Pflegekräfte sind gefragt
Geld allein ist nicht die Lösung

Altenberge -

Laut Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD sollen in einem Sofortprogramm 8000 neue Fachkraftstellen im Zusammenhang mit der medizinischen Behandlungspflege in Pflegeeinrichtungen geschaffen werden. Reicht das?

Donnerstag, 29.03.2018, 00:03 Uhr

Die Pflege und Betreuung alter Menschen ist für den Leiter des Edith-Steinhauses Oliver Hordt  sowie seine Fachkräfte Irmgard Weßels und Nina Laskowski (v.l.) eine Herzensangelegenheit.
Die Pflege und Betreuung alter Menschen ist für den Leiter des Edith-Steinhauses Oliver Hordt  sowie seine Fachkräfte Irmgard Weßels und Nina Laskowski (v.l.) eine Herzensangelegenheit. Foto: mas

Auf Seite 96 des Koalitionsvertrages zwischen CDU und SPD heißt es wörtlich: „In einem Sofortprogramm werden wir 8000 neue Fachkraftstellen im Zusammenhang mit der medizinischen Behandlungspflege in Pflegeeinrichtungen schaffen.“ Mit dieser Zahl möchte sich Oliver Hordt , Leiter des Edith-Stein-Hauses, nicht lange aufhalten, da es zum einen überhaupt nicht genügend Personal auf dem Arbeitsmarkt gebe, zum anderen auch 8000 Stellen nicht viel mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein seien.

Hordt möchte die Diskussion nicht auf diese Zahlen reduzieren. Immerhin sind derzeit im Edith-Stein-Haus alle Stellen im Pflegebereich besetzt. Ihm geht es vielmehr darum, die gesellschaftliche Diskussion rund um das Thema Pflege verstärkt in den Fokus zu rücken. Denn nur mehr „Geld ins System“ zu stecken, damit mache es sich die Politik zu leicht, sagt Oliver Hordt. Die Lösungen seien vielschichtiger und beziehen alle Menschen mit ein. „Die Pflege und Betreuung alter und hilfsbedürftiger Menschen lässt sich nicht wegdelegieren oder kaufen. Sie gilt uns, jedem Einzelnen von uns.“

65 Frauen und Männer leben derzeit im Edith-Stein-Haus. Und diese möchten optimal versorgt werden. Dafür stehen insgesamt 40 Personen im Pflegebereich zur Verfügung – sowohl in Teil- als auch in Vollzeit. „Man muss schon ein gewisses Maß an Herzblut mitbringen“, sagt die 42-jährige Pflegefachkraft Nina Laskowski . Seit 18 Jahren arbeitet sie an der Billerbecker Straße und spricht eher von „einer Berufung“ als von einem normalen Beruf, den sie gerne und mit großer Leidenschaft ausübe. Es gehe bei der Betreuung der älteren Menschen nicht nur um die reine Arbeitskraft. Laskowski: „Man bekommt von den Bewohnern sehr viel zurück.“

Schicht- und Wochenenddienst, das ist für die zweifache Mutter kein Problem: „Der Beruf hat auch viele Vorteile“, sagt Nina Laskowski. Schon am frühen Nachmittag zu Hause zu sein, freie Tage in der Woche – das gehört für die Pflegefachkraft auch zu den positiven Seiten ihres Berufs.

Der Spagat zwischen den Kosten auf der einen und der Qualitätssicherung auf der anderen Seite – auch damit müssen Oliver Hordt und sein Team tagtäglich klarkommen. „Ohne Teilzeitstellen könnte ich die Dienstpläne nicht hinbekommen“, erklärt Pflegedienstleiterin Irmgard Weßels. 22 Vollzeitstellen im Pflegebereich werden derzeit von den 40 Angestellten abgedeckt. „Wer mehr Personal will und das ordentlich nach Tarif bezahlt wird, der muss mit höheren Pflegesätzen rechnen“, weist Oliver Hordt auf einen entscheidenden Punkt hin.

Von Resignation kann im Edith-Stein-Haus trotz der immer wieder aufkommenden Diskussion über die Situation in der Pflege nicht die Rede sein. Obwohl der Beruf in der Pflege „heute nicht einfach“ sei, treffe Oliver Hordt im Edith-Stein-Haus auf „engagierte Mitarbeiter“, die nicht nur ihren Beruf ausüben, sondern den „ihnen anvertrauten Menschen viel mehr zu geben haben“. Was treibt sie an? „Die Liebe zu den Menschen“, lautet die Antwort des Leiters des Altenzentrums.

Zurück zu den Zahlen: „Das ist doch nicht schlecht, oder“, so Hordt und blickt auf das Einstiegsgehalt einer Pflegefachkraft. Sie bekomme 2635 Euro Brutto plus Pflege- und Schichtzulage sowie „Weihnachtsgeld“ oder eine kirchliche Zusatzversorgung. Zugrunde liegt ein entsprechender Tarifvertrag. Eine ungelernte Pflegehilfskraft beginnt mit einem Einstiegsgehalt von 2110 Euro Brutto.

Es fehlen jedoch nicht nur die Fachkräfte, sondern auch Pflegehilfspersonal, blickt Oliver Hordt auf die Mitarbeiterstruktur. Immerhin: Der Leiter des Edith-Stein-Hauses freut sich über vier Auszubildende. Und immer wieder suchen er und seine Mitarbeiter den Kontakt mit allen Altenberger Bevölkerungsgruppen – von Jung bis Alt, von der Kolpingsfamilie bis zur St.-Johannes-Schützenbruderschaft. Es gibt Kooperationen mit Kitas oder mit Schulen, erzählt Hordt weiter: „Wir sind ein offenes Haus.“ Ob Praktika oder Bundesfreiwilligendienst, es gibt viele Möglichkeiten für junge Menschen, einen Blick in die Arbeitswelt eines Seniorenheimes zu werfen. „Probiert euch aus“, so der Appell von Hordt.

Sich für andere Menschen einsetzen, sich engagieren, ohne ausschließlich und zu allererst den Verdienst im Hinterkopf zu haben – Nina Laskowski, Irmgard Wessels und Oliver Hordt wünschen sich, dass sich auch in den Köpfen der Menschen etwas verändert. Es sei unerlässlich, dass sich Frauen und Männer einsetzen für Schwächere in der Gesellschaft. Nicht nur im Edith-Stein-Haus, sondern auch im unmittelbaren Lebensumfeld, zum Beispiel in der Nachbarschaft.

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