Greven
Streik im Kirchenturm

Dienstag, 31.07.2007, 19:07 Uhr

Greven . Dem Glücklichen schlägt ja bekanntlich keine Stunde. Stimmt, aber so ganz ohne genaue Zeitangaben kommt auch der nicht aus. Da half bislang immer, wenn man denn in der Innenstadt war, der Blick in den Himmel. Die vier Zifferblätter am Turm der Martinuskirche zeigten exakt Stunde und Minute. Doch damit ist es im Moment vorbei. Beharrlich bleiben die Zeiger zur Zeit auf genau einer Minute vor drei stehen. Die Uhr ist schlicht und ergreifend defekt. Ob‘s daran liegt, dass Uhrmachermeister Bernhard Wessendorf das mechanische Meisterwerk seit kurzem nicht mehr betreut und die Uhr schmollt?

Wer weiß, aber zumindest sind seine Nachfolger von der Firma Diegner & Schade aus Dorsten derzeit mit der Fehlersuche beschäftigt. Die rechte Zeit wird die Uhr in dieser Woche auch wohl nicht mehr anzeigen. Vielleicht freut es den einen oder anderen ja, denn auch die Zeit-Glocken bleiben zu den Viertelstunden und den vollen Stunden stumm.

Bernhard Wessendorf kennt die Uhr jedenfalls von den Anfängen an. Schon als er Lehrling war, hatte er zusammen mit seinem Meister die Vorläufer-Uhr repariert. Die hatte, genau wie der Kirchturm, zum Ende des Zweiten Weltkrieges Einiges abbekommen. Doch bereits kurze Zeit später wurde die neue Uhr eingebaut. Ein Winzling im Vergleich zur Vorgängerin. „Das Uhrwerk war nur noch halb so groß“, erinnert sich der 77-Jährige.

Sein Meister bestellte ihn jedenfalls zum Kirchenuhr-Beauftragten. Und damit gab es für Wessendorf Einiges zu tun. Ein Mal in der Woche mussten die Gewichte, die die Uhr in Schwung halten, per Kurbel aufgezogen werden. Und das war bei den kleinkindgroßen Eisenzylindern eine richtige Knochenarbeit. „Ich habe das damals meistens in zwei Schichten in der Woche gemacht, dann war es nicht ganz so anstrengend“, erzählt er.

Ganz ungefährlich war die Arbeit nicht. Da, wo heute Holzstiegen mit Handlauf in die Turmspitze hinauf führen, gab es damals nur Leitern. Aber denen konnte man nicht so richtig trauen. „Die Sprossen waren morsch, ich habe die Füße immer vorsichtig außen auf den Sprossen aufgesetzt“, erinnert sich Wessendorf. Zwei Mal im Jahr benötigten Uhrwerk und Zeiger Öl, und dann musste natürlich Sommer- oder Winterzeit umgestellt werden. „Das habe ich immer gemacht, sobald es dunkel war“, erzählt der alte Uhrmacher mit einem verschmitzten Lächeln. Damals war der Kirchturm schließlich noch nicht beleuchtet. Und so hat‘s niemand gemerkt.

Aber das ist heute alles nicht mehr notwendig. Denn die Uhr wird mittlerweile von einem Computer gesteuert. Die Impulse, die früher von einem Pendel ausgingen, gibt jetzt der PC. Und aufgezogen werden muss die Uhr auch nicht mehr per Hand. Das besorgt ein Elektromotor.

Doch für Bernhard Wessendorf ist die Uhr immer noch etwas ganz Besonderes. „Wenn man etwas für Uhren übrig hat, kann man dieses Meisterwerk mit seiner tollen Mechanik nur lieben“, schwärmt der Uhrmacher, der auch im Ruhestand nichts Schöneres kennt, als alte Uhren in seinem Keller auseinander zu nehmen.

Bleibt zu hoffen, dass die Kirchenuhr bald wieder zuverlässig die Zeit anzeigt. Dann werden auch die Glücklichen wieder merken, was die Stunde geschlagen hat.

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