Flüchtlinge aus Seenot gerettet
Einsatz, der an die Nieren geht

Altenberge -

nsgesamt war Max Reifig aus Altenberge rund einen Monat unterwegs, zwei Wochen lang patroullierte er mit 14 Crewkollegen entlang der Libyschen Küste. Das war im Oktober, mittlerweile hat die „Normalität des Alltags“ ihn wieder.

Freitag, 03.02.2017, 17:02 Uhr

Zusammengepfercht hofften die Flüchtlinge im Schlauchboot auf ihre Rettung. Sie aus Seenot gerettet zu haben, gab Max Reifig (kl. Bild) ein gutes Gefühl.
Zusammengepfercht hofften die Flüchtlinge im Schlauchboot auf ihre Rettung. Sie aus Seenot gerettet zu haben, gab Max Reifig (kl. Bild) ein gutes Gefühl. Foto: Catamaranfilms

Insgesamt war Max Reifig aus Altenberge rund einen Monat unterwegs, zwei Wochen lang patroullierte er mit 14 Crewkollegen entlang der Libyschen Küste. Das war im Oktober, mittlerweile hat die „Normalität des Alltags“ ihn wieder. Reifig, Neffe der SPD-Fraktionsvorsitzenden und Landtagskandidatin aus Altenberge, engagierte sich für die Organisation „Jugend rettet“. Seine Mission: Flüchtlingen zu helfen, die in überfüllten Schlauchbooten von Libyen aus aufgebrochen waren, um ein besseres Leben zu suchen. Für manche endete der Traum auf dem Grund des Meeres, doch für die meisten ging ihr kühnes Wagnis glücklicherweise gut aus.

„Wir konnten innerhalb von 14 Tagen rund 3000 Menschen retten“, berichtet der 25-Jährige. Vor der Reise reichte er seine Bachelor-Abschlussarbeit im Fach „European Studies“ (Europawissenschaften) bei der Uni Osnabrück ein.

Er wollte helfen, jetzt will er auch mit Vorträgen aufrütteln und öffentlich machen, was auf dem Meer tatsächlich passiert. Mit dem 60 Jahre alten umgebauten Fischkutter „Inventar“ unterwegs erlebte der junge Mann, wie bis zu 160 Menschen zusammengepfercht in teils maroden neun Meter langen Schlauchbooten um ihr Leben kämpften.

„Manchmal sind die Boote lediglich notdürftig aus Lkw-Planen zusammengenäht und haben höchstens ein paar Holzlatten als Boden“, berichtet Reifig. Das geht in der Regel nicht lange gut und schnelle Hilfe ist gefragt. „Manchen Flüchtlingen wird im Vorfeld erzählt, sie müssten nur eine Stunde lang geradeaus rudern, bis sie das gelobte Land, in dem es ihnen besser geht, erreicht hätten“, so der Deckmanager. Natürlich sind das Lügen skrupelloser Schlepperbanden, denen es nur um schnelles Geld geht.

Reifig, sollte eigentlich als Koch mitreisen, doch es gab pausenlos Einsätze und jeder musste dort aktiv werden, wo er am dringendsten gebraucht wurde. „Ich empfing die Flüchtlinge, nahm ihnen die Schwimmwesten ab, die wir vorher zur ihrer Sicherheit verteilten, beruhigte die erschöpften Menschen und gab ihnen Wasser“, beschreibt Reifig. „Wir waren 56 Stunden am Stück im Einsatz, an Schlaf war meist nicht zu denken“.

Während die Besatzung außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone patrouillierte, galt es aufmerksam zu sein. Wo war ein Boot in Seenot , wo war rasche Hilfe erforderlich? Ein spanischer Luftaufklärer überwachte das Szenario unterstützend aus der Vogelperspektive und machte zusätzlich auf Hilfsbedürftige aufmerksam.

M anchmal beförderte der alte Fischkutter bis zu 400 Menschen. Ursprünglich war es so gedacht, dass die Iuventa-Mannschaft nach Schlauchbooten Ausschau halten sollte, um ein größeres Schiff mit entsprechenden Aufnahmekapazitäten zum Ort des Geschehens zu beordern. Doch die Realität war zumindest teilweise einfach anders.

„Das Fluchtmotiv ist für die meisten einfach die Suche nach einer besseren Existenzgrundlage“, sagt der Helfer. Manche kommen aus Kriegsgebieten, manche werden von Terroristen verfolgt und manche haben ihre Familien durch Epidemien verloren. Die Schicksale sind vielfältig und erschütternd. Reifig begegneten Angst und Verzweiflung, aber auch lauter Jubel wenn die Retter eintrafen.

Besonders die Szenen, bei denen es um die Rettung von Kindern ging, sind ihm ins Gedächtnis gebrannt. Die Menschen halten den Rettern ihre Kinder aus dem Boot heraus entgegen. Der Seegang ist nicht gerade hilfreich und blitzschnell muss entschieden werden, ob das Kind sicher aus den Armen der Mutter geborgen werden kann. Schwer zu glauben: Es gibt sogar „Engine-Fisher“, die den Schlauchbooten die Außenbordmotoren stehlen, um Profit daraus zu schlagen.

Seelisch hat Max Reifig den Einsatz verkraftet. „Gewisse Momente haben mich stark belastet“, gesteht er rückblickend. Dennoch waren die Situationen letztlich beherrschbar, selbst dann, wenn es Tote gab. Im Vordergrund stand immer, möglichst vielen Menschen rasch zu helfen. Und dass, so ist sich der Deckmanager sicher, ist glücklicherweise fast immer gelungen.

„Das Wichtigste war, die Flüchtlinge aus ihren seeuntüchtigen Booten herauszuholen“, bringt er es auf den Punkt.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4604420?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F167%2F4849252%2F4849254%2F
Nachrichten-Ticker