Spielmannszug Ottmarsbocholt feiert 70. Geburtstag
Idealismus treibt die Musiker an

Ottmarsbocholt -

Es fehlten die „Knüppeljungs“. Und deren Anfang war mit viel Liebe zur Musik und Idealismus verbunden, wie ein Blick in die Geschichte des Spielmannszuges Ottmarsbocholt zeigt.

Montag, 10.09.2018, 17:32 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 08.09.2018, 08:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Montag, 10.09.2018, 17:32 Uhr
Mit acht Mann auf einem Motorrad samt Beiwagen: So fuhr der Spielmannszug 1951 zum zweiten Schützenfest, das er musikalisch umrahmte.
Mit acht Mann auf einem Motorrad samt Beiwagen: So fuhr der Spielmannszug 1951 zum zweiten Schützenfest, das er musikalisch umrahmte. Foto: Spielmannszug

Ein Schützenfest ohne Marschmusik? Undenkbar, werden sicherlich viele sofort sagen. Beim ersten Nachkriegsschützenfest im September 1948, das der Junggesellenverein seinerzeit alleine feierte, war das aber so. Und darüber waren die Bürger sehr traurig. Sie sehnten sich nach der kleinen Gruppe von Trommlern und Pfeifern, die früher Musik und gute Laune in den Ort gebracht hatte, jetzt aber nicht mehr existierte. „Das war eine Feuerwehrkapelle gewesen“, weiß Manfred Janning zu berichten. Die wurde durch die Leiden des Krieges dezimiert, einen weiteren Verlust brachte der Brand in der Schreinerei Bouma in der Oberbauerschaft, wo ein Kamerad von einer einstürzenden Giebelwand tödlich verletzt wurde.

In der Konsequenz mussten die Ottmarsbocholter notgedrungen ein fades Schützenfest ohne ihre „Knüppeljungs“ (so waren die Musiker im Dorf wegen ihrer Trommelstöcke genannt worden) feiern. Was sie dermaßen betrüblich fanden, dass sie umgehend Gegenmaßnahmen ergriffen. „Walter Feldmann und Albert Sträter sind dann die treibenden Kräfte beim Neuaufbau eines Musikzuges gewesen, der noch im Herbst 1948 aus der Taufe gehoben wurde“, so hatte Josef Bickeböller, der zu damaliger Zeit Vorsitzender des Junggesellenvereins gewesen ist, den WN 1998 zum 50-jährigen Jubiläum die Geburtsstunde des Spielmannszuges geschildert.

Seitdem sind jetzt weitere 20 Jahre ins Land gegangen – nach wie vor geprägt von großer Sympathie und tiefer Verbundenheit. „Das ist es, was Ottmarsbocholt und was unseren Verein ausmacht“, erklärten der aktuelle Vorsitzende Florian Kolbe und Schriftführer Sebastian Frie aus Anlass des 70-jährigen Bestehens des Vereins.

Vorsitz für 34 Jahre in derselben Hand

Zahlen und Fakten zum Spielmannszug: Mit 80 Jahren noch immer aktiv im Dienst: Heinrich Reickert ist der älteste „Musikmacher“ im Ort. Seit 1953 hält er dem Spielmannszug die Treue. Insgesamt gibt es aktuell 45 aktive und 109 passive Mitglieder. Sowohl die Führung des Vereins als auch die musikalische Leitung lagen 34 Jahre lang in ein und derselben Hand: Über diesen langen Zeitraum war Manfred Janning erster Vorsitzender (1975 bis 2009) und Tambourmajor (1973 bis 2007). Vorher und nachher agierten als Vorsitzende Peter Engels, Heinz Klaas, Adolf Strüker, Edgar Janning und Florian Kolbe. Die Dirigenten heißen Theo Bourichter, Willi Strüker, Franz-Josef Vorspohl, Heinz Klaas, Theo Wenge und aktuell Edgar Janning. Ursprünglich traten die Spielleute in blauer Uniform auf. 1976 wurde die Farbe für Jacken und Mützen gewechselt, seitdem ist Rot das Markenzeichen. Die Hosen waren lange Zeit weiß gewesen. 1985 wollte man dann aber jenen Pro­blemen, die sich daraus ergaben, dass Verschmutzungen hier recht augenfällig sind, aus dem Wege gehen und gab bei einer ohnehin notwendigen Neuanschaffung nun Schwarz den Vorzug. 1976 gab es auf dem Hof Hibbe das erste Kinderschützenfest – intern und nur für die Jugendgruppe des Spielmannszuges. Dem Umzug schlossen sich aber gefühlt alle Kinder des Dorfs an. Diese Resonanz wurde als Auftrag verstanden, aus dem internen ein öffentliches Event zu machen.

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Mit zehn Aktiven aus dem Junggesellenverein ging es für den Spielmannszug damals an den Start, drei davon leben heute noch: Norbert Rengshausen, Hans Soffke und Heinrich Volbracht. Bis dann aber in musikalischer Hinsicht die Voraussetzungen für eine Bereicherung der Dorfkultur erfüllt waren, musste erst noch fleißig geübt werden, was mit nachbarschaftlicher Unterstützung des Sendener Spielmannszuges und dessen Trainer Ewald Rüschoff erfolgte. Die Proben fanden bei Averbeck in der Doppelscheune statt. Weil die ungeheizt war, „holte uns Paul Averbeck im Winter in die mollig warme Küche der Gaststätte“, erinnern sich Hans Soffke (88) und Heinrich Volbracht (86) an die Anfänge. Ihren ersten großen Schützenfest-Auftritt hatten die Flötisten und Trommler dann im Jahre 1950.

Damals wie heute unverzichtbar: Trommler und Pfeifer gehören für die Ottmarsbocholter zum Schützenfest einfach dazu, wie die Aufnahme von 1951 zeigt.

Damals wie heute unverzichtbar: Trommler und Pfeifer gehören für die Ottmarsbocholter zum Schützenfest einfach dazu, wie die Aufnahme von 1951 zeigt. Foto: Spielmannszug

In den nachfolgenden Jahren kamen die Trainer von Münster (Anreise mit dem Postbus und Übernachtung bei Averbeck) oder aus Werne (mit dem Zug bis Davensberg). Heute nimmt der Verein die Ausbildung seines Nachwuchses selbst in die Hand, über mangelndes Interesse der Kinder (die im Alter von acht bis zehn Jahren anfangen können) braucht er sich keine Sorgen zu machen. Derzeit sind elf Jungen und Mädchen dabei zu lernen, wann welche Löcher auf der Flöte wie lange zugehalten werden müssen (es wird nicht nach Noten, sondern nach einer Grifftabelle gespielt).

Quicklebendig und harmonisch: der aktuelle Spielmannszug.

Quicklebendig und harmonisch: der aktuelle Spielmannszug. Foto: Spielmannszug

Während die Instrumente heute über die Vereinskasse finanziert werden (das notwendige Geld kommt über die seit 1968 im fünfjährigen Intervall stattfinden Freundschaftstreffen herein), mussten die Spieler sie früher aus der eigenen Tasche bezahlen. „Dafür ging ein ganzer Monatslohn bei drauf“, womit Hans Soffke und Heinrich Volbracht deutlich machen, welch ein Idealismus hinter der Freude am Musizieren steckte.

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Gefeiert wird das 70-Jährige am Samstag (15. September), wobei eine große Party mit der Woba-Musik ab 20.30 Uhr in der Halle Vollmer bei freiem Eintritt einen Magneten für alle Bürger bildet.

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