Premiere der Schenkwaldspielschar
Ein Lästermaul im Sündenpfuhl

Ottmarsbocholt -

Mit der Premiere ihrer neuesten Inszenierung heimste die Schenkwaldspielschar stehende Ovationen ein. Die turbulente Handlung kreist um die schwatzhafte Witwe Anni.

Sonntag, 06.11.2016, 15:11 Uhr

Dem Schenkwald-Ensemble gelang es, jeden Charakter zwerchfellreizend herauszuspielen.
Dem Schenkwald-Ensemble gelang es, jeden Charakter zwerchfellreizend herauszuspielen. Foto: ure

Ja, wenn Ottmarsbocholt seine Anni Pollmann nicht hätte. Ob hier dann wirklich „Zustände wie in Sodom und Gomorrha“ herrschten, weil dann niemand mehr für Ordnung sorgen würde, wie die schwatzhafte Witwe wichtigtuerisch von sich behauptet, mag dahingestellt sein. Eins ist jedoch klar: Ohne Anni Pollmann hätten die Besucher im Saal Vollmer am Wochenende nichts davon gehört, dass sich Marta Schäfer dem „Schriewerling“ Joachim Troll an den Hals wirft, gleichzeitig aber auch den Ex-Medizinstudenten Michael Hansen vernascht. Und dass Gesine Hansen eigentlich „Lady Geizkragen“ heißt und ebenfalls außereheliche Liebschaften unterhält. Und deshalb steht bei ihr wohl bald die Scheidung ins Haus. Wenn auch der Wahrheitsgehalt dieser von dem Lästermaul verbreiteten Informationen bei Null liegt – der Unterhaltungswert ist einfach fantastisch. Dies schlug sich am Freitagabend am Ende der Premiere des plattdeutschen Theaterstücks „Quaterie in Pollmanns Gaorn“ in tosendem Beifall nieder.

Stehend applaudierte das Publikum der Schenkwaldspielschar für deren entzückende Darbietungen. Die Besucher der Komödie köstlich zu amüsieren, darin ist Anni Pollmann (eine Paraderolle für Hedwig Klaas) zweifelsohne Spitze. In Mathematik scheint sie dagegen kein Ass zu sein. „Ich kann doch wohl eins und eins zusammenzählen“, beteuert sie zwar, doch ihre Rechenkünste führen im Ergebnis zu nichts anderem als zu „Lügengeschichten und Schauermärchen“. Und davon haben ihre Nachbarn schließlich die Nase gestrichen voll. Denn mit dem Spott, den Anni hinterrücks mit ihnen treibt, wiegelt sie diese gegeneinander auf und zerstört dadurch zusehends den nachbarschaftlichen Frieden. Wer auf wen ein Auge geworfen hat, darüber bringt sie in geschickter Manier die unterschiedlichsten Variationen in Umlauf. Und wer keine Affäre angedichtet bekam, dem wurde stattdessen „der doch so typische Gesichtsausdruck“ eines Gewaltverbrechers nachgesagt.

Premiere der Schenkwaldspielschar

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  • Heimst stehende Ovationen ein: Das Schenkwald-Ensemble glänzt mit plattdeutscher Komödie. Foto: ure
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Wenn jemand seine Nachbarin bezichtigt, ihr Lebenssinn bestehe ausschließlich darin, das Geld ihres Mannes auf den Kopf zu hauen („Die ist vom Stamme Nimm“), dann kann auch da nur Annis loses Mundwerk dahinter stecken. Neben diesem Klatsch und Tratsch hatte das Stück auch noch andere humoristische Leckerbissen zu bieten, mit denen die ohnehin arg strapazierten Lachmuskeln der Zuschauer noch stärker unter Beschuss genommen wurden. Neben einer geisterhaften „Hottentotten-WG“ sorgen hier Pollmanns Neffe Heini – prüde und lustlos - und dessen Verlobte – scharf und triebhaft - für „pilcherhafte“ Furore (glänzend gespielt von Thomas Lordiek und Barbara Kock). Und dann sind da noch die zwei Obdachlosen (Rudi Imberge und Jannik Schulze Hillert). Bei ihnen kann Anni Pollmann zeigen, dass sie nicht nur über andere Leute herzieht, sondern auch barmherzig ist.

Szenen mit so richtigem Klamauk, die sucht man in dem diesjährigen Stück vergebens. Denn es lebt mehr von der Sprache – und wie diese zum Ausdruck gebracht wird. Da muss man der Schenkwaldspielschar ein dickes Kompliment machen. Egal ob nun schnippisch, pikiert oder aufgeblasen: Jeder Charakter wurde zwerchfellreizend herausgespielt. Und das war nicht zuletzt auch den Anleitungen durch Regisseur Adalbert Willeke zu verdanken.

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