Firas Alshater – Flüchtling, Comedian, Berliner
Erst Heimatgefühl – dann Integration

Senden -

Die Jahresversammlung der Flüchtlingshilfe Senden bot einen Gast auf, der Unterhaltung bescherte, die haargenau zum Thema passte: Firas Alshater kam als Flüchtling aus Syrien nach Deutschland, wo er in Berlin als Comedian, Autor, You-Tuber und Filmemacher eine neue Heimat fand.

Sonntag, 10.11.2019, 08:56 Uhr aktualisiert: 13.11.2019, 17:04 Uhr
Volles Haus bei der Jahresversammlung der Flüchtlingshilfe Senden im erweiterten Bürgersaal des Rathauses.
Volles Haus bei der Jahresversammlung der Flüchtlingshilfe Senden im erweiterten Bürgersaal des Rathauses. Foto: anw

Firas Alshater kam 2013 als syrischer Flüchtling nach Deutschland und fand in Berlin eine neue Heimat. Mittlerweile ist der 28-Jährige eher ein Deutscher mit syrischen Wurzeln. „Ich träume auf Deutsch, ich denke auf Deutsch und manche arabische Vokabeln habe ich tatsächlich schon vergessen“, sage er. Am Donnerstagabend war der Comedian und Betreiber des Youtube-Kanals „Zukar“ zu Gast bei der Jahresversammlung der Sendener Flüchtlingshilfe.

„Versteh‘ einer die Deutschen“

Unter dem Motto „Firas kommt auf Senden zu“ und „Versteh‘ einer die Deutschen“ hielt er den Menschen seiner neuen Heimat nicht selten den Spiegel vor, nahm typisch deutsche Eigenarten aufs Korn und sich selbst dabei nicht aus: Voller Humor und Ironie, warmherzig und sehr präzise beobachtend kam Firas Alshater daher und sorgte mit seinem multimedialen Vortrag für viele Lacher im großen Publikum, das im erweiterten Bürgersaal des Rathauses Platz gefunden hatte.

Firas Alshater mit Hans Meckling bei der Versammlung der Flüchtlingshilfe Senden.

Firas Alshater mit Hans Meckling bei der Versammlung der Flüchtlingshilfe Senden. Foto: anw

Leger gekleidet berichtete er davon, dass er den deutschen Lifestyle auch bereits ganz gut draufhabe: „Ich arbeite viel, ich absolviere meine Termine und bin auf Lesungen. Aber dadurch kann ich meine Familie nicht so oft besuchen, wie es der Syrer in mir gerne möchte.“ Und damit er nicht vereinsame, „habe ich mir einen Hund zugelegt“, grinst Alshater. „Sie glauben gar nicht, wie viele neue Kontakte ich durch Zucchini bekommen habe.“ Das sei so typisch Deutsch, meint Firas Alshater, für den die Bezeichnung „Flüchtling“ zwar keine Beleidigung ist. Aber er sei eben „viel mehr als nur ein Flüchtling“ und empfahl, sich die Menschen genauer anzusehen, die sich hinter dem Wort „Flüchtling“ verbergen. Alshater selbst ist auch Autor, Schauspieler, Filmemacher und Kritiker des Assad-Regimes.

Flüchtlingsarbeit vor geänderten Aufgaben

Der Vorsitzende der Flüchtlingshilfe Senden, Hans Meckling, begrüßte ein „volles Haus“. In seiner Eröffnungsansprache lobte er den Einsatz der vielen Ehrenamtlichen, die sich bemüht haben, Brücken zu bauen zwischen denen, die als Flüchtlinge nach Senden gekommen sind und denen, die bereits hier waren. „Das ist uns allen sicher nur in einem bescheidenden Umfang gelungen“, so Meckling, der beklagte, dass das Interesse daran, sowohl bei der breiten Bürgerschaft als auch bei den ehrenamtlich Engagierten inzwischen deutlich nachgelassen habe.Gleichzeitig sei auch bei den Neubürgern ein gewisser Rückzug zu spüren: „Sie brauchen und wollen auch nicht mehr die ständige Betreuung durch uns Deutsche.“Jetzt stehe bei diesen Menschen eher der Wunsch nach mehr oder weniger lockerem nachbarschaftlichen oder freundschaftlichen Kontakt im Vordergrund, der ihnen auch das Gefühl gebe, wirklich dazuzugehören. Genauso wie die Suche nach einer geeigneten Beschäftigung. Hierin sieht Meckling mögliche neue Aufgaben für die Flüchtlingshilfe.„Die Aufgaben in der Flüchtlingsarbeit haben sich geändert.“ Zu diesem Schluss kommt auch Bürgermeister Sebastian Täger in seinem Grußwort zur Jahresversammlung der Flüchtlingshilfe. Dennoch bleibe die Integration das wichtigste Ziel. „Diese Aufgabe müssen Sie meistern, wir als Gemeinde können nur unterstützen“, sagte Täger in Richtung der Flüchtlingshilfe. Er lobte die Ehrenamtlichen dafür, dass sie sich seit 2015 diesen Herausforderungen stellten. „Ich bin sehr stolz auf das Erreichte“, so Täger und verspricht, die Änderung der Wohnverhältnisse, von denen dann die Asylbewerber profitieren, nicht aus den Augen zu verlieren.Wohl wissend, wie wichtig mehr private Unterkünfte für Sendens neue Bürger sind. Immerhin lebten von den 470 Asylbewerbern in Senden 268 Menschen bereits in privaten Wohnungen und Häusern während 202 noch in Gemeinschaftsunterkünften wohnen.

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Vom Gefängnis in die Bürokratie

Letzteres brachte ihn für neun Monate in ein syrisches Foltergefängnis. Nach seiner Freilassung flüchtete er nach Deutschland und machte als Allererstes Bekanntschaft mit der deutschen Bürokratie: In dem ersten Brief seines Lebens, den er bekam – damals gerade in einer Unterkunft für Asylbewerber angekommen – teilten ihm die Finanzbehörden seine Steuernummer mit: „Dabei durfte ich weder arbeiten gehen, noch einen Deutschkurs besuchen“, rollte Alshater mit den Augen.

Weniger Bürokratie und den Menschen, die neu in unserem Land sind, zum Beispiel ermöglichen, dass ihre Familien rasch nachkommen können – dann klappt’s auch mit der Integration, glaubt Firas Alshater fest: „Denn hast du kein Heimat-Gefühl, wirst du dich nicht integrieren.“

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