Lehrer aus Thüringen am JHG
Deutsche Einheit – aber nicht in allen Köpfen

Senden -

Wie blickt ein Geschichtslehrer aus Thüringen auf den Mauerfall und den Stand der Deutschen Einheit? Die WN sprachen mit Stephan Scheiter vom Joseph-Haydn-Gymnasium in Senden.

Freitag, 08.11.2019, 16:36 Uhr aktualisiert: 10.11.2019, 08:56 Uhr
Als in Berlin die Mauer fiel, war Stephan Scheiter sechs Jahre alt. Die Folgen der Revolution in Berlin spürte er rasch auch in Thüringen.
Als in Berlin die Mauer fiel, war Stephan Scheiter sechs Jahre alt. Die Folgen der Revolution in Berlin spürte er rasch auch in Thüringen. Foto: di

Als die Bilder vom Triumph der Mutigen auf der Mauer im Schatten des Brandenburger Tores die Blicke aus der ganzen Welt anziehen und in einen Freudentaumel versetzen, ist Stephan Scheiter sechs Jahre alt. Die Revolution in Berlin hallt aber bis in die thüringische Provinz nach. In Mühlhausen wächst der Sohn eines Mathe- und Chemielehrers auf. Justament in die Partnerstadt Münster verschlägt es viele Jahre später den Absolventen der Uni Jena . Der auch Lehrer wurde – doch mit Politik und Geschichte setzt er einen ganz anderen Schwerpunkt. Die persönlichen Erinnerungen an die Wende, die bis heute geblieben sind – Autokolonnen und Staus auf dem Weg in den Westen.

Dessen Strahlkraft, neben Applaus bei der „Einreise“ und Begrüßungsgeld, groß war und zunächst einen „Kaufrausch auslöste“, so Scheiter. Das neue Warenangebot „beglückte“, räumt der Lehrer ein, der nach dem Referendariat am Ratsgymnasium 2010 am Joseph-Haydn-Gymnasium anheuerte. Nach NRW ging es nicht der Liebe wegen, sondern mit seiner Liebe – das angehende Lehrer-Ehepaar aus Thüringen suchte in vielen Bundesländern gleich zwei Stellen, die nicht zu weit auseinander liegen, und wurde im Münsterland fündig.

Der Wohlstand wie im Westen erreichte aber nicht alle, gibt Scheiter zu bedenken: Ebenso wie Konsumpaläste, die auf dem Acker im Osten entstanden und wieder verschwanden, habe es auch Verlierer gegeben. Für einige habe „die Wende gleich Arbeitslosigkeit bedeutet“, manchmal traf es beide Elternteile, die häufig in ein und demselben Betrieb arbeiteten. „Einen Ausverkauf des Ostens gab es ganz klar.“

Dass das Gefühl, abgehängt worden zu sein, in den östlichen Bundesländern noch heute anzutreffen ist, kann Scheiter verstehen. Zwar gebe es auch im Westen strukturschwache Gebiete, das Gesamtgefälle zwischen West und Ost dürfte aber noch länger anhalten, prognostiziert der Lehrer.

Für ihn ist die deutsche Einheit politisch und historisch ein Faktum. Doch das innere Zusammenwachsen sei längst noch nicht vollzogen. Vor Jahren hätte Scheiter noch gesagt, es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis auch dieser Prozess abgeschlossen sei. „Doch auch nach 30 Jahren muss man feststellen, dass die Unterschiede noch präsent sind“, resümiert der Lehrer, für dessen Familie mit Verwandtschaft in Hessen die Mauer auch vor ihrem Fall punktuell für Besuche „drüben“ durchlässig war.

Bei seinen Schülern am JHG möchte er „authentisch und passioniert“ das Bewusstsein dafür wecken, dass die Deutschen „das glücklichste Volk der Welt“ sein könnten. Denn es lebt in „Einheit, Freiheit und Frieden“, so Scheiter in Rückgriff auf Richard von Weizsäcker. Das sei den Bürgerrechtlern – sowie dem historischen Gesamtkontext – zu verdanken, würdigt der Lehrer aus Ostdeutschland. Dass die Mauer fallen würde, hätten seine Eltern damals jedenfalls nicht zu hoffen gewagt. „Das war unvorstellbar.“ Die Einsicht, „wie privilegiert wir in Deutschland leben“, komme bei den meisten Schülern durchaus an.

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