Wie eine Generation ihr Trauma verarbeitet
Der Krieg kommt im Alter zurück

Altenberge -

Immer mehr mehr Menschen, die in den Jahren 1930-40 geboren sind, ziehen in stationäre Einrichtungen und stellen die Pflegekräfte vor neue Aufgaben. Viele der Senioren haben in den Kriegswirren schreckliche Dinge erlebt. Die Kindheitstraumata brechen in den Pflegeeinrichtungen wieder auf. So wie bei Ursula Männer. Wie die 93-Jährige damit umgeht, ist allerdings eine Ausnahme. 

Donnerstag, 24.07.2014, 08:07 Uhr

Ursula Männer ist eine Ausnahme. Die 93-Jährige musste drei Mal in ihrem Leben flüchten. Vor den Russen in Berlin , aus Tschechien, als die Amerikaner abzogen, und das letzte Mal 1956 unter Decken versteckt im Kofferraum eines Autos aus der DDR in die Bundesrepublik. Heute lebt sie im Edith-Stein-Haus in Altenberge und wundert sich, dass sie so alt geworden ist. „Das Leben hat mich wohl zäh gemacht“, sagt sie.

Therapie

Ursula Männer ist aber auch deshalb eine Ausnahme, weil sie in den vergangenen Jahren ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben hat. Männer: „Das war meine Therapie.“ Der Leiter des Edith-Stein-Hauses, Oliver Hordt , hat die handschriftlichen Aufzeichnungen in seiner Freizeit abgetippt und in den historischen Kontext eingeordnet. „Wir überlegen, es im Eigenverlag herauszugeben“, sagt er. Die 93-Jährige gehört nämlich zu den wenigen ihrer Generation, die über das Erlebte sprechen. 

Hans & Ulla

„Kriegserfahrungen waren immer ein Thema, aber jetzt kommt die Generation der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen des Krieges“, weiß Hordt. Und dass Kindheitstraumata oft schlimmer als alle anderen Traumata sind. Hordt: „In der Generation unserer Großeltern wurde nicht über Gefühle geredet. Die haben das ausgeblendet.“ Und das macht es dem Pflegepersonal schwer, „weil es nicht direkt damit konfrontiert wird“. Bewohner, die mit ihrem Handstock unter der Bettdecke schlafen, Frauen, die keine Berührungen zulassen können, Männer und Frauen, die immer einen gepackten Koffer im Schrank haben oder alle möglichen Dinge verstecken. „All das ist oft auf diese Erfahrungen zurückzuführen“, sagt Hordt. Das persönliche Hab und Gut in Kleidern auf der Flucht eingenäht, der ständige Hunger und die unmenschlichen Erfahrungen, die der Generation widerfahren sind – im Alter sind diese Erinnerungen oft wieder präsent. Hordt: „Die Menschen haben jahrelang einfach funktioniert. Hier haben sie Zeit, hier kommt das wieder ans Tageslicht.“

Soldatenstiefel

Und bringt die Pflegekräfte vor neue Aufgaben: Wer kommt schon darauf, dass Stöckelschuhe auf einem Parkett sich wie Soldatenstiefel anhören können? Wenn ein Bewohner aber aus diesem Grund Panikattacken bekommt, dann muss das Pflegepersonal das erst einmal ergründen. „Wir haben erste Schulungen zu dem Thema gemacht und überlegen, ob wir das mit allen Mitarbeitern machen“, erklärt Hordt. Er weiß, dass es zwei Gruppen von Bewohnern gibt. Die, die geistig fit sind und nicht darüber reden wollen. „An die kommen wir kaum heran.“ Und die dementen Bewohner. Bei denen können die Kindheitstraumata nicht mehr therapiert werden. Hordt: „Da können wir nur zuhören, uns einfühlen, Verständnis zeigen und ablenken. Demenziell Erkrankte können sich sonst von dem Thema nicht lösen.“

Wie die Frau, deren Familie vor ihren Augen erschossen wurde, als sie gerade 16 Jahre alt war. Oder die Bewohnerin, die bei der russischen Praktikantin auf einmal anfängt, Polnisch zu sprechen, und sich weigert, von ihr gepflegt zu werden. „Das muss man dann akzeptieren und einen anderen Pfleger einsetzen. Da hilft nichts, das kann man nicht abstellen“, erklärt er.

Biografiearbeit

Extrem wichtig sei die Biografiearbeit für das Pflegepersonal. „Angehörige müssen uns das erzählen, was sie wissen“, sagt Hordt. Sonst sehe man nur die Symptome, kenne aber deren Ursache nicht. Zudem müssten die Pflegekräfte einsehen, dass sie bei dementen Patienten nicht helfen können. Hordt: „Für Menschen, die einen sozialen Beruf ergriffen haben, ist das oft nicht einfach.“

Da ist Ursula Männer ein Glücksfall im Edith-Stein-Haus. Für die Pflegekräfte und für sich selbst. „Die Dinge aufzuschreiben, ich glaube, es gibt nicht viele bessere Wege, etwas zu verarbeiten“, sagt Hordt.

Erinnerungen

„Es war schlimm, was wir erlebt haben. Aber ich wollte es aufschreiben“, sagt Ursula Männer. Immer, wenn ihr Mann und sie dachten, es sei vorbei im Leben, „dann kam wieder jemand und hat uns geholfen“. Einige davon haben sie vor dem Gefängnis und sogar vor dem Tod bewahrt. Mit dem Schreiben habe sie sich von dem Alten lösen können. „Das habe ich erlebt, das war ich und wollte es auch nicht verleugnen“, blickt sie zurück, warum sie 2010 erstmals in Altenberge den Stift in die Hand genommen hat. Den Titel ihrer Erinnerungen wusste sie bereits, bevor sie ein Wort geschrieben hatte: „Wunder gibt es immer wieder“. 

 

Aktuell ziehen alt gewordene Menschen in stationäre Einrichtungen, die in den Jahren 1930-40 geboren sind. Sie haben die Kriegswirren zwischen Elternhaus und Bunker erlebt. Derartige Traumata aus Kinderjahren wirken sich wesentlich schwerer aus. Ihnen wird so in den nächsten Jahren auch in der Pflege und Betreuung ein besonderes Augenmerk zukommen müssen.

Mit aktuellen Büchern wie „Vatertage“ von Katja Thimm oder die „Vergessene Generation“ von Sabine Bode sowie durch die Forschung von Medizinern und Psychoanalytikern steigt das Interesse an den Erlebnissen dieser Kriegskinder. Denn auch die nachfolgenden Generationen leiden unterbewusst unter den Traumata ihrer Eltern und Großeltern.

Je nach Altersgruppe erlitten bis zu 60 Prozent kriegsbedingte Traumata.  Das hat die Psychotherapeutin Heide Glaesmer vom Uniklinikum Leipzig in einer Studie aus dem Jahr 2005 ermittelt. Kriegstraumata können besonders im Alter wieder neue Leiden auslösen. Man spricht dann von einer Trauma-Reaktivierung. Nach der Berufstätigkeit bleibt mehr Zeit, über Vergangenes nachzudenken. Außerdem erlebt man durch Krankheit lebensbedrohliche Situationen, die Ereignisse von damals plötzlich zurückbringen.

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