Altes Rathaus am Kirchplatz
Sanierung oder Abrissbirne?

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Das alte Rathaus am Kirchplatz, das zuletzt als Domizil von Musikschule und Lebenshilfe diente, verschlingt Kosten. Massive statische Mängel lassen den Aufwand auf über 700 000 Euro steigen. Auf die Frage eines Abrisses steht im Raum. Die Immobilie, zuletzt als Flüchtlingsunterkunft im Gespräch, könnte nun auch als Kita dienen.

Freitag, 22.04.2016, 19:04 Uhr

Das Gebäude, das zuletzt von Musikschule und Lebenshilfe genutzt wurde, weist erhebliche Schäden auf. Es sollte als Flüchtlingsunterkunft dienen und wird nun als mögliche Kita geprüft, weil sich ein Provisorium am Grete-Schött-Ring (kleines Bild) als zu teuer erweist.
Das Gebäude, das zuletzt von Musikschule und Lebenshilfe genutzt wurde, weist erhebliche Schäden auf. Es sollte als Flüchtlingsunterkunft dienen und wird nun als mögliche Kita geprüft, weil sich ein Provisorium am Grete-Schött-Ring (kleines Bild) als zu teuer erweist. Foto: di

Der Schock führt zu einer Starre – zumindest vorläufig. Die Mandatsträger jetzt brauchen Bedenkzeit, bis sie sich wieder rühren, sprich: Eine grundsätzliche Entscheidung fällen. Am Donnerstagabend wurde ihnen im Gemeindeentwicklungsausschuss der bauliche Zustand des alten Rathauses und späteren Musikschulgebäudes geschildert. „Wir stellen hier nur die Fakten vor“, betonte Beigeordneter Klaus Stephan, der nicht erwartet hatte, dass die Politik sogleich eine Weichenstellung vornimmt.

Die ist aber vonnöten. Denn im Zuge der Sanierung des Gebäudes am Laurentius-Kirchplatz traten massive Schäden an den Decken zutage. Gutachter Dr. Heinrich Bökamp , Chef des Ingenieurbüros Thomas und Bökamp, stellte der Statik schlechte Noten aus: „Im Grunde haben Sie Glück gehabt, dass die Decken drin geblieben sind.“ Sowohl bei der Standsicherheit als auch beim Brandschutz erfülle das Gebäude nicht die geltenden Vorschriften. Die Mängel sind vor Jahrzehnten bei Bauarbeiten entstanden: Die Rippendecken seien stark geschädigt, weil die freiliegende Stahlbewehrung nicht von Beton umhüllt sei. Dass keine nach außen sichtbaren Schäden oder Gefahren entstanden seien, liege wohl daran, dass die Belastung der Tragdecken in dem Gebäude offenbar stets gering ausgefallen sei. Der Betonquerschnitt sei nicht gerissen und kein akutes Risiko entstanden, führte Bökamp als Sachverständiger aus. Ab jetzt dürften die Räume aber nur noch von Bautrupps „unter Vorsichtsmaßnahmen“ betreten werden, hieß es weiter.

Eine Instandsetzung ist möglich, aber teuer: Die Ertüchtigung durch eine zusätzliche Stahlkonstruktion unter der Decke schlägt mit rund 275 000 Euro zu Buche.

Der bisherige Sanierungsplan sieht ohnehin Kosten in Höhe von 306 000 Euro vor, wobei Arbeiten am Dach weitere 150 000 Euro verschlingen. Unterm Strich wären für das Gebäude, das zuletzt als Unterkunft für Flüchtlinge vorgesehen war, zirka 731 000 Euro zu berappen, legte Klaus Mende, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Bauen und Planen, den Politikern dar. Den Restwert der Immobilie bezifferte die Gemeinde auf 480 000 Euro.

„Ich bin erst mal baff“, fasste Ausschussvorsitzender Gerd Gebauer ( CDU ) den Schrecken wohl aller seiner kommunalpolitischen Kollegen zusammen.

Das ehemalige Musikschulgebäude gelangt gerade auch in den Blick als Domizil einer Kindertagesstätte, die den dringenden Betreuungsbedarf decken soll. Wie Bürgermeister Sebastian Täger berichtete, fehlten vier U-3-Gruppen und eine Ü-3-Gruppe. Als Standort einer provisorischen Kita war – wie berichtet – die Wiese am Grete-Schött-Ring auserkoren worden. Dort sollten Container errichtet werden. Doch das Szenario scheint nicht aufzugehen. Aus zwei Gründen: Die Hersteller können erst im Bereich September / Oktober liefern. Und: Die Kosten für die Pavillon-Lösung wären beträchtlich.

Denn pro Quadratmeter bekäme die Gemeinde vom Kreisjugendamt gut acht Euro erstattet. Der finanzielle Aufwand liege aber, so die ersten Berechnungen im Rathaus, bei bis zu 34 Euro. Bei einer Nutzung des Pavillons für vier Jahre müsste Senden je nach Standard der Container bis zu eine Million Euro beisteuern. Gesenkte Standards oder längere Aufstellzeiten würden die finanzielle Belastung senken.

Zur Zukunft des alten Rathauses wollen die Fraktionen noch bis zur Ratssitzung am 12. Mai in Klausur gehen. „Ich kann mir an dieser Stelle auch etwas ganz Anderes vorstellen“, sagte Lambert Lonz (SPD). „Wir reiten ein Pferd, aber irgendwie ist es schon tot“, brachte Prof. Martin Lühder (CDU) das Dilemma auf den Punkt.

Im Grunde haben Sie Glück gehabt, dass die Decken drin geblieben sind.

Dr. Heinrich Bökamp über die Statik in dem ehemaligen Musikschulgebäude
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