25 Jahre Städtepartnerschaft mit Jessen:
„Wir waren nie die Besserwessis“

Senden/Jessen -

Die Städtepartnerschaft zwischen Senden und Jessen feiert in diesen Tagen „Silberhochzeit“. Im WN-Gespräch erinnern sich Horst Böhm, Gerd Gebauer, Arnold Grabowski und Gottfried Suntrup an die Anfänge.

Freitag, 14.08.2015, 15:08 Uhr

Als Männer der ersten Stunde sind sich Horst Böhm (v.l.), Gerd Gebauer, Gottfried Suntrup und Arnold Grabowski einig: Die Partnerschaft mit Jessen hat das kollegiale Miteinander im Sendener Rathaus gefördert. Dazu trugen auch zahlreich gesellige Anlässe bei.
Als Männer der ersten Stunde sind sich Horst Böhm (v.l.), Gerd Gebauer, Gottfried Suntrup und Arnold Grabowski einig: Die Partnerschaft mit Jessen hat das kollegiale Miteinander im Sendener Rathaus gefördert. Dazu trugen auch zahlreich gesellige Anlässe bei. Foto: sff

Es war der Beginn einer „wunderbaren Freundschaft“ – damals, im August 1990. Denn der Besuch von zwölf Ratsmitgliedern und Verwaltungsvertretern aus der Stevergemeinde an der Schwarzen Elster mündete nicht nur in die Städtepartnerschaft von Jessen und Senden. Die große Aufgabe der West-Ost-Verständigung förderte auch das kollegiale Miteinander im Sendener Rat und ließ so manch kleinkariertes kommunalpolitisches Geplänkel in den Hintergrund treten.

In dieser Einschätzung sind sich Horst Böhm , Gerd Gebauer, Arnold Grabowski und Gottfried Suntrup einig. Die Teilnehmer der damaligen Delegation müssen es wissen, schließlich können sie sich gemeinsam auf insgesamt 80 Jahre Mitgliedschaft im Sendener Gemeinderat berufen.

Den allerersten persönlichen Kontakt in Jessen knüpften Gottfried Suntrup und Ernst Nordhaus bereits am 25. Februar 1990. Im Vorfeld der ersten freien Wahlen zur Volkskammer besuchten sie die Stadt, um der örtlichen CDU Unterstützung im Wahlkampf anzubieten. „Wir merkten schnell, dass wir menschlich sehr gut zusammenpassen und waren angetan von der Gastfreundschaft“, erinnert sich Gottfried Suntrup. Tatsächlich leisteten dann Ulrich Röttger, Dr. Peter Schröder und Karl-Friedrich Täger Unterstützung im Wahlkampf.

Von dieser zunächst rein parteipolitischen Schiene wurden die Weichen schnell auf ein breites Gleis der Zusammenarbeit geführt – auf die Ebene der Räte und Verwaltungen.

So begaben sich am 10. August 1990 acht Ratsmitglieder der CDU, SPD, FDP und Grünen gemeinsam mit Bürgermeister Franz Böckenholt, Gemeindedirektor Konrad Potts, dem Beigeordneten Reinhold Wallkötter und Hauptamtsleiter Jürgen Hoffstädt auf den Weg nach Jessen. „Wir hatten die Wagen vollgestopft mit Fax-Gerät, Mobiliar und Bürobedarf fürs Rathaus“, erinnert sich Arnold Grabowski.

Einquartiert wurden die Sendener an diesem Wochenende des Schul- und Heimatfestes ganz unkompliziert bei Jessener Familien. Lediglich Gerd Gebauer (CDU) und Arnold Grabowski (FDP) teilten sich ein Zimmer im Hotel Berlin am Lenin-Platz. „Plötzlich stand Horst Böhm von den Grünen bei uns vor der Tür. Der war irgendwie übrig geblieben“, lacht Gerd Gebauer. „Da haben wir einfach ein Beistellbett dazugestellt. Drei Mann in einem Boot. Und Mensch, der Böhm brauchte morgens immer so lange. . .“ Ärgerlich, denn am Ende des Flures gab es nur eine einzige Dusche für alle. Zum Frühstück reichten die Sendener ein Paket „Krönung“ in die Hotel-Küche: Dort hatte die „Kaffee-Währung“ noch ihren Wert.

Bei ihrem umfangreichen Besuchs- (und Feier-)Programm erfuhren die Sendener, wie sehr es nach dem Zusammenbruch des DDR-Regimes an vielen Dingen mangelte – in Schulen, im Rathaus, in Kindergärten und anderen öffentlichen Einrichtungen. „Spielplätze fehlten. Auch die Feuerwehr hatte Bedarf“, erinnern sich die damaligen „Delegierten“. „Nach dem Wochenende sind wir todmüde und mit einem Koffer voller neuer Erfahrungen zurückgefahren“, sagt Arnold Grabowski.

„Wir wollten unseren Freunden in Jessen nichts überstülpen. Wir waren nie die Besserwessis, sondern wollten wissen, was ist an erster Stelle zu tun“, betont Horst Böhm nachdrücklich. Dieses Statement bestätigt Gottfried Suntrup kopfnickend: „Wir haben uns immer auf Augenhöhe getroffen und viel voneinander gelernt.“ Es sei beeindruckend gewesen, „zu sehen, dass sich die Menschen gegenseitig geholfen haben und viel mit wenigen Mitteln erreicht haben“.

„Die Jessener haben es unheimlich schnell geschafft, Demokratie und Verwaltung aufzubauen. Dazu haben die Bürgerinnen und Bürger vieles mitgetragen“, hebt Horst Böhm hervor. „Und sie hatten mit Dietmar Brettschneider einen starken Bürgermeister. Außerdem war es ein Glücksfall, dass auch zwischen ihm und Gemeindedirektor Potts die Chemie stimmte. Die beiden haben damals viel miteinander telefoniert und gute Arbeit geleistet“, ergänzt Gottfried Suntrup.

Aus Sicht von Arnold Grabowski, Gottfried Suntrup, Horst Böhm und Gerd Gebauer liegt ein ganz besonderer Wert der Städtepartnerschaft in den vielen Begegnungen der Menschen auf privater und persönlicher Ebene.

Besonders intensive Kontakte entstanden zwischen den Feuerwehren. Nicht zuletzt durch die Einsätze der Sendener bei der Flutkatastrophen an der Schwarzen Elster im August 2002. Ein reger Austausch entwickelte sich auch zwischen den Sportvereinen aus allen drei Sendener Ortsteilen und denen der Stadt Jessen, den Heimatvereinen, Musikgruppen und Chören. Darüber hinaus wuchs manche Freundschaft auf privater Ebene. „Die Jessener sind ein Menschenschlag, der zu uns passt. Schon beim ersten Besuch sprang der Funke über“, sagt Gottfried Suntrup.

In den vergangenen Jahren ist die Euphorie der „Sturm- und Drangzeit“, vermutlich auch durch den Generationswechsel, abgeklungen. Einen neuen Impuls soll die Partnerschaft am letzten Augustwochenende erhalten. Dann sind die Jessener, gemeinsam mit Delegationen aus Senden/Iller und Sendens polnischer Partnerstadt Koronowo beim Festival Street Live zu Gast. Und bekanntlich kann Musik eine Brücke sein: zwischen „Wessis“ und „Ossis“, zwischen Deutschen und Polen – und sogar zwischen Preußen und Bayern. . .

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