Das Interview am Samstag
Engel für Mütter gesucht

Ein Baby ist da, die Freude ist groß, aber auch die neuen Anforderungen. Eigentlich bräuchte nun jede junge Mutter eine erfahrene Frau an ihrer Seite. Aber Familie und Freunde sind oft weit weg. Für sie wurde nun das Projekt „Wellcome“ gegründet. In Greven geht es am Freitag an den Start. WN-Redakteurin Monika Gerharz sprach im Vorfeld mit Andrea Berghaus-Micke vom „Wellcome“-Team NRW, Beate Karasch vom Projektträger Evangelische Jugendhilfe und der pädagogischen Fachkraft und „Frontfrau“ Jutta Laumann.

Freitag, 17.01.2014, 17:01 Uhr

Nächste Woche startet in Greven das Projekt „Wellcome“ als Unterstützung für Familie mit neu geborenen Kindern. Komme ich zu Ihnen, wenn ich als Mutter völlig fertig bin mit den Nerven?

Jutta Laumann : Besser ist es, Sie kommen vorher, einfach, wenn Sie das Gefühl haben, eine kleine Auszeit zu brauchen. Wenn was Neues kommt im Leben, muss man die Organisationsstrukturen in der Familie erst einmal neu zurecht ruckeln. Das ist anstrengend, und es ist völlig normal, dass eine Mutter manchmal ihr Kind auf den Mond wünscht, bis sich das eingespielt hat. Nun stehen aber die meisten Frauen im Bann einer Mutterschaftsideologie: Eine gute Mutter ist nur, wer den ganzen Tag strahlend mit dem Kind auf dem Arm unterm Apfelbaum sitzt. Da ist es hilfreich zu hören: Du musst dich nicht schämen, wenn du dich überfordert fühlst, du kannst dir Hilfe holen.

Sie sprechen aus eigener Erfahrung?

Beate Karasch: Oh ja. Meine Tochter, heute 26, hat als Baby exakt von 17 bis 24 Uhr geschlafen. Sonst wollte sie alle zwei Stunden gestillt werden, und weil sie ein Spuckkind war, dauerte das jedes Mal eine Stunde. Ich war manchmal völlig fertig mit den Nerven. In solchen Situationen ist es ungeheuer wohltuend, wenn man von irgendwoher Unterstützung bekommt. Wenn keine Hilfe in Sicht ist, kann ich mir schon vorstellen, dass man fast verzweifelt.

Und Sie wollen mit „Wellcome“ solchen Krisen vorbeugen?

Karasch: Das ist der Punkt. Wir brauchen Strukturen, die schnell und niederschwellig mobilisiert werden können. Belastete Familien sollen wissen: Da gibt es jemand vor Ort, den kann ich anrufen, der vermittelt Hilfe, und ich bekomme zwei Mal pro Woche zwei bis drei Stunden Unterstützung.

Welche Anforderungen haben Sie an die ehrenamtlichen Unterstützer? Müssen diese selbst Kinder haben?

Berghaus-Micke : Eigene Kinder sind nicht entscheidend. Aber eine gewisse Erfahrung mit Kindern, ein Verständnis für Kinder sind schon wichtig.

Werden die ehrenamtlichen Mitarbeiter geschult?

Berghaus-Micke: Nein, zumindest nicht im Vorfeld. Später kann es einen Erfahrungsaustausch geben. Wir sagen: „Wellcome“ ist moderne Nachbarschaftshilfe. Und die Nachbarin von nebenan ist auch nicht geschult. Genau darum fühlen Familien sich nicht abgeschreckt. Zu ihnen kommt eine Frau wie du und ich, die kann ich in die Wohnung lassen.

Sind auch Männer als Unterstützer gefragt?

Berghaus-Micke: Sie sind nicht ausgeschlossen. Aber bei den 50 Projekten, die ich betreue, ist kein Mann dabei. Ich denke mir schon, dass Mütter sich in dieser intimen Zeit nach der Geburt lieber von Frauen unterstützen lassen.

Und was genau sollen die Ehrenamtlichen in der Familie tun?

Laumann: Die Art der Hilfe können Familien und Ehrenamtliche durchaus miteinander verhandeln. Auf jeden Fall sollen die Unterstützer keine billige Putzfrau sein.

Berghaus-Micke: Wir sagen ganz klar: Es geht um Unterstützung für die Mutter, das Neugeborene und Geschwisterkinder.

Erwarten Sie, dass es schwierig wird, genügend Ehrenamtliche zu finden?

Berghaus-Micke: Überhaupt nicht. Die Akquise von Ehrenamtlichen läuft total gut.

Karasch: Die Sache ist für Ehrenamtliche sehr attraktiv, denn sie müssen sich nur für einen überschaubaren Zeitraum von drei, vier Monaten verpflichten. Das ist anders als im Sportverein, wo man vielleicht die nächsten zehn Jahre eine Gruppe an den Hacken hat.

„Wellcome“ vor Ort wird von einer pädagogischen Fachkraft koordiniert. Was ist deren Aufgabe?

Berghaus-Micke: Die Fachkraft geht prinzipiell nicht in die Familien. Das hat den Sinn, dass wir auch nicht den leisesten Verdacht aufkommen lassen wollen, dass irgendeine offizielle Stelle kontrolliert. Wir wünschen uns, dass Kitas, Hebammen und viele andere Einrichtungen die Mütter auf uns aufmerksam machen. Aber anrufen müssen die Familien selbst. Die Fachkraft führt ein Erstgespräch mit den Ehrenamtlichen und schaut, wer zu wem passt. Aber mit den Familien spricht sie in der Regel nur telefonisch.

Laumann: Ich schalte mich nur ein, wenn ich gebeten werde, beispielsweise, weil sich ein Konflikt aufbaut. Es kann ja mal sein, dass eine Ehrenamtliche den Haushalt neu strukturieren will. Manchmal ist da eine Rollenklärung ganz gut

Frau Laumann, Sie sind in Greven die Koordinatorin des Projekts. Was ist Ihnen daran wichtig?

Laumann: Die Grundlagen für eine Persönlichkeit werden ja schon im frühesten Alter, teilweise sogar vor der Geburt, bestimmt. Wenn man in dieser frühen Phase die Familien unterstützt und damit den Start eines Kindes ins Leben verbessern kann, dann ist das eine ganz wichtige Sache. Wir sehen doch, was passiert, wenn es nicht so gut läuft. Familien positiv unterstützen zu können ist noch mal was ganz anderes als nur in Krisensituationen zu kommen, wie ich es sonst im Rahmen meiner Arbeit bei den Flexiblen Hilfen oft tue. Und darauf freue ich mich.

► Infos für interessierte Familien und Ehrenamtliche bei Jutta Laumann, ✆ 0170 / 924 81 01, E-Mail greven@wellcome-online.de und www.wellcome-online.de.

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