Flüchtlingshilfe Senden zieht Zwischenbilanz
Hilfe fordert Helfer heraus

Senden -

Die Arbeit der Flüchtlingshilfe Senden ist ohnehin eine Herausforderung. Corona hat die Arbeit des Vereins noch erschwert, der neue Schwerpunkte setzt.

Dienstag, 04.08.2020, 15:58 Uhr aktualisiert: 05.08.2020, 09:38 Uhr
Unter durch Corona erschwerten Bedingungen organisieren Lothar Kern (v.l.), Hans Meckling und Mona Mohamed, die eine Frauensprechstunde anbietet, die Arbeit der Flüchtlingshilfe Senden, deren Fahrradwerkstatt im Mai wieder geöffnet hat.
Unter durch Corona erschwerten Bedingungen organisieren Lothar Kern (v.l.), Hans Meckling und Mona Mohamed, die eine Frauensprechstunde anbietet, die Arbeit der Flüchtlingshilfe Senden, deren Fahrradwerkstatt im Mai wieder geöffnet hat. Foto: di/Flüchtlingshilfe

Das öffentliche Interesse ist abgeflaut und das mediale Rampenlicht gedimmt. Die Flüchtlingshilfe Senden weiß nur zu gut, dass Corona die Schlagzeilen beherrscht. Dabei gilt zugleich aber auch, dass die Pandemie ebenfalls die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer des Vereins beeinträchtigt. Der „Job“, sich für Menschen einzusetzen, die vor Krieg, Terror oder blanker Not in Senden Zuflucht gesucht haben, war nie leicht, jetzt ist er noch schwerer geworden, räumen Hans Meckling und Lothar Kern , erste und zweite Vorsitzende, ein.

Man sieht den einzelnen Menschen und kann einfach nicht loslassen.

Vorsitzender Hans Meckling zu seiner Motivation

Der Lockdown am 16. März führte auch bei der Flüchtlingshilfe Senden dazu, dass die Aktivitäten eingefroren wurden. Fürs soziale Zentrum KOMM an der Schulze-Bremer-Straße, wo unter anderem Sprachunterricht in Gruppen stattfand, gingen eine brandbedingte Schließung und das Aus durch Corona fast ineinander über. Das Büro der Flüchtlingshilfe auf der Münsterstraße, in dem intensive Beratungstätigkeit unter anderem durch Integrationshelfer Ahmad Omar stattfindet, legte eine Pause bis Mai ein. Gleiches gilt für die Radwerkstatt, deren „Produkte“ inzwischen allen Bedürftigen in Senden angeboten werden. Corona habe generell auch den Effekt, dass sich die Geflüchteten zurückziehen, teils ihren Job verloren und phasenweise keine Sprachkurse erhalten haben.

Corona-Folgen auf vielen Ebenen

Die weiter und erneut stärker grassierende Erkrankung bremst überdies allein deshalb die Arbeit der Flüchtlingshilfe aus, weil der Großteil der ehrenamtlichen Unterstützer der Geflüchteten selbst zur Virus-Risikogruppe gehören. Dies trifft den gemeinnützigen Verein in einer Phase, in der ohnehin der Kreis der aktiven ehrenamtlichen Helfer überschaubarer geworden ist. Denn die Arbeit, die neuen Bewohner Sendens zu begleiten, ist auch mit Frustrationen und Rückschlägen verbunden, gestehen Meckling und Kern. So seien die Erwartungen, wie schnell sich Sprache erlernen und ein Interesse am Gemeinwesen in der neuen Heimat wecken lässt, wohl anfangs zu hoch gewesen.

Daten und Zahlen der Gemeinde

Zur aktuellen Lage der Geflüchteten in Senden fragten die WN auch bei Holger Bothur, Fachbereichsleiter Bürgerservice, Ordnung und Soziales der Gemeinde Senden, nach.Wie viele Flüchtlinge leben derzeit in SendenBothur: Aktuell leben insgesamt 474 Personen als zugewiesene Flüchtlinge in Senden. Davon 186 in gemeindlichen Unterkünften, 288 in privaten Wohnungen. Diese Zahlen belegen im Vergleich zu den Zahlen aus dem Sozialausschuss vom 26. November 2019 eine weitere Tendenz der Unterbringung in privaten Wohnungen. Demnach wohnten zum vorigen November 202 Flüchtlinge in Sendener Flüchtlingsunterkünften und 268 bewohnen privat angemieteten Wohnraum.Hat Senden damit sein „Soll“ erfüllt?Bothur: Mit dem Stand vom 26. Juli 2020 lag die Erfüllungsquote nach dem FlüAG (Flüchtlingsaufnahmegesetz) bei 96,32 Prozent; dies entspricht einer aktuellen Unterdeckung von drei Personen. Aktuell wird daher nicht mit weiteren Zuweisungen gerechnet. Zuletzt wurden der Gemeinde Senden nach einer längeren Zeit ohne Neuzuweisungen zwischen dem 1. und 16. Juli dieses Jahres insgesamt zwölf Personen (drei Familien) zugewiesen. Diese wurden in Bösensell und Senden untergebracht.Wie hoch war demgegenüber der Peakwert und wann?Bothur: Die höchste Zahl an Flüchtlingen lebte im Februar 2016 in Senden, da waren es 483 Personen.Wie sieht die Gemeinde die Lage in einer generellen Einschätzung?Bothur: Auch wenn die Situation sich, im Vergleich zu den Jahren 2015 und 2016, deutlich entspannt hat, kommen nach wie vor Menschen nach Senden. Dabei handelt es sich vor allem um sogenannte Familiennachzüge, aber auch Zuweisungen des Landes NRW. Und auch diese Menschen benötigen unsere Hilfe. Dank gebührt nicht nur für den selbstlosen Einsatz der Ehrenamtlichen der Flüchtlingshilfe, sondern auch für die breite Unterstützung durch die Sendener Bürgerinnen und Bürger.di

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Zugleich hat sich die notwendige Art der Betreuung verschoben – Alltagshilfe wie Fahrdienste zu Ämtern oder Ärzten ist weniger gefragt, Hilfe bei der Wohnungssuche aber umso mehr. Denn der Wunsch, die Unterkünfte oder angemieteten Wohnungen der Gemeinde, die nur mit dem absolut Nötigsten ausgestattet seien, zu verlassen, sei groß.

Bei der Arbeitsvermittlung ziehen die Vorsitzenden der Flüchtlingshilfe Senden ein insgesamt positives Fazit: Zumindest sei die Mehrzahl der Geflüchteten inzwischen selbst für ihren Lebensunterhalt tätig. Auch einzelne Karrieren in Lehrberufen des Handwerks, als Lehrer oder Studenten seien zu verzeichnen.

Neuer Schwerpunkt bei junger Generation

Sorgen bereitet der Flüchtlingshilfe Senden aber, dass Kinder aus Flüchtlingsfamilien durch das lange und womöglich wiederkehrende Homeschooling abgehängt werden, weil die technische Ausstattung fehlt. Deshalb sind ausrangierte, aber leistungsfähige Computer oder Laptops als Spende willkommen. Überhaupt will die Flüchtlingshilfe ab jetzt der jungen Generation einen Schwerpunkt des ehrenamtlichen Einsatzes widmen und dazu noch stärker mit Sportvereinen und Schulen kooperieren.

Der Kreis der Helfer und Paten soll wieder ausgeweitet werden. Eine Aufgabe, die Ausdauer verlangt. Aber: Die Beispiele, „wo man einen guten Weg sieht“, so Lotar Kern, spornen an. Hans Meckling beschreibt seine Motivation so: „Man sieht den einzelnen Menschen und kann einfach nicht loslassen . . .“

 

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