Bilanz nach 31 Jahren in der Kommunalpolitik
„Meine Ausdauer hat sich gelohnt“

Senden -

Anneliese Pieper hat sich nach 31 Jahren aus der aktiven Kommunalpolitik verabschiedet und zum Jahreswechsel ihr Ratsmandat niedergelegt. Im WN-Interview zieht sie eine Bilanz ihres langjährigen Engagements.

Montag, 11.01.2016, 14:01 Uhr

Anneliese Pieper blickt auf 31 Jahre kommunalpolitisches Engagement zurück.
Anneliese Pieper blickt auf 31 Jahre kommunalpolitisches Engagement zurück. Foto: RALF GROSSE SCHUTE

Als wache Beobachterin, als Frau, die nachfragt und als Mandatsträgerin, die nachhaltige Impulse gesetzt hat, engagierte sich Anneliese Pieper (Die Grünen) seit 31 Jahren in der Sendener Kommunalpolitik. Mit stehenden Ovationen der Vertreter aller Fraktionen hat sie sich zum Jahresende aus der ehrenamtlichen Arbeit im Kommunalparlament und in den Ausschüssen verabschiedet. WN-Redakteur Dietrich Harhues bat die 81-Jährige, Bilanz zu ziehen.

Was waren für Sie die wichtigsten Ereignisse / Einschnitte oder Veränderungen beim Blick zurück auf rund 30-jähriges Engagement in der Kommunalpolitik?

Pieper: Das lässt sich so aus meiner Sicht schwer beantworten. Es sei denn, wir rechnen die Gründung des Sendener Ortsverbandes dazu. Horst Böhm und ich – wir waren beide im Friedenskreis – hatten die Idee und dazu in der Presse eingeladen. Im Juni 1984 war es dann amtlich: Es gab die Grünen in Senden mit mehr als 20 Mitgliedern – und im September waren vier Grüne – zwei Frauen, zwei Männer – in den Sendener Rat gewählt! Nach diesem Blitzstart wurde es „zäher“. Grüne Themen waren neu, waren fremd und trafen auf Vorurteile und „dicke Bretter“. Auch die Art unseres engagierten Auftretens war eher unüblich. Rückblickend kann ich sagen: Meine Unerschrockenheit und Ausdauer hat sich gelohnt. Die Ergebnisse grüner Politik sind inzwischen so selbstverständliche Lebenswirklichkeit, dass die Grünen als Urheber dabei oft schon vergessen werden. Die Errungenschaften an dieser Stelle aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen.

Was waren Ihre wichtigsten Themen, was hat Sie bei diesem ausdauernden Engagement motiviert?

Pieper: Mein Leitmotiv: ich kann Ungerechtigkeit nicht leiden! Die Wahl meiner Schwerpunktthemen Sozial- und Frauenpolitik liegt also nahe. Es gab in Senden keine Sozialarbeiterin, keine Gleichstellungsbeauftragte, völlig unzureichende Kinderbetreuung, keine Streetwork, um mit schwer erreichbaren Jugendlichen in Kontakt zu kommen, keine Behindertenvertretung. . . Die gesellschaftlichen Entwicklungen und Denkweisen und die notwendigen sozialen Maßnahmen, zum Beispiel in der Kinderbetreuung und in der Behindertenpolitik, haben unsere langwierigen Forderungen bestätigt, und Senden ist mit seinen Angeboten auf einem guten Weg. Das macht mich froh und sagt mir, dass mein beharrlicher Einsatz gegen die Widerstände sich letztlich „bezahlt“ gemacht hat.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die zentralen Herausforderungen für die Kommunalpolitik?

Pieper: Der Gemeinderat hat einstimmig beschlossen, die demografische Entwicklung zum Leitziel des politischen Handels zu machen und den Wandel aktiv zu gestalten. Das heißt nicht, dass es ausreicht, eine bessere Altenpolitik zu machen, so dringend nötig die auch ist. Schulen, Arbeitswelt, Wohnen, Gesundheitsversorgung, Freizeit, Integration und Inklusion, das alltägliche Miteinander wird sich in ungewohnter Weise gravierend verändern. Ich will den demografischen Wandel als Chance begreifen, dass mit den Veränderungen positive Entwicklungen verbunden sind. In den Leitzielen 2030 der Gemeinde Senden sind die Aufgaben beschrieben, die Zuversicht zulassen. Viel Zeit bleibt allerdings nicht, die Herausforderungen des demografischen Wandels tatkräftig und zügig anzunehmen. Meine Kolleginnen und Kollegen werden sich über einen Mangel an Aufgaben nicht zu beklagen haben.

Wie erklären Sie sich, dass die Kommunalpolitik eine fast ausschließliche Männerdomäne ist?

Pieper: Das Thema Doppelbelastung lasse ich mal beiseite. Nach solchen Binsenweisheiten werden Sie mich auch sicher nicht gefragt haben. So wie sich die Bedingungen in der Arbeitswelt geändert haben und sich noch weiter ändern müssen, seitdem offensichtlich ist, dass die Frauen als Fachkräfte gebraucht werden, werden sich auch in der Politik die Voraussetzungen ändern müssen, um mehr Frauen zu beteiligen. Es ist ja nicht so, dass Frauen sich an der Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens nicht beteiligen. Betrachten Sie das Ehrenamt außerhalb der organisierten Politik! Ich vermute zum Beispiel, dass Frauen die Geduld fehlt, auf die Ergebnisse ihres Engagements und die Investition von Zeit unabsehbar zu warten. Dass es die Rahmenbedingungen und die Formen des Umgangs sind, die Frauen aus politischen Gremien fernhalten. Dass die Einflussmöglichkeiten und die Themen zu wenig mit der Lebenswirklichkeit von Frauen zu tun haben. Und es ist sicher auch die sogenannte Streitkultur, auf die Frauen lieber verzichten wollen. Dass in der Konsequenz eine Mehrheit von Männern in der Politik das Leben von Frauen (mit)bestimmt, hat mich zur Frauenpolitikerin gemacht.

Welchen Schritt / welche Entscheidung würden Sie nicht wiederholen oder bereuen Sie gar?

Pieper: Diese Frage habe ich mir selbst schon gestellt, als ich mich zu meinem Abschied aus der Politik entschlossen habe. Rückblickend stelle ich fest, dass ich mir ein bisschen mehr Freizeit hätte gönnen sollen. Ich habe im Lauf der Jahre – selbstverständlich – meine Auffassungen und meine Haltung zu Gegebenheiten teilweise verändert und würde heute manchmal auch anders argumentieren und handeln als vor Jahren. Ich vertrat meine politischen Forderungen aber immer mit Engagement und aus Überzeugung. Fehler, die ich dabei gemacht habe, kann ich bedauern – aber ich habe keine Entscheidung in meiner politischen Laufbahn parat, die ich bereue.

Was wäre, losgelöst von aller Realpolitik, Ihr größter Wunsch für Senden?

Pieper: Nach 31 Jahren Kommunalpolitik kann ich nicht mehr „losgelöst von der Realpolitik“ wünschen. Aber losgelöst vom Wahlkampf kann ich mir vorstellen, dass es in Senden und für Senden möglich wird, die absolute Mehrheit abzulösen und das politische Potenzial der vier sogenannten Oppositionsfraktionen zu nutzen. Hinter SPD, Grünen, UWG und FDP stehen bis auf wenige Stimmen die Hälfte der Sendener Bürgerinnen und Bürger, denen die Entscheidungen der CDU nicht ausreichen. Ich habe es in den langen Jahren meiner Ratsarbeit gelernt, mich auch den Argumenten der anderen Fraktionen zu öffnen. Das hat meiner grundsätzlichen politischen Überzeugung nicht geschadet. Fazit: Ich wünsche mir eine vorurteilsfreie, offene Debatten- und Entscheidungskultur. Der Entwicklung von Senden würde es gut tun, wenn der Austausch von Argumenten zu Beschlüssen führte anstatt durch „ordre de mufti“.

Wie sehen die persönlichen Pläne der politischen Pensionärin Pieper aus?

Pieper: Jetzt habe ich erst einmal Zeit und werde erleben, wie ich damit umgehe. Ich habe mein politisches Interesse jedenfalls nicht dadurch aufgegeben, dass ich mich aus der Ratsarbeit verabschiedet habe. Ich bin Ehrenmitglied der Grünen in Senden. Und als Mitglied einer basisorientierten Partei fühle ich mich aufgefordert, meine Sichtweisen und entsprechende Anforderungen an die Kommunalpolitik mit einzubringen. Viele Menschen in meinem Umfeld wissen: Ich bin gern in Holland.

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