Geburtshilfe im Kreis Steinfurt
Hebammen sind am Limit

Kreis Steinfurt -

Die zwei neuen Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages haben die bedenkliche Situation bereits ausführlich belegt: Es gibt immer weniger Hebammen in Deutschland (wir berichteten). Das ist auch im Kreis Steinfurt so.

Donnerstag, 19.09.2019, 16:42 Uhr aktualisiert: 19.09.2019, 20:41 Uhr
Ulrike Reifig vom Familienbündnis Altenberge sowie Friederike Rummeling und Viktoria Borchardt-Ott vom Kreisverband der Hebammen beschrieben im Gesundheits- und Sozialausschuss am Mittwoch die Situation der Geburtshilfe im Kreis Steinfurt
Ulrike Reifig vom Familienbündnis Altenberge sowie Friederike Rummeling und Viktoria Borchardt-Ott vom Kreisverband der Hebammen beschrieben im Gesundheits- und Sozialausschuss am Mittwoch die Situation der Geburtshilfe im Kreis Steinfurt Foto: Drunkenmölle

Die zwei neuen Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages haben die bedenkliche Situation bereits ausführlich beschrieben: Es gibt immer weniger Hebammen in Deutschland (wir berichteten). Das ist auch im Kreis Steinfurt so, wie Viktoria Borchardt-Ott aus Altenberge und Friederike Rummeling aus Steinfurt dem Kreisausschuss für Gesundheit und Soziales am Mittwoch anschaulich vor Augen geführt haben. Der Mangel verschärft sich, machten die Kreisvorsitzende des Hebammenverbandes und ihre Stellvertreterin den Politikern klar.

„Es läuft irgendwie“, ließ Borchardt-Ott jede Menge Frust erkennen, wie unbefriedigend sie und ihre Berufskolleginnen die Lage empfinden. Von der empfohlenen Eins-zu-Eins-Betreuung sei man weit entfernt. Durchschnittlich würde sich eine Hebamme während der Geburt um drei Frauen gleichzeitig kümmern. Borchardt-Ott: „Das ist längst nicht das, was wir mit ausreichender Versorgung und Qualität in der Geburtshilfe verbinden.“

Hinzu kommt, dass Zahl der Geburten im Kreis Steinfurt deutlich zugenommen hat. Von 2013 bis 2018 um fast 13 Prozent, wie Rummeling anhand von Zahlenmaterial der kreisangehörigen Städte und Gemeinden aufzeigte. Gleichzeitig hat sich an der Bettenzahl der Geburtshilfestationen im Kreis Steinfurt nichts verändert. Im Gegenteil. Nachdem der Kreißsaal im Marienhospital in Steinfurt geschlossen worden ist, stehen im Kreisgebiet nur noch entsprechende Stationen in Ibbenbüren und Rheine zur Verfügung. Die jetzt noch vorhandenen Bettenkapazitäten sind zu 100 Prozent belegt, weshalb die Frauen nach Münster, Coesfeld oder Osnabrück ausweichen, um ihre Kinder zu bekommen. „Das Aus in Borghorst hat eine große Lücke geschlagen“, fügte Borchardt-Ott mit Blick auf eine ortsnahe Versorgung der betroffenen Familien an. Diese müssen unter Umständen jetzt weite Wege in Kauf nehmen, um ausreichend und sicher betreut und versorgt zu werden.

„Die Kolleginnen sind am Limit“, verwiesen die Hebammen-Vertreterinnen darauf, dass mit der zunehmenden Belastung auch die Unzufriedenheit im Job steigt. Hinzu komme, dass die Zahl interventionsintensiver Geburten zugenommen habe. So würden mittlerweile 30 Prozent der Kinder im Kreis Steinfurt per Kaiserschnitt zur Welt kommen, doppelt so viele wie im WHO-Durchschnitt. Kein Wunder also, dass sich viele Frauen aufgrund des unzureichenden Betreuungsschlüssels alleingelassen fühlten. Die Spirale führe weiter abwärts.

Ein Beispiel, für Entlastung zu sorgen, zeigte Ulrike Reifig vom Familienbündnis Altenberge auf. Dort wird mit dem „Haus Kindertraum“ ein offenes Mütterzentrum mit dem Ziel aufgebaut, dass sich Menschen aller Altersstufen über ihre Erfahrungen im Zusammenleben mit Kindern und Familie austauschen, voneinander lernen und profitieren – Beratung, Betreuung und Bildung inklusive.

Auch wenn sowohl den Geburtshelferinnen als auch den Politikern klar war, dass auf Kreisebene wenig unternommen werden kann, um die Situation zu verbessern, so wollten die Hebammen nichts unversucht lassen, die Verwaltung und den Kreistag zu bewegen, die Verantwortlichen im Land und Bund für das Thema zu sensibilisieren. Ob ein duales Studium, das für Hebammen bald Pflicht werden soll, die Lösung ist, bezweifelten die Expertinnen. Das bringe Geburtshelferinnen mit klassischer Ausbildung und Lehrkräfte eher in Bedrängnis als für Entlastung zu sorgen. Aber: „Karl-Josef Laumann ist da dran. Das finden wir gut“, appellierte Viktoria Borchardt-Ott abschließend an den Ausschuss, für die Geburtshilfe im Kreis Steinfurt Partei zu ergreifen.

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