Kreis Steinfurt
„Heimerziehung wächst enorm an“

Donnerstag, 16.07.2009, 17:07 Uhr

Steinfurt - Die Zahl der Fälle, bei denen das Jugendamt des Kreises die Familiengerichte eingeschaltet hat, verdoppelte sich von 2005 bis 2008 von rund 40 auf 80 Fälle. In rund 50 Fällen pro Jahr wird Erziehungsberechtigten das Sorgerecht entzogen. Jugendamtsleiterin Barbara Thomas und Heinz-Jürgen Walter , Leiter des Sozialpädagogischen Dienstes, nennen traurige Zahlen, auch wenn es keine Statistiken über Sorgerechtsentzüge gibt. Wenn es zum Äußersten kommt, muss dies für die betroffenen Kinder nicht automatisch Heimerziehung bedeuten. Ambulante Familienhilfen der unterschiedlichsten Art, Tagesgruppen, Bereitschafts- und Familienpflege sind Alternativen. Aber dennoch: „Die Heimerziehung wächst enorm an,“ berichtet Walter. Im Kreis gibt es aber viele Heime, so dass auch aus anderen Kreisen in das Steinfurter Land vermittelt wird. „In der Situation wie vor zwei bis drei Jahren, als wir unter zehn Einrichtungen auswählen konnten, sind wir aber nicht mehr, denn die Plätze in den Heimen sind fast alle belegt“, ergänzt Barbara Thomas. „Kevin lässt grüßen“, sieht Walter einen Grund für den Anstieg darin, dass Freunde, Nachbarn, Kindergärten und Schulen sensibler geworden sind, nachdem in Bremen ein zweijähriges Kind von seinem Ziehvater zu Tode gequält und anschließend in einem Kühlschrank versteckt wurde.

Wird bei einem Kind Verwahrlosung und Misshandlung bekannt, wird unmittelbar das Jugendamt eingeschaltet. Ziel der Interventionen ist es, die Gefährdung abzustellen und durch geeignete Hilfen Krisen und Probleme zu bewältigen. Hier wurden die gesetzlichen Schwellen auch herabgesetzt, viel Notwendiges zum Schutz von Kindern und Jugendlichen konkretisiert. Zur Bewältigung der Aufgaben hat die Kreisverwaltung im Bereich des Jugendamtes zur Jahreswende das Personal um acht Stellen aufgestockt.

„Hinweisen wird unmittelbar nachgegangen, häufig von zwei Mitarbeitern des Jugendamtes“ betont der Leiter des Sozialpädagogischen Dienstes, aber auch: „Den Eltern das Sorgerecht zu entziehen, liegt nicht in unserem Interesse.“ Deshalb wird versucht, möglichst frühzeitig unterstützend direkt in den Familien tätig zu werden.

So stieg die Fallzahl für sozialpädagogische Hilfen in ambulanter Form im Landschaftsverband Westfalen-Lippe um 21 Prozent.

„Kinder sind immer früher auf sich selbst gestellt und können sich nicht mehr auf einmal Gelerntes verlassen, und wo Korrekturen fehlen, treten Fehlentwicklungen auf“, kommt für die beiden Experten die Entwicklung nicht überraschend, da bereits bei den Eltern Orientierungslosigkeit Tendenz ist und strukturierte Tagesabläufe fehlen. Die Erzieher sind zum Teil selbst unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen, haben oft vieles selbst nicht gelernt, sind häufig psychisch erkrankt, fühlen sich von der Gesellschaft abgehängt, haben Drogenprobleme.Viele Eltern wenden sich aber auch aus eigenem Antrieb an das Jugendamt, weil sie bei der Bewältigung ihrer Probleme Hilfe brauchen. „Diese Eltern sind auch gewillt, Hilfe anzunehmen“, berichtet Barbara Thomas über ihre Erfahrungen. Als besonders gefährdet sieht sie kleine Kinder bis zu zwei Jahren an. Denn danach - zum Beispiel im Kindergarten-- wird den Jungen und Mädchen auch öffentlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Schon dort werden Eltern beraten und Hilfen vermittelt. Wenn diese Hilfen nicht ausreichen, wird das Jugendamt informiert. Dieses versucht dann, Eltern und Kindern in schwierigen Situationen zu helfen.

Eine weitere kritische Stufe ist, wenn die Kinder in die Pubertät kommen. Dann fühlen sich viele Eltern überfordert.

Mit steigendem Wohlstand nimmt die Kinderzahl ab - dass bedeutet aber nicht, dass es in Ein-Kind-Familien keine Probleme gibt, wissen Thomas und Walter aus Erfahrung.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/364681?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F698562%2F698568%2F
Tierisches Vergnügen beim Dschungelbuch-Musical
Halle Münsterland: Tierisches Vergnügen beim Dschungelbuch-Musical
Nachrichten-Ticker