Eine ganz neue Familie
Tür an Tür

Altenberge -

Mutter und Tochter Pani und Pune haben nach ihrer lebensgefährlichen Flucht aus dem Iran bei den Neumanns ein neues Zuhause gefunden.

Freitag, 15.07.2016, 15:07 Uhr

Mutter und Tochter Pani und Pune haben bei den Neumanns ein neues Zuhause gefunden. Gemeinsame Spieleabende sind auch ein Weg, die deutsche Sprache zu erlernen.
Mutter und Tochter Pani und Pune haben bei den Neumanns ein neues Zuhause gefunden. Gemeinsame Spieleabende sind auch ein Weg, die deutsche Sprache zu erlernen. Foto: Axel Roll

Anderen dazu raten, das selbe zu tun? „Nein, das kann man doch nicht.“ Für das Ehepaar Neumann gab es jedenfalls keine Alternative. „Wo so große Not ist, da muss man einfach helfen“, sagt Gerhard Neumann. Schließlich war er selbst Flüchtlingskind. „Ich habe noch das Bild vor Augen, wie der Hausverwalter mit der Axt in der Hand meine Mutter am Betreten der uns zugeteilten Wohnung hindern wollte.“ Solche Erlebnisse prägen. Und darum haben in dem Altenberger Einfamilienhaus Mutter Pani mit Tochter Pune vor zwei Monaten ein neues Zuhause gefunden. Ihre vollen Namen wollen beide aus Angst vor Repressalien nicht öffentlich machen.

Gerhard Neumann hat für die beiden ein altes Kinderzimmer hergerichtet, eine kleine Küchenzeile eingebaut. Bad und Wohnzimmer teilen sich die Neumanns aber mit ihren neuen Gästen. „Und das ist toll“, sagt der 78-jährige ehemalige Polizist. Die 44 Jahre alte Pani nickt heftig – und lässt durch die Dolmetscherin ausrichten, wie unendlich dankbar sie für die Hilfsbereitschaft der Altenberger sind. Miete nehmen die Neumanns übrigens nicht einen Cent.

Die Witwe ist mit Tochter Pune aus dem Iran nach Deutschland geflohen: „Wir hatten viele Probleme.“ Die 23 Jahre alte Tochter lehnte einen Heiratsantrag eines hohen Beamten ab – und hatte seitdem ständig Ärger mit der Polizei in Teheran. „Ich stand auf der schwarzen Liste.“ Unter anderem wegen Verstößen gegen die strenge Kleiderordnung. Kurzärmelige Blusen? In Iran gar nicht dran zu denken. Pune wurde mehrfach verhaftet, hatte irgendwann auch keine Arbeitserlaubnis mehr. Wie rigoros der Sicherheitsapparat in solchen Fällen vorgeht – Mutter Pani zeigt an ihrer Stirn eine dicke Narbe. „So wollten wir nicht mehr leben“, erzählt die Witwe.

Sie verkauften alles, was sie hatten, gingen zu einem Schleuser und zahlten allein für die lebensgefährliche Überfahrt von Izmir in der Türkei nach Lesbos 3000 Euro. „Wir saßen mit 60 Flüchtlingen in einem Schlauchboot. Kurz vor der Küste kenterten wir, meine Mutter wäre fast ertrunken. Ein Afghane hat sie im letzten Moment gerettet“, erzählt die Tochter von den dramatischen Stunden ihrer Flucht . Über die bekannte Balkanroute kamen sie nach Deutschland. München, Dortmund und Remscheid, schließlich Altenberge.

Zwei Monate leben die Iranerinnen jetzt bei den Neumanns. „Das ist ein riesiger Gewinn“, spricht der 78-Jährige aus, was alle denken. „Wenn ich sehe, wie liebevoll sich Pani und Pune um meine pflegebedürftige Frau kümmern, da geht mir das Herz auf.“ Im Gegenzug bringt der ehemalige Polizeibeamte den Frauen Deutsch bei. Als Vorbereitung auf den Sprach- und Integrationskursus, auf den sie so sehnsüchtig warten. „Jeden Tag fragen sie nach, ob der Bescheid gekommen ist“, schmunzelt Gerhard Neumann.

In der Zwischenzeit behilft sich die deutsch-iranische Wohngruppe mit einer alten Tafel aus dem Kinderzimmer, Karteikarten und einem Ringbuch, in dem die Mutter akribisch jedes neu gelernte Wort einträgt. Auch wenn das Meistern der sprachlichen Hürde im Augenblick bei den Iranerinnen ganz oben auf der Liste steht, geht der Blick weiter. Jetzt, wo sie nach der nervenaufreibenden Flucht endlich Zeit zum Durchatmen haben. „Wir denken sehr intensiv über unsere Zukunft nach“, so die Tochter. Fest steht für beide, dass sie bislang alles richtig gemacht haben. Mutter Pani: „Wir wollten immer nach Deutschland, weil uns jeder gesagt hat, dass es hier am besten ist.“ Ihre Vorstellungen seien nicht enttäuscht worden. Fremdenfeindlichkeit hätten sie noch nicht zu spüren gekommen. Im Gegenteil. „Alle sind hier sehr nett zu uns.“ Und da geht der Blick natürlich herüber zu den Neumanns. „Wir sind so dankbar für alles.“ Wenn Tochte Pune einen weiteren Wunsch frei hätte, sie würde sich Kontakte zu gleichaltrigen Frauen in ihrer neuen Heimat wünschen.

Cornelia Landsknecht von der Gemeinde hat‘s gehört. „Das nehme ich mit in die Lenkungsrunde“, verspricht sie der jungen Perserin. Bislang habe man die Thematik nicht auf dem Schirm gehabt. „Junge allein stehende Frauen unter den Kriegsflüchtlingen sind eher die Seltenheit.“ So selten wie die Offenheit und Toleranz der beiden Neumanns. . .

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