Breite Solidarität für abgeschobene jesidische Familie
Sendener knüpfen Netz der Hilfe

Senden -

Die Abschiebung der vierköpfigen jesidischen Familie Schamirov bewegt in Senden nicht allein die Herzen, sondern auch und Hirne: Über 60 Unterstützer machten sich am Donnerstagabend in der Gaststätte Journal Gedanke, wie eine Rückkehr ermöglicht werden kann. Dabei wurden konkrete Ansätze entwickelt.

Freitag, 24.05.2019, 13:10 Uhr aktualisiert: 24.05.2019, 15:54 Uhr
Über 60 Unterstützer aller Altersgruppen fanden sich am Donnerstagabend in der Gaststätte Journal zusammen, um einen Weg zu finden, über den die abgeschobene jesidische Familie Schamirov nach Senden zurückkehren kann.
Über 60 Unterstützer aller Altersgruppen fanden sich am Donnerstagabend in der Gaststätte Journal zusammen, um einen Weg zu finden, über den die abgeschobene jesidische Familie Schamirov nach Senden zurückkehren kann. Foto: sff

Lange Zeit schien es, als wären die Unterstützer in einem Geflecht aus Betroffenheit über das Schicksal der jesidischen Familie Schamirov gefangen. Doch in der Diskussion befreiten sie sich und knüpften aus vielen konkreten Ideen ein Netz der Hilfe, mit dem sie die am 16. Mai abgeschobene vierköpfige Familie zurück nach Senden holen möchten. Vor allem die ungewisse Zukunft der begabten und voll integrierten Söhne Kars und Aziz, die bisher die Marienschule und das Joseph-Haydn-Gymnasium besuchten, bewegte die Herzen und Hirne. „Die beiden leiden unter der Abschiebung. Aber auch unsere Kinder sind total mitgenommen und leiden“, sagte ein Vater, dessen Sohn mit Aziz die Schule besuchte.

Mehr als 60 Sendener aller Altersgruppen hatten sich am Donnerstagabend auf Einladung von Alfons Hues , der mit der Familie befreundet ist, im Saal der Gaststätte Journal eingefunden. Orhan Atalan vom Deutsch-kurdischen Freundeskreis bedankte sich für die „überwältigende Solidarität und Nächstenliebe“ der Sendener Bevölkerung. „Wir müssen den Fokus auf die Kinder haben. Sie können kein Russisch und kein Armenisch. Sie haben eine deutsche Identität. Deutsch ist ihre Muttersprache.“ Bis zu einer Rückkehr nach Senden könne noch viel Zeit vergehen. Darum plädierte Atalan dafür, nach einer Möglichkeit zu suchen, damit Kars und Aziz übergangsweise eine deutsche Schule in Armenien besuchen können.

Nach Einschätzung von Alfons Hues kann eine Rückkehr der Familie nur auf humanitärem Weg erreicht werden. „Rechtlich haben wir keine Chance“, machte er unmissverständlich deutlich. Aus Angst vor einer Abschiebung und weil vor Jahren ein Asylantrag schon einmal abgelehnt worden sei, habe der Vater bezüglich seiner Herkunft und Identität falsche Angaben gemacht. „Er ist Opfer der Folgens des Falles Anis Amri geworden, der elf verschiedene Identitäten hatte.“ Nach dem Anschlag würden die Behörden mit besonderer Konsequenz auf Falschangaben reagieren. „Wir müssen uns beim Kreis Coesfeld Verbündete suchen“, plädierte Hues, der als erster stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde Senden und Kreistagsmitglied, über Kontakte zu Landrat Dr. Christian Pellengahr verfügt. Bei einem möglichst kurzfristig angesetzten Termin bei ihm persönlich soll eine kleine Gruppe Sendener im Kreishaus für die Schamirovs vorsprechen.

Die Familie Schamirov ist am Morgen des 16. Mai aus ihrer Wohnung in der Ostlandstraße geholt und nach Armenien abgeschoben worden.

Die Familie Schamirov ist am Morgen des 16. Mai aus ihrer Wohnung in der Ostlandstraße geholt und nach Armenien abgeschoben worden. Foto: privat

Parallel dazu will sich ein am Donnerstagabend gebildeter Unterstützerkreis auf verschiedenen anderen Ebenen für die Familie und insbesondere die beiden Jungen stark machen. Auf Vorschlag aus der Versammlung sollen für den Vater Avag und dessen Frau Nare feste Arbeitsplatzzusagen in Senden gesucht werden. Ziel ist es, einen soliden Boden für die Rückkehr zu bereiten. Gerd Buchholz, Vorsitzender des VfL Senden, sagte die Unterstützung des Vereins zu. Aziz hatte zuletzt in der D1 gespielt und gehörte sogar zur Kreisauswahl in seiner Altersklasse. Eltern des Gymnasiums und der Marienschule, Nachbarn und Freunde sowie der Deutsch-kurdische Freundeskreis wollen Unterschriften sammeln und Aktionen starten, um Druck zu machen, damit sich für die abgeschobene Familie alles doch noch zum Guten wendet.

Auch die Spieler der D1 vermissen ihren Dribbelkünstler Aziz und hoffen, dass er und seine Familie möglichst bald nach Senden zurückkehren dürfen.

Auch die Spieler der D1 vermissen ihren Dribbelkünstler Aziz und hoffen, dass er und seine Familie möglichst bald nach Senden zurückkehren dürfen. Foto: di

Als Alternative wurde angesprochen, dass über Dr. Jochen Reidegeld, der mehrere Jahre als Kaplan in Senden tätig war, zumindest für die Söhne eine Perspektive geschaffen werden könnte: Reidegeld ist Vorsteher der Stiftung Collegium Johanneum, die auf Schloss Loburg ein katholisches Internat für Jungen und Mädchen betreibt. Dort könnten Kars und Aziz ihre in Senden begonnene erfolgreiche Schullaufbahn fortsetzen.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6636139?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F104%2F166%2F
Fußgängerin von Rettungswagen angefahren
21-Jährige lebensgefährlich verletzt: Fußgängerin von Rettungswagen angefahren
Nachrichten-Ticker