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Leinenzwang: Die Leiden in der modernen Online-Welt

Sonntag, 28.11.2010, 13:11 Uhr

Senden - „Wir müssen uns den Herausforderungen der Zeit stellen“ und „ Google ist nicht nur allwissend, sondern auch allgegenwärtig“ - das waren die Essszenen des 90-minütigen Sprachfeuerwerks von Ingo Börchers . Der Kabarettist fand in der gut gefüllten Steverhalle ein westfälisches Publikum vor, gemeinhin nicht für humoristische Ausgelassenheit bekannt, das am Freitagabend aber nach wenigen Minuten das Gegenteil bewies: Mit Schmunzeln, schallendem Lachen und zeitweise nachdenklichen Blicke reagieren die Zuhörer auf Börchers Programm.

Zu Beginn verkündete eine Computerstimme, dass Ingo Börchers „benutzerfreundlich“ sei und „80 Prozent des Textes auf der Festplatte gespeichert“ wären - das Publikum war in die digitale (Parallel-)Welt versetzt. Mit smarter Weste, modischer Brille und weihnachtlich angehauchter Tasche präsentierte sich Börchers den Gästen und vermittelte sofort den Eindruck, dass dort ein technisch versierter Kabarettist für gute Unterhaltung sorgen wird.

Eine rasante Reise durch die Themenwelt der digitalen Errungenschaften unserer Zeit begann: Verlorene Handys, Wortspiele in der Werbung, Castingshows, „Nacktscanner“, erneuerbare Energien bis hin zu politischen Themen wie dem Generationenvertrag und die Chancengleichheit.

Nicht übertrieben gehetzt, aber temporeich absolvierte Börchers sein humorvolles und geistreiches Programm mit dem Titel „die Welt ist eine Google“. Der abgewandelte Spruch „Was Hänschen nicht lernt, braucht Hans auch nicht mehr“ fasste wunderbar das kurzweilige Leben in der Suchgesellschaft zusammen. Aber, so erklärte Börchers, „Information ist nicht Bildung“. Es würde jeden Tag 300 Millionen Suchaufträge bei Google allein aus Deutschland geben, bei 82 Millionen Einwohnern. Auf Ingo Börchers Frage an der Sendener Publikum, wer am Freitag nicht „gegoogelt“ hätte, wurde klar, dass auch das zum Teil ältere Publikum fest in der Hand des Internets ist.

„Gott und Google sollten fusionieren“ - Glaube und Wissen vereint, das sei die kommende Macht. „Kirche 2.0“ sorgte für schallendes Lachen in der Steverhalle. „Leben nach dem Tod und Leben in der zweiten Welt“, war das sprachliche Highlight dieses Themas. Second Life, Facebook und Twitter schien zwar einigen Gästen im Publikum nicht bekannt zu sein, doch „Privatsphäre ist nur etwas für Angsthasen“ brachte die Zuhörer gedanklich wieder zusammen. Kleine Ausflüge zu aktuellen politischen Themen sowie Anekdoten aus dem Leben des Ingo Börchers entspannten die Lachmuskeln des Publikums, allerdings jeweils nur für kurze Momente.

Nach der Pause wandte sich Börchers zunehmend ernsteren Fragen zur Medienwelt, Mediennutzung und Medienkompetenz zu. „Für uns besteht Leinenzwang , wir müssen online sein“, Ebays unfassbare Angebote wie das „WLAN-Kabel“ und Schillers „Glocke“ im SMS-Stil lockerten diesen Block des Kabaretts auf. Wir leben in „einer Welt, die durch viele Wahrheiten besteht“; so könnte Börchers Fazit für den Freitagabend lauten. „Die Grenze zwischen sinnvoll und sinnlos“ zu erkennen, das gab Kabarettist Ingo Börchers dem Sendener Publikum mit auf den Heimweg.

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