Über Trauerarbeit mit Kompetenz
Es darf keine Lügen geben

Kreis Steinfurt -

eit mehr als zehn Jahren leistet sich das Hospiz „haus hannah“ in Emsdetten professionelle Trauerbegleitung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Im Interview mit Kathrin Hartz schildern die Mitarbeiterinnen Evy Billermann, Birgit Wältring und Bernadette Brinkmann unter anderem, wie Kinder dem Tod begegnen, ob es männliche und weibliche Trauer gibt und welchen Platz das Thema Sterben in der Gesellschaft eingenommen hat.

Freitag, 16.02.2018, 15:02 Uhr

Die Mitarbeiterinnen des „Kompetenzzentrums Trauer“ Evy Billermann, Birgit Wältring, Bernadette Brinkmann (v.l.) beschreiben im Interview, wie Kinder dem Tod begegnen, ob es männliche und weibliche Trauer gibt und welchen Platz das Thema Sterben in der Gesellschaft eingenommen hat.
Die Mitarbeiterinnen des „Kompetenzzentrums Trauer“ Evy Billermann, Birgit Wältring, Bernadette Brinkmann (v.l.) beschreiben im Interview, wie Kinder dem Tod begegnen, ob es männliche und weibliche Trauer gibt und welchen Platz das Thema Sterben in der Gesellschaft eingenommen hat. Foto: Katharina Hartz

Seit mehr als zehn Jahren leistet sich das Hospiz „haus hannah“ in Emsdetten professionelle Trauerbegleitung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Aufgrund der großen Nachfrage gründeten die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen der Trauerbegleitung vor zwei Jahren das „Kompetenzzentrum Trauer“. Dort erfahren Betroffene ein vielfältiges Angebot, den Verlust geliebter Menschen zu verarbeiten. Im Interview mit Kathrin Hartz schildern die Mitarbeiterinnen Evy Billermann, Birgit Wältring und Bernadette Brinkmann unter anderem, wie Kinder dem Tod begegnen, ob es männliche und weibliche Trauer gibt und welchen Platz das Thema Sterben in der Gesellschaft eingenommen hat.

Eigentlich ist Sterben das Normalste der Welt. Doch geht ein geliebter Mensch von uns, katapultiert das manchen Menschen aus der Bahn. Wann wenden sich Trauernde an die professionelle Unterstützung des Kompetenzzentrums?

Evy Billermann: Die Umstände des Versterbens spielen bei der Verarbeitung des Verlustes oft eine Rolle. Wenn ein junger Mensch ganz plötzlich ums Leben kommt, ein Kind durch Krankheit stirbt oder ein Familienvater Suizid begeht, ist das etwas anderes als wenn ein alter Mensch nach einem langen erfüllten Leben sterben kann.

Birgit Wältring: Und es ist von Bedeutung, ob Kinder oder Erwachsene trauern. Generell kann aber jeder Kontakt zu uns aufnehmen, der unsere Hilfe in Anspruch nehmen möchte.

Bernadette Brinkmann: Wichtig finde ich, dass Trauer keine Krankheit ist. Jeder, der mit dem Tod eines Freundes oder Angehörigen belastet ist, darf Hilfe in Anspruch nehmen.

In welcher Form finden Betroffene Unterstützung?

Brinkmann: Jede Trauer ist anders. Wir treten nicht als allwissende Ratgeber auf, sondern begleiten und unterstützen Trauernde in ihrer Eigenwahrnehmung. Da wird jeder in seiner individuellen Lebenslage begleitet.

Billermann: „Phönix“ unterstützt Kinder und Jugendliche. Weiter gibt es die Trauerbegleitung für Erwachsene. Wir unterstützen in Einzelgesprächen oder auch in verschiedenen Gruppen, denn Trauer beim Verlust von Eltern, vom Partner oder von Kindern unterscheidet sich.

Wältring: Im Trauerforum „haus hannah“ bieten wir darüber hinaus Vorträge, Informationsabende, Workshops und Fortbildungen. Das Angebot richtet sich an Menschen, die im beruflichen Umfeld im Kontakt mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen stehen.

Suchen Frauen eher Ihre Hilfe als Männer? Trauern Männer überhaupt anders als Frauen?

Billermann: Ich würde schon bestätigen, dass es geschlechtsspezifische Trauer gibt. Männer gestatten sich Traurigkeit oft nicht so wie Frauen, trauern anders, vielleicht in sich gekehrter.

Brinkmann: Ich spreche nicht von männlicher und weiblicher Trauer. Trauer ist sehr individuell. Aber es trifft schon zu, dass es eher mehr Frauen sind, die sich Unterstützung dabei suchen.

Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit mit Kindern von der Begleitung Erwachsener?

Wältring: Zu Kindern gibt es abhängig vom Alter eine andere Beziehungsaufnahme – in der Regel spielerischer. Wichtig ist, offene und scheinbar banale Fragen nicht zu übergehen. Kinder sind in ihrem Denken und Fühlen noch nicht so geformt wie wir Erwachsene. Aber sie sind offen und kreativ auch für traurige Situationen.

Billermann: Ich habe in der Arbeit mit einem trauernden kleinen Jungen einmal erlebt, dass es ihm keine Ruhe ließ, ob in dem Sarg, der da vergraben wurde, denn wirklich sein verstorbener Papa gelegen habe.

Wie geht man mit so einer Angst um?

Billermann: Indem Eltern, Angehörige oder eben wir Trauerbegleiter solche Sorgen ernst nehmen und dafür sorgen, dass sich ein Kind in so einem konkreten Fall davon überzeugen kann, dass wirklich das verstorbene Familienmitglied im Sarg liegt. Ganz wichtig: Es darf keine Lügen geben! Wir konnten einem Kind beispielsweise einmal damit helfen, dass es die Hand des Verstorbenen fühlen durfte. Der Vater hatte sich erschossen.

Sind Kinder damit nicht überfordert?

Wältring: Wenn Kinder gut behütet werden, können sie mit dem Sterben nicht überfordert werden. Eigentlich wollen Kinder immer alles ganz genau wissen, trauen sich aber dann nicht zu fragen, wenn sie spüren, dass ihre Fragen als weitere Belastung aufgefasst werden.

Billermann: Die Frage, „möchtest du mit zur Beerdigung“ stellt sich gar nicht. Natürlich sollte man ein Kind daran teilhaben lassen. Wenn es das nicht möchte, steckt dahinter Angst. Da muss man ansetzen. Viele haben eine regelrechte Zombiephantasie vom Tod. Aber der Tod ist nicht ekelig und nicht zu fürchten.

Wird das Thema Sterben in unserer Gesellschaft zunehmend verdrängt?

Wältring: Ich habe das Gefühl, dass sich die Gesellschaft für das Thema öffnet. Aber man muss aufpassen, dass Sterben nicht zum Aufreißer-Thema, die Schwere von Tod und Trauer verklärt wird. Sterben ist nicht Hollywood. Trauer ist ein Schmerz, den man erleiden muss und nicht schönreden kann.

Billermann: Sterben wird oft zu einem merkwürdigen Event erhoben. Es gibt ja viele Formate, die das Thema Sterben oder den scheinbaren Alltag auf einer Kinderkrebsstation erzählen. Das finde ich oft unrealistisch, manchmal sogar unerträglich. Meine Erfahrungen auf so einer Station sind gänzlich andere.

Wie fällt Ihr Resümee der letzten zwei Jahre Kompetenzzentrum Trauer aus?

Brinkmann: Menschen trauen sich zunehmend über ihre Trauer zu sprechen, sich Hilfe zu holen. Ich würde die Kontakte – manchmal reicht ein einziges Gespräch, manche Menschen begleiten wir Wochen oder Monate – auf rund 300 im Jahr schätzen. Vielen Trauernden hilft es dabei, dass wir ein kreisweites Angebot sind und dadurch auch ein gewisses Maß an Anonymität gegeben ist.

Wältring: Wir werden auf jeden Fall sehr gebraucht.

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