Reise für die Projekte von „Aktion Hoffnungsschimmer“
Kleine Pflaster auf große Wunden

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Zwischen absoluter Perspektivlosigkeit und dem Mut der Verzweifelten: Dr. Jochen Reidegeld und Dr. Michael Wilk waren für den Sendener Verein „Aktion Hoffnungsschimmer“ zum wiederholten Mal in Nordsyrien und Nordirak unterwegs. „Die Geringschätzung menschlichen Lebens ist erschreckend“, betonen sie in ihrem Resümee.

Freitag, 20.09.2019, 19:32 Uhr aktualisiert: 20.09.2019, 20:32 Uhr
Nordsyrien mit Kobane (Foto) und den Norden des Iraks bereisten Michael Wilk und Jochen Reidegeld zum wiederholten Mal.
Nordsyrien mit Kobane (Foto) und den Norden des Iraks bereisten Michael Wilk und Jochen Reidegeld zum wiederholten Mal. Foto: Bistum/di

Die Temperatur liegt um die Mittagszeit deutlich über 40 Grad; eng steht Zelt steht an Zelt, für die Tausenden Menschen, die hier zum Teil seit fünf Jahren leben, ist es ein weiterer Tag, der für sie nichts anderes bringen wird als die vielen Tage davor: sie können nichts tun; sie haben nichts zu tun; sie leben vor sich hin, ohne irgendeine Hoffnung oder Perspektive, dass sich etwas ändern könnte. Und das oft unverstellbare Grauen, das sie im Krieg, auf der Flucht und durch den sogenannten IS erleben mussten, geht ihnen nicht aus den Köpfen. Es ist Anfang September. Jochen Reidegeld, stellvertretender Generalvikar des Bistums Münster, macht sich mit der „Aktion Hoffnungsschimmer“ ein Bild von der Situation der Menschen in einem Flüchtlingslager im Nordosten Syriens. Die „Aktion Hoffnungsschimmer“ hilft Flüchtlingen, insbesondere Jesiden, im Nordirak und in Syrien.

Viele junge Menschen auf Soldatenfriedhof

Zusammen mit dem Notfallmediziner Michael Wilk ist Reidegeld im Nordirak für anderthalb Wochen in Erbil und Dohuk und in Syrien in Qamishlo, al-Hasaka, und Kobane sowie in verschiedenen Flüchtlingslagern Er besucht ein zerstörtes Kinder-Krankenhaus, das wieder aufgebaut werden soll, ist erschüttert, wie viele junge Menschen auf einem Soldatenfriedhof beigesetzt sind, spricht mit Vertretern der christlichen Minderheit und mit Frauen, die sich für Gleichberechtigung einsetzen, besucht ein Medikamentenlager und eine Einrichtung, in der jezidische Kinder und Frauen betreut werden, die jahrelang in Gefangenschaft des sogenannten IS waren. Ziel der Reise ist es, zu schauen, wie die Hilfe, die die „Aktion Hoffnungsschimmer“ etwa in Form von medizinischer Unterstützung leistet, ankommt. „Und wir wollten uns auch einen Eindruck davon verschaffen, welche weiteren Projekte wir fördern können“, sagt Reidegeld. Zwar gäbe es vor Ort keine großen Kämpfe mehr, „aber die Ideologie des IS ist noch in den Köpfen, und Selbstmordanschläge gehören leider immer noch zum Alltag“, sagt er. Alltag sei es auch, dass sich gerade auch junge Menschen etwa in den Flüchtlingslagern oder in den Hausruinen das Leben nähmen. „Es herrscht eine absolute Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit“, sagt Reidegeld. Um so bewundernswerter sei es, dass sich Organisationen wie der „Jesuit Refugee Service“ und der kurdische rote Halbmond mit täglich neuem Enthusiasmus bemühten, den Menschen zu helfen. „Die Jesuiten versuchen etwa durch Unterstützung bei der Schulbildung, durch Suizidprävention und anwaltliche Hilfe bei der Wiederbeschaffung von Papieren zu helfen“, erläutert Reidegeld.

Grundsätzliche Veränderungen in der Politik notwendig

„Manchmal haben diese Helfer und haben auch wir von der ‚Aktion Hoffnungsschimmer‘ dennoch das Gefühl, dass wir nur ein kleines Pflaster auf eine große klaffende Wunde kleben, wir müssen es aber dennoch tun“, sagt er. Um die Probleme wirklich zu lösen, müssten grundsätzliche Änderungen in der internationalen Politik her: „Die ausländischen Mächte müssten aufhören, die Menschen, die in Syrien leben, zum Spielball ihrer Interessen zu machen. Es ist erschreckend zu erleben, dass der einzelne Mensch bei diesen politischen Winkelzügen keine Bedeutung hat.“ In diesem Zusammenhang kritisiert der stellvertretende Generalvikar des Bistums Münster, dass im Krisengebiet auch zu viele deutsche Waffen im Einsatz seien. „Wir können nicht über Menschenrechte sprechen, und die Menschen in Syrien mit ihren Rechten alleine lassen“, kritisiert er. Insbesondere sei es wichtig, auch in Deutschland auf die politisch Verantwortlichen einzuwirken, sich entschlossen für eine Wiederaufbauhilfe einzusetzen. Und auch an die Adresse von Rechtspopulisten, die immer wieder behaupteten, Flüchtlinge kämen nach Deutschland, um hier nur die Leistungen des deutschen Sozialsystems in Anspruch zu nehmen, hat er eine klare Botschaft: „Die Menschen, die nach Deutschland kommen, wären alle lieber in ihrer Heimat und in ihren Dörfern. Jeder, der das nicht glaubt und populistische Aussagen tätigt, den nehme ich gerne mit in die Lager nach Syrien. Keiner würde dort auch nur zwei Wochen überleben. Wer es sich so einfach macht, dem fehlt jede Empathie.“

Dr. Jochen Reidegeld (2.v.r.) auf seiner jüngsten Reise durch den Norden des Iraks und Syriens.

Dr. Jochen Reidegeld (2.v.r.) auf seiner jüngsten Reise durch den Norden des Iraks und Syriens. Foto: Bistum

Ich habe Geschichten gehört, die möchte niemand hören.

Jochen Reidegeld, der „verwundet und bereichert“ zurückkehrt

Jochen Reidegeld selbst kommt, so sagt er, aus Syrien und dem Nordirak „verwundet und bereichert“ zurück. „Ich habe Geschichten gehört, die möchte niemand hören. Die Hoffnungslosigkeit und die Geringschätzung des menschlichen Lebens sind erschreckend. Dann habe ich aber auch so unfassbar tolle Menschen kennengelernt, unter den Flüchtlingen wie unter den Helfern. Das macht in all dem Elend Mut, dass es hoffentlich doch eine gute Zukunft für die Menschen geben kann.“

Zum Thema

Der Sendener Verein „Aktion Hoffnungsschimmer“ lädt am 29. September (Sonntag) zur Mitgliederversammlung ins Pfarrheim St. Laurentius ein. Sie beginnt um 18 Uhr als öffentliche Informationsveranstaltung, auf der auch Dr. Jochen Reidegeld und Dr. Michael Wilk über ihre Reise sowie über die geförderten Projekte berichten.

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