FI-Videokonferenz
Ein Land – viele Konflikte

Nottuln -

Der Libanon ist ein vielschichtiges Land. Einen Eindruck davon vermittelte nun auf Einladung der Nottulner FI Clemens Ronnefeldt.

Mittwoch, 23.09.2020, 18:29 Uhr aktualisiert: 25.09.2020, 12:18 Uhr
Clemens Ronnefeldt – hier im Gespräch mit dem Bischof Dr. Eli Hadad in Beirut – informierte die Mitglieder der FI und interessierte Bürger über die Ergebnisse seiner Libanon-Reise.
Clemens Ronnefeldt – hier im Gespräch mit dem Bischof Dr. Eli Hadad in Beirut – informierte die Mitglieder der FI und interessierte Bürger über die Ergebnisse seiner Libanon-Reise. Foto: FI Nottuln

Zu einer Zoom-Konferenz hatte am Montagabend die Friedensinitiative Nottuln (FI) den Referenten für Friedensfragen beim deutschen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes, Clemens Ronnefeldt , eingeladen. Vor Mitgliedern der FI sowie weiteren extern zugeschalteten Gästen berichtete Ronnefeldt anschaulich mit Bildern und kurzen Video-Clips von seiner Reise durch den „Libanon – einem Land unter Hochspannung“.

Dabei stellte er zunächst das Land, halb so groß wie das Bundesland Hessen, mit rund sechs Millionen Einwohnern vor. Davon sind 1,5 Millionen syrische und rund 400 000 palästinensische Flüchtlinge. 18 anerkannte Religionsgemeinschaften gibt es im Land. Fünf davon sind muslimisch: Sunniten, Schiiten, Drusen, Ismailiten und Alawiten. Von den zwölf christlichen Kirchen ist die maronitische die größte, gefolgt von der griechisch-orthodoxen.

Alle religiösen Würdenträger seien sowohl Teil des Problems als auch Teil der Lösung, sagte Ronnefeldt. Bischöfe und Imame fungierten als staatlich beauftragte Richter, während immer größere Teile der Zivilbevölkerung eine Trennung von Staat und Religion befürworteten. Gleichzeitig sähen sich viele Würdenträger selbst als „Feuerlöscher“, welche die Spannungen im Land vor der Eskalation bewahrten.

Der Libanon stehe unter gewaltigem Druck mehrfacher Spannungen: Vor allem die christlichen Teile der libanesischen Gesellschaft fühlten sich als Mittelmeeranrainerstaat eher Europa zugehörig, die muslimische Mehrheit mehr dem arabischen Raum verpflichtet. Und in kaum einem anderen Land würde durch andere Mächte in so eklatanter Weise von außen Einfluss genommen, betonte der Referent. Die Schiiten würden von Iran unterstützt, die Sunniten aus Saudi-Arabien, die Christen aus Frankreich, Orthodoxe fühlten sich Russland verbunden.

Nach der Ermordung von Ministerpräsident Rafik Hariri 2005 zerfiel das Land in zwei etwa gleich große Bündnisse, ein überwiegend pro-syrisch/iranisches und ein überwiegend pro-saudisches.

Zu all diesen Spannungen der verschiedenen Gruppen kommen soziale Konflikte durch krasse ökonomische Unterschiede zwischen Milliardären und Millionären auf der einen Seite und einer total verarmten Mehrheit auf der anderen Seite.

Clemens Ronnefeldt, Diplom-Theologe mit Zusatzausbildung in Friedensarbeit, war mit einer Reisegruppe von Menschen aus der Flüchtlingsunterstützungs- und Asylarbeit der evangelischen Kirche im Rheinland in Kooperation mit dem „Haus des Friedens“ (Dar Assalam) in Wardaniyeh bei Saida (Libanon) zwei Wochen im Land unterwegs. Die Gruppe besuchte unter anderem das Büro des Flüchtlingshilfswerkes der Vereinten Nationen (UNHCR), das Büro der Organisation für Migration (IOM), Flüchtlingslager mit mehreren Tausend Geflüchteten aus Syrien in der Bekaa-Ebene, das palästinensische Flüchtlingslager Shatila und die Deutsche Botschaft.

Weitere Gesprächspartner waren auch der Bischof der griechisch-katholischen Kirche, Dr. Eli Hadad, sowie Vertreterinnen und Vertreter der deutschen evangelischen Gemeinde zu Beirut. Mit der Organisation „Kämpfer für den Frieden“, in der sich ehemalige Bürgerkriegssoldaten zum Dialog treffen, und der Frauenrechtsorganisation KAFA (arab. „Genug“ – im Sinne von „genug“ Gewalt) hatte die Delegation Begegnungen und einen regen Austausch.

Neben dem zügigen Wiederaufbau von Beirut nach der Explosion vom 4. August dieses Jahres, der Instandsetzung von Krankenhäusern und der öffentlichen Infrastruktur, bräuchte das Land tiefgreifende politische Reformen – wie die Abschaffung des religiösen Proporzsystems. Dazu bräuchte es einen Parlamentsbeschluss, so Ronnefeldt. Da alle Parteien auf Gelder aus dem Ausland angewiesen seien, habe die internationale Gemeinschaft ein Druckmittel in der Hand.

Viele Gelder, die derzeit in den Taschen weniger Milliardäre und Millionäre versickern, werden benötigt, um Arbeitsplätze zu schaffen. Die Auszahlung sollte über Humanitäre Hilfswerke wie die im Land tätige Caritas und vertrauenswürdige Nichtregierungsorganisationen erfolgen. Besonders empfahl der Referent die Arbeit des „Hauses des Friedens“, wo obdachlos gewordene Frauen aus Beirut nach der Explosion vom 4. August ein Dach über dem Kopf gefunden hätten, so lange, bis ihre Wohnungen in Beirut wieder bewohnbar seien.

 

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