Fernweh (8): Victoria Lennerz aus Greven findet die Amerikaner sehr höflich
Man kann ja mal die Tür aufhalten

Greven / Harrisburg. -

Victoria Lennerz ist 24 Jahre und hat vor einem Jahr in Greven ihre Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation abgeschlossen. Wie sie nach Harrisburg, Pennsylvania, gekommen ist, mithilfe des deutschen Bundestages, schildert sie im Fernweh-Interview.

Donnerstag, 06.02.2014, 07:02 Uhr

Wo sind Sie gerade?

Momentan bin ich in Harrisburg, PA (Pennsylvania) in den USA. Das ist etwa vier Stunden von New York City und zwei Autostunden von Washington D.C. entfernt.

Und woher kommen Sie?

Ursprünglich komme ich aus Bad Tölz in Oberbayern. Durch meine Mutter hatte ich immer schon einen engen Kontakt zum Münsterland und habe mich nach meinem Abitur in Bad Tölz für eine Ausbildung im Münsterland beworben und dann einen Ausbildungsplatz in einem Regionalmarketingunternehmen in Greven bekommen.

Spass an kleinen Dingen

Was hat Sie ins Ausland getrieben?

Der Zufall. Ein Bekannter hatte auf Facebook einen Link vom PPP gepostet (Parlamentarisches Patenschaftsprogramm, www.bundestag.de/ppp) und ich habe das als eine gute Chance gesehen, mal was anderes auszuprobieren. Niemals hätte ich gedacht, dass ich einmal Teilnehmerin des Programms sein würde.

Was war dort das bisher schönste Erlebnis?

Die USA-Flagge weht überall.

Die USA-Flagge weht überall.

Das schönste Erlebnis war, dass ich Menschen kennen lernen konnte, die sich auch an den kleinen Dingen erfreuen. Zeit im Ausland verbringen führt einem vor Augen, wie wichtig Freunde sind. Ich hatte das Glück, einige wenige, aber wundervolle Menschen kennen zu lernen. Das macht das Leben hier wirklich lebenswert. Und wenn man mal kein Geld für einen „fancy trip“ hat, macht man eben einen Backtag oder guckt einen schönen Film zusammen. Es kommt eben manchmal doch auf die kleinen Dinge an.

Was machen Sie?

Momentan arbeite ich für drei verschiedene Arbeitgeber, komme aber gerade so auf meine 40 Stunden pro Woche. Von August bis Dezember bin ich auf das Harrisburg Area Community College gegangen und habe dort studiert. Das ist Teil des Programms, ebenso wie der jetzige Teil, dass ich bis Juli arbeiten oder ein Praktikum absolvieren muss. Reisen würde ich gerne mehr, aber das Geld fehlt manchmal. So bin ich zwar noch nicht weit gekommen, außer in die angrenzenden Nachbarstaaten, aber ein längerer Roadtrip während des Spring Breaks ist in Planung.

Vergleichen Sie mal die Mentalität der Menschen in Ihrer neuen Heimat mit den Münsterländern.

Mit Vorurteilen gekommen

Ich bin mit einer Menge Vorurteile in dieses Land gekommen. Manche haben sich bestätigt, andere wiederum nicht. Die Amerikaner sind sehr freundlich und höflich. Ich würde mir wünschen, dass die Deutschen (nicht nur die Münsterländer) von den Amerikanern lernen würde, dass es nicht weh tut, anderen Menschen die Tür aufzuhalten oder sie für sie aufzumachen. Andersrum könnten die Amerikaner von den Deutschen lernen, dass Fahrradfahren wundervoll und durchaus normal ist.

Was kann man im Ausland lernen?

Vor allem sehr viel über sich selbst. Ich habe mich in den vergangenen sechs Monaten besser kennen gelernt als in den Jahren zuvor. Und wenn man eine neue, unbekannte Situation meistern muss mit den wenigen Sprachkenntnissen, vollkommen ahnungslos, was zu tun ist, ist man gezwungen, ins kalte Wasser zu springen. Und im Nachhinein können selbst die kleinsten Herausforderungen einen richtig stolz machen.

Meine wohl wichtigste Erkenntnis ist aber: Planen macht wenig Sinn. Ich sammele nur noch Ideen und gucke dann, was die Umstände wie Geld, Wetter, Zeit und Job so zulassen. Denn wo Pläne sind, sind auch Erwartungen und wo Erwartungen sind, sind auch Enttäuschungen.

Würden Sie für immer auswandern?

Momentan eher nicht. Dafür vermisse ich meine Familie, Freunde, Milka Schokolade, Tegernseer Spezial, mein Auto und Schwarzbrot viel zu sehr. Und Fisselregen.

Schon mal unter Heimweh gelitten?

Oh ja! Einmal im Monat kommt es. Ich nenne es „das schwarze Loch“, weil es sich wie eine Ewigkeit anfühlt, wie eine Krankheit, schwer und lähmend. Da helfen mir meine Freunde, einmal kräftig heulen und Ablenkung: Ein Besuch bei „Sweet Frog“ (Frozen Yogurt) oder eine Mountainbike Tour rund um Reading.

Rezepte gegen Heimweh

Was würden Sie jungen Leuten raten, die Fernweh haben?

Das beste Rezept sind ganz klar: Freunde, Familie, Bekannte. Das sagt sich leicht, wenn man sie hat. Die ersten Wochen war ich auch ziemlich alleine und hatte niemanden. Da hat mir Sport geholfen: Laufen oder spazieren gehen, Rad fahren. Ansonsten alles finden, was einen irgendwie in Kontakt mit Leuten bringt: Meetup-Gruppen suchen oder gründen, Freiwilligenarbeit (die übrigens in Amerika sehr viel mehr verbreitet ist als in Deutschland) und alles ausprobieren, was College, Universität oder Arbeit so anbieten.

Wie unterscheidet sich die Politik im Vergleich zwischen Deutschland und den USA?

Da gibt es viele Unterschiede. Ich konnte letztes Semester einen Kurs besuchen, der eine Einleitung in das amerikanische Politiksystem war. Der größte Unterschied ist mit Sicherheit das Zwei-Parteien-System der USA mit den Republikanern und Demokraten. Ebenso, dass die in den Congress gewählten Repräsentanten versuchen, möglichst viel Interessen von ihrem Bundesstaat durchzusetzen. Pennsylvania zum Beispiel ist der zweitschlechteste Staat in der Straßenqualität (wirklich wahr! Tiefergelegte Autos haben hier kein leichtes Leben) und so konnten sich einige Repräsentanten in den Verkehrsausschuss des Congress wählen lassen, damit sie möglichst viel Geld in dieser Legislaturperiode in die Straßen von PA investieren können. Kommunalpolitik hat hier einen sehr viel größeren Stellenwert als in Deutschland.

Europa ist weit weg

Wie weit ist für die Amerikaner Deutschland entfernt?

Geografisch gesehen wissen sie, dass Deutschland in Europa ist, also weit weg. Von dem kulturellen Standpunkt her gesehen wohl ebenso weit weg. Die Nachrichten berichten leider wenig über Deutschland oder Europa. So weiß hier niemand von der Protestwelle in der Ukraine, wenn er sich nicht aktiv um Nachrichten aus der Welt kümmert. Wie ich die Amerikaner in Schubladen gesteckt habe, stecken sie auch manchmal mich in Schubladen. Oktoberfest, Strudl und deutsche Qualitätsautos sind so das einzige, was sie mit meinem Heimatland verbinden. Ich versuche dem sprachlich ein bisschen mehr beizufügen: Eichhörnchen beispielsweise ist das Wort, an dem die meisten anhand der Aussprache scheitern.

 
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