Jesidische Familie musste Senden verlassen
Hoffnung auf Rückkehr bleibt

Senden -

Die jesidische Familie aus Senden, die im Mai 2019 nach Armenien abgeschoben worden ist, wird weiterhin von einem Kreis aus Senden unterstützt. Und hat die Hilfe auch bitter nötig.

Freitag, 19.02.2021, 16:52 Uhr aktualisiert: 22.02.2021, 10:26 Uhr
Schüler des JHG solidarisieren sich im Mai 2019 mit íhrem Mitschüler Aziz.
Schüler des JHG solidarisieren sich im Mai 2019 mit íhrem Mitschüler Aziz. Foto: ell

2912 Kilometer liegen zwischen Senden und dem Örtchen in der Region Krasnodar, dem neuen Wohnort einer Familie, die ihre wohl bisher besten Jahre in Senden verbrachte. Der Kontakt dorthin ist auch über die lange Distanz nicht abgebrochen. WhatsApp und andere Kanäle schlagen regelmäßig eine Brücke – eine Verbindung, die trägt. Familie Mstoyan musste am 16. Mai 2019 die Stevergemeinde verlassen. Ein Kreis von Unterstützern engagiert sich weiterhin dafür, dass zumindest die beiden Söhne, Aziz und Kash, oder die ganze Familie nach Senden zurückkehren können.

Denn die Perspektiven vor allem für die Kinder sind sonst düster. Ganz anders als in Senden, wo beide bestens verwurzelt und in Grundschule beziehungsweise Joseph-Haydn-Gymnasium als leistungsstarke Schüler erfolgreich unterwegs waren. Die so hoffnungsvollen Schullaufbahnen endeten mit der Abschiebung jäh. Und vollständig. Denn Aziz und Kash, die nur deutsch und jesidisch sprechen, haben seitdem keinen Klassenraum mehr besucht, so der Unterstützerkreis. Auch die sportliche Karriere des älteren der beiden Geschwister, der beim VfL Senden mit der Trikotnummer 14 als Dribbelkünstler auffiel und in die Kreisauswahl befördert worden war, fand keine Fortsetzung – weil es in der Einöde am Schwarzen Meer gar keine Vereine gibt, heißt es weiter.

Foto aus dem Mai 2019: Ein Spieler fehlt: Die D1 des VfL Senden sammelt Unterschriften für ihren Teamkollegen. Trainer Philip Just unterstützt die Initiative.

Foto aus dem Mai 2019: Ein Spieler fehlt: Die D1 des VfL Senden sammelt Unterschriften für ihren Teamkollegen. Trainer Philip Just unterstützt die Initiative. Foto: di

Sportverein und Schulen solidarisierten sich

Seine Mitspieler der damaligen D 1 in Senden hatten sich noch für ihn eingesetzt. Der Slogan „Einer für alle, alle für Aziz“, fand sich auf Transparenten, Trikots und Video-Clips.

Dass Aziz und Kash das Land, dessen Sprache ihre Muttersprache geworden war, nie wieder sehen sollten, damit möchte sich ein fester Zirkel bis heute nicht abfinden. Hilfe hat die Familie auch bitter nötig. Denn nachdem sie als armenische Staatsangehörige bei Verwandten eine provisorische Bleibe in der Nähe von Eriwan gefunden hatten, mussten sie im November abermals ihre Habseligkeiten zusammenraffen. Nicht zuletzt in Folge der kriegerischen Auseinandersetzungen um Berg-Karabach zogen Nare und Avag Mstoyan mit ihren Söhnen in die russische Region Krasnodar, in ein Örtchen zwei Stunden entfernt von der gleichnamigen Millionenstadt. „Wir suchten einen sicheren Ort“, schildert die Familie gegenüber den WN. Abermals haben sich die vier bei Verwandten notdürftig einquartiert.

Aziz lebt inzwischen in Russland und besucht seit seiner Abschiebung keine Schule.

Aziz lebt inzwischen in Russland und besucht seit seiner Abschiebung keine Schule. Foto: privat

Vater mit Herzinfarkt und Corona-Infektion

Die Sorgen richten sich vor allem auf die gesundheitliche Lage des Vaters. Er war vor einigen Monaten in Eriwan in Folge einer kardiologischen Erkrankung zusammengebrochen, wurde mit vier Stents versorgt. Trotzdem erlitt der 47-Jährige nach dem Umzug zu seinem Onkel nach Russland einen Herzinfarkt.

Als sei das nicht genug, infizierte sich Avag Mstoyan in der Klinik noch mit Corona – die Pandemie wütet sowohl in Armenien als auch in Südrussland weitgehend ungebremst, schildern es Berichte aus dem Kreis der Unterstützer. Sie haben Geld gesammelt, um einen Teil der medizinischen Kosten zu stemmen, außerdem sollte die Familie Lebensmittel und ein paar Kleinigkeiten für die Kinder kaufen können. „Wir danken unseren Freunden in Senden“, reagiert darauf die Familie im WhatsApp-Austausch mit der Lokalredaktion.

Das System von Krankenversicherungen kenne man in der dortigen Region nicht. „Es wurde erst behandelt, als das Geld auf dem Tisch lag“, berichtet eine Sendenerin aus dem Kreis, der die Verbindung zu der Familie hält.

Kash lebt inzwischen in Russland, ohne die Sprache zu beherrschen.

Kash lebt inzwischen in Russland, ohne die Sprache zu beherrschen. Foto: privat

Sie war im Mai 2014 nach Deutschland gekommen. Die breiten Anstrengungen, ihnen hier eine dauerhafte Perspektive zu verschaffen, waren ins Leere gelaufen, weil der Vater bei der Einreise falsche Angaben zu seiner Person gemacht hatte. Dahinter stand die Absicht, seine Familie zu schützen. Doch eine humanitäre Lösung, für die sich einzelne Behörden aufgeschlossen zeigten, war damit praktisch zum Scheitern verurteilt. Auch der Plan, dass nur Aziz und Kash zurückkehren und die Loburg als Internat besuchen könnten, zerschlug sich.

Söhne wollen „nach Hause zurück“

Jetzt richtet sich die Hoffnung von Familie Mstoyan darauf, möglichst gemeinsam in Deutschland eine neue Perspektive zu bekommen, wenn im Oktober dieses Jahres der 30-monatige Einreisestopp abgelaufen ist. Nare Mstoyan möchte gerne in der Altenpflege arbeiten, ihr Mann Avag könnte, trotz seiner gesundheitlichen Einschränkungen, wieder seine Kenntnisse als Übersetzer einbringen. Die Hoffnung ist nicht groß. „Aber Hoffnung ist etwas Gutes“, so der Vater von Aziz und Kash, die Deutschland als ihre Heimat betrachten. „Wir wollen zurück nach Hause“, diesen Wunsch, den eine Sendenerin schon öfter von den „Jungs“ beim regelmäßigen WhatsApp-Telefonieren gehört hat, möchte sie ihnen gerne erfüllen.

Nähere Infos zum Unterstützerkreis, der regelmäßigen Kontakt zu der Familie unterhält, sind unter  0 17 5/507 56 79 (Birgit Franke) erhältlich.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7828754?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F104%2F166%2F
Nachrichten-Ticker