Gastronomie läuft langsam wieder an
Viele Plätze bleiben noch unbesetzt

Senden -

Die Gaststätten haben ihre Lokale und Biergärten wieder geöffnet. Die Zahl der Gäste hat die Frequenz der Vor-Corona-Zeit aber längst noch nicht erreicht.

Freitag, 05.06.2020, 16:50 Uhr aktualisiert: 07.06.2020, 12:20 Uhr
Spendenaktion für die Gaststätte Journal: Der Livestream einer DJ-Party unterstützte die Wirtinnen und ihr Team.
Spendenaktion für die Gaststätte Journal: Der Livestream einer DJ-Party unterstützte die Wirtinnen und ihr Team. Foto: privat

Timo Peters tauschte den Aasee mit der Stever. Die Entscheidung des ehemaligen Geschäftsführers des „Kruse Baimken“ zum Jahreswechsel den Sprung in die Selbstständigkeit im vergleichsweise beschaulichen Senden zu wagen, bereut der Gastro-Profi nicht. Aber die ersten fünf Monate hatte er sich anders vorgestellt. Denn ziemlich genau die Hälfte der Zeit, seit der 34-Jährige die Regie in der Traditionsgaststätte „Niemeyer´s 1886“ übernahm, war die Tür zum Lokal geschlossen. Seit gut zwei Wochen sind Kneipen und Restaurants wieder geöffnet. Das zweimonatige Corona-bedingte Aus ging an die Substanz. „Das war knapp“, räumt Peters ein, dass eine noch längere Zwangspause nicht zu verkraften gewesen wäre. Eine Einschätzung, die Kollegen in seiner Branche teilen.

Das war knapp.

Timo Peters, „Niemeyer“-Betreiber, räumt ein, dass das Corona-Aus an die Substanz ging

Bei Niemeyer´s in der Herrenstraße wurde der Pächterwechsel von Conny und Hennes Herget auf Timo Peters dabei nahtlos und geschmeidig vollzogen. Das neue Betreiberteam sei von den Stammgästen freundlich aufgenommen worden: „Ich war überrascht, wie gut es anlief“, zieht Peters ein „sehr gutes“ Fazit der ersten Wochen bis zum 16. März. Das Bekenntnis zu einem überschaubaren Ort und einer gutbürgerlichen Gaststätte „passt zu meinem beruflichen Werdegang“, so der Betreiber, dem sowohl die Arbeit in der Systemgastronomie als auch in der klassischen Gaststätte geläufig ist. Mit seiner deutschen Küche mit westfälischen Spezialitäten fülle er eine Nische aus – „die Küche ist ein sehr entscheidender Faktor“, hat Peters in Senden festgestellt.

Hennes Herget schied als Wirt in der Gaststätte Niemeyer aus. Als neuer Pächter übernahm Timo Peters das Lokal Anfang 2020.

Hennes Herget schied als Wirt in der Gaststätte Niemeyer aus. Als neuer Pächter übernahm Timo Peters das Lokal Anfang 2020. Foto: di

Stammgäste ergreifen die Initiative

Doch der Drang, außer Haus zu essen und zu trinken sei noch nicht so groß, fasst der Wirt die Phase seit dem 18. Mai zusammen. „Das Vor-Corona-Niveau ist längst noch nicht erreicht“, bedauert Peters, der aber grundsätzliches Verständnis für die Maßnahmen von Bund und Land äußert, die vor Ort umgesetzt wurden.

Als es am Mittwoch vor dem „Vatertag“ im „Journal“ wieder losging, war die Kneipe voll. „Das war der Burner“, betonen Heike und Sandra Blömer. Gleichwohl hat auch das Lokal am Dümmer an der Münsterstraße die übliche Frequenz noch nicht erreicht. „Es ist inzwischen ganz gut angelaufen, aber es fehlen noch ein paar Gäste“, beschreiben die Blömer-Schwestern den Ist-Zustand. Während der Biergarten, zumal bei gutem Wetter, brumme, sei drinnen der Betrieb noch „sehr verhalten“.

Zum zehnjährigen Bestehen der Gaststätte Journal gratulierten die Stammgäste am Ruhetag.

Zum zehnjährigen Bestehen der Gaststätte Journal gratulierten die Stammgäste am Ruhetag. Foto: Privat

Wegen der noch anhaltenden Hygieneauflagen, die sich insgesamt gut umsetzen ließen, wurde die Feier zum Betreiber-Jubiläum abgesagt, die am heutigen Samstag mit Live-Musik über die Bühne gehen sollte. Die Party und die Mallorca-Reise mit dem Service-Team werden auf 2021 verlegt, doch der Geburtstag am Dienstag dieser Woche wurde trotzdem gefeiert. Denn: Zahlreiche Stammgäste kamen mit einem gemeinsamen Geschenk für die Wirtinnen, die unter einem Vorwand am Ruhetag zu ihrer Kneipe gelockt worden waren. „Eine Mega-Überraschung, bei der einige Tränen geflossen sind“, schildern Heike und Sandra Blömer, die vor zehn Jahren, ihre Jobs als Büro- beziehungsweise Industriekauffrau in einer Druckerei in Münster aufgaben, um sich der Gastronomie zu widmen – eine Branche, in der sie bis dahin schon gejobbt hatten. Um den Umsatzausfall der harten Corona-Phase ein Stück weit aufzufangen, haben Stammgäste mehrere Aktionen umgesetzt, darunter ein DJ-Livestream mit Dennis Kleuter und Max Czwalinna, bei dem ordentlich Spenden gesammelt wurden.

Biergarten der Ottmarsbocholter Gaststätte Kallwey: Das Vor-Corona-Niveau ist längst noch nicht erreicht.

Biergarten der Ottmarsbocholter Gaststätte Kallwey: Das Vor-Corona-Niveau ist längst noch nicht erreicht. Foto: privat

Kegelclubs schauen in die Röhre

Viele Wirte sind sauer – und ihre Branchen-Vertretung schon am Ball: Die Öffnung der Kegelbahnen entpuppte sich als kurzes Intermezzo, jetzt schauen die Clubs mit ihrem sportlich-geselligen Hobby schon wieder in die Röhre. „Das ist eine vollkommen absurde Entscheidung“, ärgert sich Uwe Bockholt. Im Gespräch mit den WN betont der „Kallwey“-Wirt, dass gerade an Kegelbahnen die Infektionsgefahr überschaubar und einzudämmen sei. Bockholt ist nicht der einzige Gastronom, der gegen diese NRW-Auflage Sturm läuft, bestätigt Renate Dölling, Geschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Münsterland auf Anfrage. Kegeln werde mit Billard und Darts in eine Schublade gesteckt und verboten. Senden gehöre zu den Kommunen, die ihr Ermessen zeitweilig zugunsten der Wirte ausgeschöpft hätten, so Dölling, die auf eine NRW-weite Rücknahme des Verbots drängt und dies auch womöglich bereits für Mitte Juni erwartet.

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Einen insgesamt zurückhaltenden Start im Anschluss an die Corona-bedingte Schließung verzeichnete auch Uwe Bockholt von der Gaststätte Kallwey, die zuvor während des Lockdowns auf das (weiterhin angebotene) Außerhaus-Geschäft gesetzt hat, „um den Schaden zu begrenzen“, wie Bockholt erklärt. Das Pfingstwochenende sei in der Gaststätte schon „relativ gut gelaufen“, so seine Bilanz. Mehr Gäste seien auch wieder zu verzeichnen, seit sich seit dem 30. Mai wieder bis zu zehn Personen als Gruppe treffen können, womit die Stammtische wieder eintrudelten. Dass die Ottmarsbocholter Stammgäste die Treue halten werden, da macht sich Bockholt keine Sorgen. Auch Schutzregeln wie der vergrößerte Abstand der Tische bereite keine Probleme, zumal beim Biergarten nach Rücksprache auch ein Teil des Kirchplatzes als Puffer „angeknabbert“ werden könne.

Was fehlt, sind Veranstaltungen

Was alle von den WN befragten Wirte bekunden, ist, dass ihnen die Veranstaltungen fehlen – ob Familienfeier oder Schlager- party. Wann auf diesem umsatzstarken Feld wieder Normalität Einzug hält, müsse sich zeigen, so die Gastronomen. Das könne Monate oder länger dauern. Bockholt sagt stellvertretend: „Ich hab´ da keine Glaskugel.“

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