Zeitzeugin Hildegard Schwering
Schmale Jahre waren das

Nottuln -

Tapeten an den Wänden konnte sich nicht jeder leiten. Eine Waschmaschine gar? Pustekuchen! Zeitzeugin Hildegard Schwering erinnert sich an die 50er-Jahre in Nottuln.

Freitag, 08.01.2021, 18:49 Uhr aktualisiert: 08.01.2021, 18:56 Uhr
Eine Momentaufnahme aus den 1950er-Jahren: ein Sonntagsausflug mit „Blagengemöös“ zum Gasthaus Stevertal, dessen Karussell natürlich die Kinder begeisterte.
Eine Momentaufnahme aus den 1950er-Jahren: ein Sonntagsausflug mit „Blagengemöös“ zum Gasthaus Stevertal, dessen Karussell natürlich die Kinder begeisterte. Foto: privat

Eine Ausbildung nach dem Schulabschluss? Die stand 1944 für junge Frauen oft in weiter Ferne. In diesem Jahr kam Hildegard Schwering (geb. Kunsleben) aus der Schule. Ihre fünf Brüder waren im Krieg. Zwei davon kamen auch nie wieder. Ihr Vater war Herrenschneider an der Coesfelder Straße (heute Daruper Straße), der Kleidung für die Wehrmacht, aber auch feinsten Zwirn für die Herrschaften der Fabrikantenfamilie Rhode anfertigte. Er verstarb 1944 mit erst 67 Jahren, womit sich für Hildegard Schwering die Aufgabe klar definierte: Sie musste zu Hause bleiben und helfen.

Es gab einen großen Kartoffelacker, zwei Schweine und einen Selbstversorger-Garten. Ihre ältere Schwester Marianne arbeitete in der Strumpffabrik Rhode, und ihre Halbschwester Giene war als Stationsschwester in einem Krankenhaus in Münster tätig.

Bereits 2012 erzählte die Protagonistin, die im vergangenen Jahr ihr 90. Lebensjahr vollendete, Ulla Wolanewitz ihr Leben in den 40/50er-Jahren im Rahmen des interkommunalen Projektes „Muckefuck & Möppkenbraut“, zu dem Ende Oktober 2020 ein Buch unter gleichem Titel erschienen ist. „Das Buch fand eine wunderbare Resonanz“, freut sich die Autorin. „Das Interesse von Zeitzeugen zu erfahren, wie die Zeit damals war und auch Erinnerungen wieder hervorzuholen, ist riesengroß. Ich habe viele dankbare Rückmeldungen bekommen, woran ich natürlich auch viel Spaß habe!“

Für Paul Schwering, den die Zeitzeugin 1953 heiratete, war das Jahr 1944 ein gleichermaßen unglückseliges. Als Soldat in Stalingrad riss ihm eine Mine den linken Unterschenkel weg und machte ihn zum Kriegsversehrten, der anschließend seinem Beruf als Buchbinder in der Druckerei nicht mehr nachgehen konnte. Wie vielen anderen Leidensgenossen wurde auch ihm eine Beamtenlaufbahn ermöglicht. Er begann in der Nottulner Gemeindeverwaltung und wurde Gemeindeinspektor. Als Gemeinde-Amtsrat ging er 1982 in Pension. Im Unruhestand ließ er sich aber noch als Vorsitzender für den Heimat- und Verkehrsverein gewinnen, dessen Aufbau er mit begleitete.

Ihr eigenes Nest baute das junge Nottulner Paar zunächst in einer Wohnung am Niederstockumer Weg, bis es 1956 ins Eigenheim am Eckenhovener Weg einziehen konnte. „Dao wass ik haugschwanger met dat twedde Kind. Et wass eenen schönen warmen Summer, wao de Lauptstall för de Öllste oft in‘n Guorn stonn“, erinnert sich Hilde Schwering noch sehr genau.

Schmale Jahre waren das. Eine Tapete in Küche oder Wohnzimmer saßen erstmal gar nicht drin. Geschweige denn eine Zentralheizung. In der Küche sorgte der Kohlenherd für Wärme, der jeden Morgen „angebötet“ wurde. Oma Kunsleben war von Beruf Weißnäherin und kümmerte sich unter anderem darum, dass ihre Enkelkinder „ümmer sundagsfien wassen“.

Die elektrische Waschmaschine? Pustekuchen! Im Keller gab es ein Auffangbecken für Regenwasser und daneben den Waschpott, der auch entsprechend „angebötet“ werden musste. Darin wurde die Wäsche gekocht und anschließend in einer hölzernen Schaukelmaschine durchgerüttelt. Der Klarspülgang wurde im Bassin nebenan wieder manuell durchgeführt. Die elektrische Schleuder ersetzte irgendwann das Auswringen per Hand. Aufgehängt wurden die Textilien immer draußen – auch bei bitterster Kälte.

Der Fernseher hielt zur Freude – vor allem der Kinder in der Nachbarschaft – bereits 1962 Einzug im Hause Schwering. „Wenn Kinnerstunn` wass klingelten et egalwech un usse Wunnstuom satt vull met Blagengemöös“, erinnert sich Hilde Schwering gerne.

Was war das Schönste in den 1950er-Jahren? „Dat´m Stolt sien konn up de Familch, dat Hüesken un denn eegenen Guorn!“, resümiert die Zeitzeugin.

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