Paul Glaser berichtet über Tante Rosie
Vom Überleben im KZ

Altenberge -

Beeindruckende Lesung: Der Niederländer Paul Glaser erzählt in seinem Buch „Die Tänzerin von Auschwitz“ die Geschichte seiner Tante Rosie. Sie überlebte drei Jahre in Konzentrationslagern und fand schließlich in Schweden ihr Glück.

Mittwoch, 31.10.2018, 14:38 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 31.10.2018, 14:38 Uhr
Detailliert und ungeschminkt erzählte Paul Glaser die Geschichte seiner Tante Rosie (l.).
Detailliert und ungeschminkt erzählte Paul Glaser die Geschichte seiner Tante Rosie (l.). Foto: Nix

Tante Rosie war eine selbstbewusste, attraktive, unbeugsame Jüdin. „Tante“, das hört sich irgendwie so alt an, doch als ihre Geschichte begann, war sie noch jung und das dunkle Zeitalter des Nationalsozialismus marschierte vehement voran. Der Niederländer Paul Glaser, Jahrgang 1947 und geboren in Maastricht, erzählt in seinem Buch „Die Tänzerin von Auschwitz“ die Geschichte seiner Tante Rosie. Sie überlebte drei Jahre in Konzentrationslagern und fand schließlich in Schweden ihr Glück. Der Autor gastierte vor vollem Haus am Dienstagabend in der Kulturwerkstatt Altenberge. Es war die erste Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk, auch die Buchhandlung Janning saß mit im Boot.

Vielleicht war Rosie in der Nazi-Zeit ein wenig zu selbstbewusst, denn sie fürchtete sich vor den Repressalien der Schergen offensichtlich nicht. Mit gefälschten Papieren verschleierte sie ihre jüdische Herkunft und machte Karriere als Tanzlehrerin. Glaser untermalte seinen Bericht, den er frei erzählte, mit Fotos und Filmen. In Kleve geboren, zog die Protagonistin mit der Familie Anfang der 1930er Jahre nach Nijmegen/NL, später lebte sie in ´s-Hertogenbosch.

Mit Männern hatte die Tanzlehrerin kein Glück. Ihre Ehepartner betrogen sie, schließlich wurde sie von ihnen sogar als Jüdin geoutet und an die Nazis verraten. Die hatten auch Sympathisanten in den Niederlanden. Glaser erzählt offen und ehrlich, wie es war. Selbst als die Wehrmacht einmarschierte und die Niederlande an das großdeutsche Reich angeschlossen wurden, war die Stimmung geteilt. Manche Einheimische begrüßten sogar den Einmarsch. Er belegt das mit einem historischen Foto aus Amsterdam. Tante Rosie schien unpolitisch. Sie wollte etwas vom Leben haben, Tanzen, Singen und was es sonst noch bietet. Für eine junge Frau auch damals schon nichts Ungewöhnliches

Selbst als ihre Identität offen lag, gab sie heimlich weiter Tanzunterricht. Aufforderungen, sich „freiwillig“ für den „Dienst“ im KZ zu melden, ignorierte sie. Doch letztlich blieb ihr das Konzentrationslager nicht erspart. Drei Jahre verbrachte sie in diesen Todesmaschinerien, anderthalb davon in Auschwitz-Birkenau, dem größten deutschen Vernichtungslager. Rosie überlebte, sie zog dabei sämtliche Register. Sie gab SS-Offizieren Tanz- und Benimmunterricht, sie schrieb, dichtete Lieder und ließ sich sogar mit ihren Unterdrückern ein. Dennoch musste sie unter anderem die „Experimentierstation“ des gefürchteten KZ-Arztes Mengele erdulden.

Glaser, der zunächst nichts von den jüdischen Wurzeln seiner Familie wusste, recherchierte 25 Jahre lang, um möglichst viel aus der Geschichte zu rekonstruieren. Er hatte damals Gelegenheit, mit seiner in Schweden lebenden Tante zu sprechen, erzählte Glaser in der Kulturwerkstatt. Wie konnte sie so weit gehen, sogar mit Nazi-Schergen ein Verhältnis anzufangen? Natürlich, sie wollte überleben, aber auch in all dem Wahnsinn des Vernichtungsalltags „so lange wie möglich ein Mensch bleiben“. Wenn der Liebhaber ihr nette Worte sagte, den Arm um sie legte, dann fühlte sie sich auch im Elend wieder als Mensch. Wer aus den Reihen der Wohlstandsgenerationen könnte sie dafür guten Gewissens verurteilen?

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