Senden
„Soziales Frühwarnsystem“

Dienstag, 11.11.2008, 16:11 Uhr

Senden. Kaum fassbare Fälle von Vernachlässigung, sexuellem Missbrauch und Misshandlung von Kindern haben die Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren schockiert und wachgerüttelt. Angesichts der gewachsenen Sensibilisierung der Bevölkerung und der noch relativ starken Sozialkontrolle in den Orten des Kreises Coesfeld habe der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) von immer mehr Fälle Kenntnis bekommen, in denen Jugendhilfe gefordert ist, sagt Stefan Holtkamp , Teamkoordinator beim Kreis-Jugendamt. Als Folge habe der Kreis Coesfeld die Arbeit des ASD auf „Projektfüße gestellt“ und die Zahl der Stellen vorsorglich von 8,5 auf 12,5 aufgestockt.

Von dieser Neuregelung profitiert auch die Gemeinde Senden. Statt wie bisher 1,5 Stellen stellt der ASD nun zwei volle Stellen zur Verfügung: Gudrun Jung , die lange Jahre im „Kerngebiet Senden“ tätig war, ist nun mit einer halben Stelle für Ottmarsbocholt und Bösensell zuständig. Edith Blumenthal – ebenfalls halben Stelle – übernimmt den Bereich Senden-West. Für den gesamten Rest des Ortsteils Senden ist Nicole Reick mit einer vollen Stelle zuständig. „In früheren Jahren konnten wir nur reagieren, durch das neue Projekt bekommen wir frühzeitigen Kontakt“, fasst Gudrun Jung zusammen. „Die Wege sind viel kürzer geworden“, ergänzt Nicole Reick. Aus Sicht von Bürgermeister Alfred Holz ist ein „soziales Frühwarnsystem “ geschaffen worden, das Kinder von Säuglingstagen an begleiten kann“. Der präventive Bereich sei gestärkt worden. „Das ist ein wichtiger Ansatz.“

Doch nicht allein die Sensibilisierung der Öffentlichkeit ist für die kreisweit gestiegenen Fallzahlen verantwortlich. Stefan Holtkamp nennt ein weiteres Phänomene: „Es ist eine Wanderung aus dem Ruhrgebiet nach Norden zu beobachten. Denn Gemeinden wie Senden haben günstigen verfügbaren Wohnraum, eine gute Infrastruktur und eine gute Verkehrsanbindung nach Münster.“ Doch bei dem Umzug ins Münsterland nehmen die Familien auch ihre bereits bestehenden sozialen Probleme mit. Noch einen weiteren Grund für den Anstieg der Fallzahlen im Jugendamtsbereich nennt Holtkamp: Der Stress beim Hausbau und sich oftmals anschließende finanzielle Schwierigkeiten haben in Neubaugebieten nicht selten Trennungen und andere familiäre Probleme zur Folge. In manchen Fällen suchen die Familien aus eigenem Antrieb Hilfe. Daneben machen Nachbarn, Schulen oder Polizei das Jugendamt aufmerksam.

„Viele haben nicht gelernt, mit ihrer Elternrolle klar zu kommen und sind mit der Situation überfordert“, erklärt Nicole Reick und ergänzt: „Das Jugendamt wird oft gleich gesetzt mit: Kinder werden aus den Familien heraus genommen. Das stimmt nicht. Herausnahmen sind nur ein sehr geringer Teil unserer Arbeit. Im Fokus steht der Dienstleistungsgedanke für die Familien. Wir wollen Hilfen zur Selbstständigkeit geben und vermitteln auch zu verschiedenen Kooperationspartnern.“ Deshalb seien Hausbesuche ein besonders wichtiger Bestandteil der Arbeit, betont Edith Blumenthal.

Diese Aussagen bestätigt Teamkoordinator Stefan Holtkamp: „Im vergangenen halben Jahr mussten wir kreisweit keinen Antrag auf Sorgerecht-Entzug stellen. Überhaupt sind im Kreis Coesfeld nur etwa 130 bis 140 Kinder und Jugendliche in Einrichtungen untergebracht.“ In diesen Fällen werden die Eltern parallel betreut, um eine tragfähige Basis zu schaffen, damit die Kinder möglichst kurzfristig wieder in die Familie zurückkehren können. Damit es gar nicht erst so weit kommt, setze das Jugendamt zum einen auf möglichst frühe Prävention, betont Holtkamp. Zum anderen sei die Vernetzung mit den Schulen, der offenen Jugendarbeit und der gemeindlichen Sozialarbeit besonders wichtig.

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