Carin Fels leitet das Katzenrevier im Allwetterzoo
Tierliebe in der menschgemachten Wildnis

Saerbeck/Münster -

Carin Fels ist Leiterin des Katzenreviers im münsterschen Allwetterzoo. Dort gibt es einmal im Jahr eine besonders heikle und spannende Aufgabe zu erledigen: Die Löwinnen bekommen ein Präparat implantiert, damit sie gar nicht erst rollig werden. Dazu, aber auch zu ihrer verantwortungsvollen Aufgabe spricht die Saerbeckerin, die eine ganz spezielle Tierliebe zu ihren Kätzchen entwickelt hat.

Dienstag, 24.12.2013, 12:12 Uhr

Warum eigentlich gehen wir so gerne in den Zoo? Und die Zebras, Gnus und Tiger – freuen die sich über den Besuch? Was ist aus der Begaff- und Verwahranstalt alter Tage geworden, und wie schützt man verstoßene Tierbabys davor, das Schicksal handgepäppelter Neurotiker wie weiland Eisbär Knut zu erleiden? Carin Fels , die wird das wissen, denn schon beinahe dreißig Jahre arbeitet sie als Pflegerin im Allwetterzoo in Münster . Da hockt sie, etwas beengt, in einem Vorzimmerchen des Löwenhauses und erklärt erst einmal, wer sie ist und warum sie als Tochter einer leidenschaftlichen Musikerin heute nicht im Konzertsaal sitzt, sondern lieber Katzenmusik hört. Sie holt ganz tief Luft, um in aller Ruhe davon zu erzählen, was sie an Saerbeck so sehr schätzt, warum sie ihr Cello nicht mehr streicht, und wie sie lernte, mit dem Tiger zu philosophieren.

In Glückstadt an der Unterelbe wurde Carin Fels vor 50 Jahren geboren, und als der Vater einen Job beim Schifffahrtsamt in Münster kriegte, hat die Familie ein intaktes Dorf gesucht und Saerbeck gefunden, „wo ich seit mehr als vierzig Jahren glücklich und zufrieden bin; hier stimmt alles – von der Gemeinschaft bis zu einer ganz hervorragenden Infrastruktur“, sagt Carin Fels, „und ich bin und bleibe nun mal ein Dorfkind.“

Mit einer ganz besonderen Note, die Elly Lehmann-Varwig (Gründerin und bis zu ihrem Tod 2008 Leiterin des Grabrieli-Ensembles) vorgegeben hat. Sie hat ihre Tochter Carin dazu gebracht, Cello, Klavier und Blockflöte zu lernen. „Ich wollte beruflich aber immer was mit Tieren machen“, sagt Carin Fels und denkt ganz weit zurück an einen Weihnachtswunschzettel, auf den sie als Achtjährige „Hamster, Hund und Pony“ gekrakelt hatte.

Den Hamster gab’s, den Hund erst als Erwachsene, „und das Pony ist noch offen“, sagt sie an ihrem Tisch im Löwenhaus und kommt nun auf den Zoo zu sprechen: „Irgendwann, da war ich’s leid, ich wollte einfach nicht mehr nur die Tochter von Elly Lehmann-Varwig sein, wollte die Instrumente nicht mehr spielen und habe beim Zoo nach einer Lehrstelle als Pflegerin gefragt.“ Die sie auch prompt bekam. Danach wurde sie fest angestellt und ist heute Leiterin des Katzenreviers . „Eigentlich“, sagt Carin Fels, „wollte ich ja gerade die Katzen nicht. Die liegen nur rum, machen nichts und fressen andere Tiere, dachte ich damals.“ Sie hielt sich „eher für einen Affenmenschen, merkte aber bald, dass ich zu denen keinen Draht fand und verliebte mich eines Tages in die eigenwilligen, eleganten Katzen, heute eine tief empfundene Liebe – wenn auch auf den zweiten Blick.“

Aber von wegen kuscheln: Wer Tierpfleger zum Traumberuf erkiest, der muss ausmisten können, Stroh schleppen, Sand schaufeln, arge Gerüche aushalten, Futter vorbereiten – und nicht allen Tieren genügt Salat. Dazu kommt Nacht-, Wochen­end- und Feiertagsarbeit; ein Traumjob, der auf die Knochen geht.

Früher, also ganz früher war der Zoo nichts weiter als ein Knast für exotische Kreaturen; heute gleicht er einer von Wissenschaftlern gesteuerten Arche Noah. Und er ist mehr als die Summe seiner Gehege – von Menschenhand geschaffene Landschaften, Natur, wie wir sie gerne hätten. Hier muss niemand um sein Überleben kämpfen, braucht keine Angst vor dem Gefressenwerden haben, hier schützt der Mensch die Tiere, schafft ihnen friedliches, behagliches Miteinander in einem eingezäunten Idyll: eine menschgemachte Wildnis, ein Schutzraum, in dem es allen gutzugehen scheint. „Der Zoo“, schreibt Publizist und Philosoph Richard David Precht, „präsentiert sich heute als Treuhänder der Konkursmasse Schöpfung.“

Apropos – mit dem sibirischen Tiger philosophieren? „Na sicher“, sagt Carin Fels, „schließlich redet er mit mir, nicht in Worten, das ist klar, aber ich kann seine Gesten lesen, und er versteht wohl auch, was ich ihm sagen oder zeigen will.“ Wenn er sich, wie jetzt wieder, ganz nah an die Scheibe schmiegt und sie noch einmal mehr zerkratzt mit seiner Tatze, die er scheinbar zärtlich auf das Gesicht jenseits der Scheibe legen will. „Auch wenn wir uns schon lange kennen“, sagt Carin Fels, „er würde keine Sekunde zögern, mich zu töten; zwischen Raubkatze und Mensch ist der Tod immer ein Thema.“

Das Leben aber auch; und wer liest nicht gerne von erfolgreichen Nachzuchten, freut sich an Goldkatzenbabys, die an Fläschchen nuckeln, großen Tierkinderaugen und pelzigen Knäueln, die nur überleben, weil der Mensch sich um sie kümmert? „Aber alles mit Maß“, dämpft Carin Fels jede aufkeimende Euphorie: „Wer Tierkinder per Hand aufzieht, der läuft Gefahr, ihnen lebenswichtige Grundlagen tierischer Sozialisation zu verwehren – viele so aufgezogene Tiere finden nie ihren Platz im Rudel und nie einen Partner fürs Leben.“

Außer in solchen Ausnahmefällen hat Carin Fels verständlicherweise keinen Körperkontakt zu ihren Katzen. „Hier“, sagt sie, „muss man die Tiere auf Distanz lieben lernen.“ Mit Tigern kann man nun mal nicht kuscheln. Mit Löwen eigentlich auch nicht, aber einmal im Jahr kommen sie sich doch sehr nah: wenn die Löwinnen die Pille kriegen. Die sie nicht schlucken, sondern als Retard-Präparat eingepflanzt bekommen, damit sie gar nicht erst rollig werden, denn Löwen-Nachwuchs kann der Zoo nicht gebrauchen. Für den etwa einstündigen Eingriff müssen die Tiere betäubt werden, eine aufregende Sache, besonders für die Auszubildenden des Zoos. Und auch für Carin Fels. „Da kann viel schiefgehen“, sagt sie und beobachtet ihre großen Katzen an diesem Tag besonders genau und checkt dabei auch deren Gesundheit. Stimmt die Dosis, passt das Gewicht, was machen Augen, Ohren, Zähne? Aber in Carsten Ludwig weiß sie einen sehr erfahrenen Veterinär an ihrer Seite. Und darf für ein paar Minuten tun, was sonst das ganze Jahr nicht geht: kraulen, streicheln und dem wilden Tier ganz nahe sein.

Ihm ist, als ob es tausende Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.

Rainer Maria Rilke, „Der Panther“

Für meine Tiere bin ich Putzfrau, Mediziner, Philosoph und Seelsorger.

Carin Fels
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