Senden
Kabarett statt Klamauk

Sonntag, 27.01.2008, 17:01 Uhr

Senden. Intelligent unterhaltsam – bei Ingo Börchers ist dies kein Widerspruch. Denn der Pisa überwindende Exportartikel aus Bielefeld kann mehr als nur Sprüche klopfen. Er ließ am Freitagabend in der Steverhalle die Gehirnzellen von 350 Besuchern auf Hochtouren laufen, sein wunderbar erfrischender Kabarettauftritt war garantiert eine Bereicherung. Der sympathische Sprachvirtuose hatte das Publikum von der ersten Sekunde an gewonnen, bot einen kurzweiligen Abend mit Wissensvermittlung der etwas anderen Art.

Die Schulzeit hat ihm ein spezielles Verhältnis zu den wirklich wichtigen Dingen im Leben vermittelt, als Referent des Bildungsministeriums für die Lehrerausbildung wäre er revolutionär. Dann wäre Pisa nur noch Vergangenheit, würde das wahre Leben Einzug halten in den tristen Schulbetrieb. Die Lehrpläne könnten getrost eingemottet werden.

Ingo Börchers zählt zu den Meistern seines Faches, beherrscht das Medium der spritzig gehobenen Unterhaltung wie sein Kollege Volker Pispers . Beiden gemeinsam ist nicht nur die Agentur, sondern auch ihr virtuoser Umgang mit der Sprache. Bei den Worteskapaden wurde der Transrapid zum Bummelzug, war Mitdenken ebenso wichtig wie Nachdenken. Im Zeitalter der ausufernden Einfältigkeit tat so etwas gut. Man ließ sich von ihm mitnehmen in die Niederungen seines unvorstellbaren Wissens, wo selbst die trockene Mathematik eine skurril-erotische Seite hat. Die Angriffe auf das Nervenkostüm der Pisa-geschädigten Mehrheit der Bevölkerung gingen im süffisanten Plauderton bis in die hintersten Winkel des Brockhaus. In seinen Händen erstrahlten Galaxien wie Spielbälle der Unterhaltung in funkelnd kabarettistischem Licht. Sein Verstand funktionierte wie ein Seziermesser, ließ auch nicht die kleinste Nebensächlichkeit aus Natur und Technik aus. Der Darwinistische Evolutionsbegriff erschien überholt wie so viele vermeintlichen Wahrheiten, ein Stein in seinen Händen mutierte zum ersten Werkzeug der Menschheitsentwicklung.

Politisch wurde Börchers immer dann, wenn man es nicht erwartete. In seinen Nebensätzen, die manchmal die Länge ganzer Buchseiten haben konnten, bekamen die „großköpfigen“ Vertreter der zum Schweigen gebrachten Mehrheit der Bevölkerung ihr Fett weg. Wem das Tempo von Gisela Schlüter nicht ausreichte, erlebte hier eine mit viel Mutterwitz gewürzte kabarettistische Schnellkost. Böse war dieser Sprachakrobat „aus der Provinz östlich von Senden“ nie, seine Spitzen saßen tiefer. Intellekt und Intelligenz gingen eine rasante Symbiose ein, die sekundenschnellen Attacken wirkten lange nach. Da brauchte man kein „Drei-Sekunden“-Gedächtnis eines Goldfisches, seine Ausführungen gingen sofort ins Stammhirn und verbreiteten dort ein von Glückshormonen erfülltes Gefühlschaos. Die ganze Welt fand bei ihm einen Platz, amüsanter als jeder Band eines Universal-Lexikons. So sollte Wissensvermittlung sein – Comedy und Kabarett im steten Wechsel, von beidem die heißesten Spitzen mit viel Gefühl für Situationskomik verbunden.

„Wissen auf Rädern“ war niveauvoll unterhaltsam bis zum letzten Wort, besser als jedes Taxi-Ratespiel. Da wurde ganze Arbeit geleistet. Ingo Börchers, der Daniel Düsentrieb des deutschen Kabaretts, hat die Besucher der Steverhalle verändert. Nach diesem fulminant erfolgreichen Event des Wissens war der eigene Horizont irgendwie verschoben. Axel Engels

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/535414?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F104%2F166%2F698499%2F698511%2F
Nachrichten-Ticker