Wilhelm Kentrup. Foto: privat/Sammlung Ulla Wolanewitz

75 Jahre ist es nun her, dass zu Ostern 1945 das baldige Ende des II. Weltkrieges auch das Dorf Nottuln am Südhang der Baumberge erreichte. Die Zahl der Zeitzeugen, die noch über selbst Erlebtes berichten können, nimmt immer weiter ab. In einer dreiteiligen Serie hat unsere Mitarbeiterin Ulla Wolanewitz Material von Zeitzeugen zusammengestellt und erinnert an die Ereignisse von damals.

Eventuelle Ausgangssperre, Hamsterkäufe, Krieg. Wer hätte gedacht, dass Begriffe wie diese 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges ein unglückseliges Revival finden? Die Wurzel des aktuellen Übels heißt Covid-19. Wobei Zeitzeugen, die den Nationalsozialismus miterlebt haben, gerne und sicherlich mit Recht betonen, dass diese beiden Lebensabschnitte kaum zu vergleichen sind. Die Einschränkungen und Entbehrungen, die der Bevölkerung zum eigenen Schutz derzeit abverlangt werden, sind verhältnismäßig gering, während jene im Zweiten Weltkrieg zusätzlich noch mit Angst und Schrecken gepaart waren.

Während dieser Tage die Ärzte und Pflegekräfte und alle in systemrelevanten Tätigkeiten Aktive als Kämpfer und Helden dem unsichtbaren Feind Paroli bieten, waren es seinerzeit beherzte Bürger, die den Alliierten mit weißen Fahnen entgegenmarschierten.

Die Ereignisse jener Tage hielt Blaudrucker Wilhelm Kentrup (1898-1963), der in der Zeit von 1933 bis 1945 fleißig zur Feder griff, in einem seiner acht Tagebücher fest – in feinstem Sütterlin. In den 1990er-Jahren gewährte seine Witwe Änne Kentrup (1909-2002) einen Blick in die Aufzeichnungen der letzten Kriegstage. Karfreitag 1945: Die Alliierten werden stündlich erwartet. Dechant Bütfering bringt eine weiße Fahne zu Wilhelm Kentrup, mit der Bitte, diese zum rechten Zeitpunkt an der Kirche aufzuhängen. Unabhängig davon klettern gegen Mittag zwei junge Nottulner in den Kirchturm, um dort die weiße Flagge zu hissen.

 

Als wir unten ankamen, haben wir uns hinter der Kirchentür versteckt. Bewaffnete Soldaten suchten bereits in der Kirche nach uns. Die hätten uns an die Wand gestellt und erschossen“, erinnerte sich 1995 dazu einer der Beteiligten. Die weiße Fahne am Kirchturm gab vielen Nottulnern das Signal, ebenfalls ein weißes Laken aus dem Fenster zu hängen. Das zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht ungefährlich war. Zeitzeugin Marietheres Wübken erzählt: „Ein deutscher Soldat schrie mich an: Weg mit der Fahne, sonst werden sie auf der Stelle erschossen“.

Am Nachmittag des Karfreitags setzten die deutschen Truppen einen englischen Panzerspähwagen mit einer Panzerfaust in der Nähe des Hofes Lüning in Brand. Zwei Engländer kamen dabei zu Tode. Sie wurden zunächst am Straßenrand begraben. Im Ort waren die deutschen Truppen noch nicht abgezogen. Das veranlasste einige Nottulner, Kontakt zur deutschen Kommandantur aufzunehmen. Der Stab befand sich auf dem Hof Schürmann-Vehoff. Der Hauptmann ließ sich jedoch nur schwer bewegen, das Dorf zu verlassen. Wilhelm Kentrup notierte zu dieser Verhandlung, die für die Unversehrtheit Nottulns wohl ausschlaggebend war: „Ich … war bei … Schürmann … als Herr Rhode und Herr Münich hereinkamen. Herr Rhode hatte schon eine Menge Socken gestiftet, um die deutschen Truppen zum Abzug zu bewegen, aber es wollte noch nicht klappen. Weiterhin wurden eine ganze Menge Alkohol von Herrn Rhode geholt und für den Hauptmann einige extra gute Marken besten Cognacs. Bei allen guten Reden betonte der Hauptmann immer wieder: „Wenn Nottuln in Trümmern liegt, ist das nicht so schlimm. Wir müssen den Krieg gewinnen!“

Am Ende gewann „Herr Rhode“, einer der beiden Eigentümer der gleichnamigen Strumpffabrik. Der Hauptmann versprach den Abzug der Truppen für 24 Uhr. Er selbst zog gegen 23 Uhr in Richtung Schapdetten. Das Dorf war wieder frei.

Kentrup schrieb weiter: „Die Straßensperren, die der Volkssturm zuvor an sechs Stellen im Ort „provisorisch“ errichtet hatte, zogen sie beim Abmarsch noch zu. Als die letzte Barrikade zugerollt wurde, war die erste allerdings schon wieder beiseite gerollt. Dies war nur möglich, weil die dafür verwendeten Tonnen noch nicht mit Beton gefüllt waren. Den Nottulnern war klar, dass auch nur das kleinste Anzeichen auf Verteidigung, die Alliierten veranlasst hätte, das Dorf noch in letzter Minute in Schutt und Asche zu legen. In den frühen Morgenstunden des Karsamstags gingen Kaplan Pricking und der Kaufmann Johannes Sasse den Alliierten in Richtung Darup mit der weißen Fahne entgegen. „Von Amtswegen war zu diesem bedeutsamen Akte keiner zugegen, oder sie zogen es vor, sich krank zu machen, oder, na, na…was geht uns das an.“

Da sich das Dorf bedingungslos ergeben hatte, blieb es glücklicherweise von größeren Schäden und Bombardements verschont.

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