Neustart nach Zwangspause
Bücher ja, aber kaum Begegnung

Ottmarsbocholt -

In der ersten Maiwoche öffnen wieder die Büchereien in Senden, Ottmarsbocholt und Bösensell. Während sich die Ausleihe an neue Hygienestandards anpasst, gehören Beratung, Begegnung und Geselligkeit, wie sie bisher üblich waren, vorerst der Vergangenheit an.

Dienstag, 28.04.2020, 18:06 Uhr aktualisiert: 28.04.2020, 18:40 Uhr
Rita Diepenbrock bereitet die Öffnung der Bücherei Ottmarsbocholt vor.
Rita Diepenbrock bereitet die Öffnung der Bücherei Ottmarsbocholt vor. Foto: Büchereiteam

Rita Diepenbrock und ihr Team freuen sich schon aufs „Aquarium“. So nennen sie die Theke in der Bücherei St. Urban Ottmarsbocholt, die noch mit Plexiglas-Wänden eingefasst wird. Das gehört zu den Vorbereitungen, die gestemmt werden müssen, wenn die Bücherei wieder ihre Pforten öffnet. Beim Leihen oder Zurückgeben von Schmökern oder Spielen herrschen von nun an höhere Hygienestandards. Doch immerhin: Nicht nur in Ottmarsbocholt kommen die Leseratten ab kommenden Dienstag (5. Mai) wieder an Nachschub heran.

Dann endet eine Zwangspause, die am 15. März begonnen hatte. Rita Diepenbrock und die 28-köpfige Mannschaft (von denen 27 Frauen oder jugendliche Mädchen sind) bedauern, dass die Bücherei gerade dann fehlte, als sie besonders gebraucht worden wäre. In Zeiten von Corona-bedingter Entschleunigung fanden sich Zeit und Muße, auch dickere Wälzer zu bewältigen oder spannende Thriller zu verschlingen. „Das war schon schlimm für uns“, räumt die Leiterin ein, mit der Bücherei-Abstinenz für sich und die vielen Nutzer gehadert zu haben. Denn: Nicht nur die oftmals etwas älteren Freunde der unterhaltsamen oder ambitionierteren Literatur zählen zur Zielgruppe der Bücherei, sondern auch und gerade Familien. Und bei denen hätte sich so manches Beschäftigungsvakuum mit Lesestoff oder dem Griff in den rund 100 Spiele umfassenden Fundus der Einrichtung der Pfarrgemeinde füllen lassen. Die Idee, mit einem Lieferservice, die Scharte auszuwetzen, sei abgewogen, aber schließlich verworfen worden, berichtet Diepenbrock.

Es wird nicht wieder so wie vorher sein.

Rita Deipenbrock

Was die Bücherei bisher über die kulturelle Nahversorgung und Leseförderung hinaus auszeichnet, wäre ebenfalls in Corona-Zeiten angebracht gewesen: einen Ort der Kommunikation, der Buch-Beratung und der Begegnung im dörflichen Leben zu bieten. Doch das war während der Peak-Phase der Epidemie nicht angezeigt und kommt auch wohl – zumindest vorerst – nicht wieder: „Es wird nicht wieder so wie vorher sein“, unterstreicht Diepenbrock, dass Corona auch noch Folgen zeitigt, wenn die Tür wieder geöffnet wird.

Zu den Vorbereitungen gehört, dass die Sitzgelegenheiten verbannt werden – nicht aus dem Raum, weil kein Lagerraum besteht, aber sie werden mit Flatterband abgesperrt – und der Platz für die Nutzer vergrößert wird, um notwendige Abstandsflächen zu wahren. Das macht es erforderlich, dass ein Regal verschwindet, die Titel im Präsenzbestand sollen sich deshalb aber nicht verringern, sondern die Bücher etwas enger eingeräumt werden.

Neben der Person aus dem Bücherei-Team, die künftig im „Aquarium“ die Ausleihen und Rückgaben verbucht, wird eine zweite ehrenamtliche Kraft den Part des Door-Managers übernehmen – sprich: Den Einlass steuern. Denn mehr als vier Nutzer dürfen sich nicht gleichzeitig in dem Raum aufhalten. Die Titel, die jetzt zurückkommen, quartiert das Team in eine Quarantäne-Zone ein. Die Bücher oder Medien werden desinfiziert und gelagert, bis sie wieder neue Ottmarsbocholter erfreuen.

Bei den Altersgruppen der Leseratten fällt auf, dass die 13- bis 18-Jährigen einen Bogen um die Bücherei schlagen. Jugendliteratur, trotz der ansprechenden Titel, die es in diesem Segment gebe, sei deshalb aussortiert worden.

Diepenbrock glaubt, dass andere Interessen – besonders bei Jungen – den Reiz des gedruckten Wortes übertreffen. Dennoch, so die Erfahrungen der Bücherei-Leiterin, werde auch in dieser Altersgruppe gelesen. Allerdings sei dort oftmals das Bedürfnis hoch, das Buch auch tatsächlich im eigenen Besitz zu wissen. Außerdem werde der einzelne Buchbestand der jungen Leute häufig untereinander ausgetauscht.

Wie sehr die Bücherei in Ottmarsbocholt verwurzelt ist, zeigte sich übrigens am Tag ihrer Schließung. Den Hinweis auf den vorerst letzten Besuch griffen an dem Sonntag über 50 Nutzer auf. „Das war ein Rekordwert“, resümiert Diepenbrock, die mit hohen Besucherfrequenzen in den Neustart gehen möchte.

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