Gefährliche Mission
Wachrütteln und aufklären

Altenberge -

Es ist eine nicht alltäglich und leichte Aufgabe, die Max Reifig seit dieser Woche bewältigt. Für drei Wochen arbeitet er auf dem Rettungsschiff „Iuventa“, um vor der Küste Libyens Flüchtlinge aus Seenot zu retten. Die Organisation „Jugend Rettet“ steht hinter dem Projekt.

Donnerstag, 20.10.2016, 20:10 Uhr

Max Reifig, hier auf dem Altenberger Marktplatz, hilft schiffbrüchigen Flüchtlingen.
Max Reifig, hier auf dem Altenberger Marktplatz, hilft schiffbrüchigen Flüchtlingen. Foto: nix

„Jeder Mensch verdient Rettung aus Seenot “ – so lautet das „Credo“ der Organisation „Jugend Rettet“. Ihre Gründung fällt ins Jahr 2015, als Hauptquartier dient ein alter Leuchtturm auf Malta . Prominente wie beispielsweise die Schauspielerin und „Tatort-Kommissarin“ Maria Furtwängler oder ihr Kollege Armin Rohde sind von der Initiative junger Menschen tief beeindruckt.

Max Reifig ist gerade 25 Jahre alt geworden und reichte seine Bachelor-Abschlussarbeit im Fach „European Studies“ (Europawissenschaften) bei der Uni Osnabrück ein. Jetzt hat er ein Jahr Luft bis der Master-Abschluss ansteht. In dieser Zeit möchte Reifig Erfahrungen sammeln und auswerten, vor allem aber möchte er eins: helfen.

„Ich habe das Gefühl, der Allgemeinheit ist nicht mehr so richtig bewusst, dass im Mittelmeer tatsächlich Menschen sterben“, sagt der junge Mann. Es geht um die Flüchtlingssituation, Bilder von überfüllten Holz- und Schlauchbooten gingen um die Welt. Anfangs, so erinnert Reifig, waren die Berichte über Flüchtlingsschicksale total schockierend, man dachte darüber nach. Mittlerweile, kritisiert er, werden hinter Zahlen keine persönlichen Tragödien mehr gesehen. Auch bei sich selbst nahm er eine gewisse Abstumpfung gegenüber dem Elend wahr. Jetzt möchte der Student ganz pragmatisch etwas tun und eine Schiffscrew unterstützen, die Flüchtlinge aus Seenot rettet. Über einen Freund, der im Vorstand von „Jugend Rettet“ aktiv ist, kam Reifig mit der Hilfsorganisation in Kontakt. Seit dem vergangenen Dienstag bringt er sich dort für drei Wochen ein. Das Engagement ist ehrenamtlich, es gibt eine Vor- und eine seelsorgerische Nachbereitung des Einsatzes.

„Wir werden zunächst auf Malta instruiert“, erzählt Reifig. Man spielt an Land Szenarien durch, die sich möglicherweise auf See ereignen. „Man muss sich klar machen, dass Flüchtlinge auf den Schiffen in permanenter Todesangst leben, da sie in der Regel nicht schwimmen können“, so der Helfer. Kentert oder sinkt ein Boot, wäre es ohne schnelle Rettung das Ende für die Betroffenen. Diese psychische Belastung führe zu irrationalen Handlungen, auf die man vorbereitet sein müsse, sagt Max Reifig. „Nur so können wir in kritischen Situationen einen möglichst kühlen Kopf bewahren.“

Das Rettungsschiff „Iuventa“, ein 60 Jahre alter umgebauter Fischkutter, ist in erster Linie nicht auf die Bergung von Schiffbrüchigen ausgelegt. Es würde zu viel Zeit kosten, mit ihnen zurück nach Malta zu fahren und die Beobachtung der Küste zu unterbrechen. Das könnte Leben kosten. Die Besatzung – ein Kapitän, zwei Maschinisten, Ärzte und Zuarbeiter – patrouilliert außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone vor der Küste Libyens. Bei Sichtung von Schiffbrüchigen wird sofort versucht, ein größeres Schiff mit ausreichend Rettungs-Kapazitäten dorthin zu beordern. Besteht akute Lebensgefahr, so nimmt die Iuventa ohne Frage ihren Möglichkeiten entsprechend auch selbst auf. Reifig ist vor allem für’s Kochen und Putzen zuständig, weil er über keine speziellen nautischen und medizinischen Kompetenzen verfügt. „Das ist vollkommen in Ordnung“, betont er, „ich bin in jeder Weise motiviert zu helfen.“

Der Student fühlt sich in guter körperlicher und mentaler Verfassung. „Sicherlich werde ich mit sehr belastenden Situationen konfrontiert“, weiß der junge Mann, „mit Elend bis hin zum Tod“. Wie er letztlich darauf reagiert, weiß er nicht hundertprozentig, doch er lässt es drauf ankommen. „Ich bin mit solchen Situationen noch nie in Kontakt gekommen, daher ist es für mich eine völlig neue Erfahrung“, sagt Reifig.

Nach dem Einsatz will er in der Öffentlichkeit auf jeden Fall davon berichten. „Ich sehe mich als eine Art Botschafter, der die Menschen wachrütteln und aufklären will um zu zeigen, was auf dem Mittelmeer wirklich los ist.“

 

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