WN-Sommerkrimi Teil 3
Mordgeschichte statt Urlaubstraum

Was bisher geschah: Das Stadtfest im Niederort wird abrupt unterbrochen – ein Baumrächer, der aus der Kastanie fällt. Ein Toter im Pumpensumpf des Niederorts. Und dann die Bestätigung aus Münsters Pathologie: Der Mann mit langem Haar und elegantem Outfit wurde ermordet. Drei Löcher im Kopf. Kommissar Eduscho ermittelt

Donnerstag, 04.09.2014, 17:59 Uhr

Eilig radelte Zenke die kleine, steile Verbindungsstraße zwischen Niederort und Wilhelmsplatz hoch. Erste Fotos vom Tatort hatte er bereits online gestellt, wobei ihm die technischen Murksereien auf dem Smartphone wohl stets ein Gräuel bleiben würden. Aber die lieben Kollegen aus der Online-Redaktion hatten ihm den notwendigen Support, wie es auch hier neudeutsch heißt, zuteil werden lassen. Die Sonne brannte jetzt am frühen Nachmittag auf die Glasfront seiner Redaktionsstube, das Aquarium, wie kundige Leser und die lieben Kollegen zu sagen pflegten.

Trotz des zumeist arbeitsfreien Samstags hatten sich inzwischen alle Redaktionsmitglieder eingefunden. Peter Schwimmerle, Meister in knallharter Recherche, hatte über diverse Netze und Quellen alles Wissenswerte zur Technik der Wasserspiele herausgefunden. Düsendurchmesser, KW-Werte der Pumpen. Er hatte die Infos über Paul Feldhaus , den Kumpel aus alten Rote-Mühle-Zeiten herausgefunden, der im Wildgruber-Team arbeitete. Damit war klar, wer alles Zugang zu den Niederort-Katakomben hatte. Natürlich Feldhaus selber, selbstverständlich Wildgruber, auch Architekt Daniel Chapeau. Dass aber auch Ralf König, der alte Bauamtsleiter, dem man wegen allerlei Intrigen und Strippenziehereien letztlich den Stuhl vor die Rathaustür gesetzt hatte, zum Kreis der Zugangsberechtigten zählte, überraschte schon, genauso wie der Name der Architektenfamilie Allesbauer.

„Merkwürdig, sehr merkwürdig“, kommentierte Monika Bienenfleiß die beiden letztgenannten Namen.

Der hämmernde Blues signalisierte Zenke „Telefon“. Die Nummer im Display ließ hoffen. Eduscho , mit dem der Redakteur auch privat gut verbandelt war, hatte sein Versprechen wahr gemacht. „Du kriegst einen Tipp“, hatte er seinem Freund in einem kurzen Vier-Augen-Gespräch am Niederort mitgeteilt. „Es ist Allesbauer Junior.“

„Wer von den vier Brüdern?“

„Der Porschefahrer. Ich muss Schluss machen. Da kommt Karl Bulle, die alte Petze. Lass uns heute Abend mal auf ein Bier am Beach treffen.“

Zenke ging zurück zu den Kollegen. Allesbauers Tod tat ihm doppelt leid. Er mochte den etwas schnöseligen Architekten. Zudem hatte er sich gerade just in der vergangenen Woche mit ihm über den Kauf seines alten 911er geeinigt. Nicht schriftlich, aber per Handschlag. Für 25 000 Euro sollte der Klassiker künftig Zenkes Fuhrpark ergänzen. Dieses Geschäft musste er sich jetzt von der Backe putzen. „Ganz schön egoistisch“, murmelte er. Allerdings hatte er bei seiner Liebsten auch dicke Bretter bohren müssen für diesen Deal. Die Sommerreise wurde dabei zum Zuckerl: Statt Campen im Norden, eine schicke Tour entlang der oberitalienischen Seen: Laggo Maggiore, Gardasee, ein Ausflug in die Alpen und in netten Chalets und schnuckeligen Hotels logieren. Nun, dem Genussmenschen gefiel das auch.

„Was iss?“ Schwimmerle holte den Chef ganz schnell wieder auf den Boden: Mordgeschichte statt Urlaubstraum. „Der Allesbauer liegt bei Flachmeier auf dem Tisch, Gunther Allesbauer.“

„Soll ich den Namen schon raushauen?“ Natürlich hatte Schwimmerle die Mordstory bereits als Live-Ticker auf die Online-Seite gestellt. Die musste gefüttert werden. Viele Leser waren jetzt auf der Seite der Zeitung. Das brachte Clicks, Reichweite und mehr. Die ganzen Hintergründe, gut recherchiert und wohl formuliert würden am Montag die Printausgabe aufwerten. Unterm Strich hatten so beide Kanäle ihre Funktion. Online und Print ergänzten sich mehr und mehr.

„Nee, wegen des Quellenschutzes lass uns noch eine halbe Stunde warten. Bitte Marita , such doch schon mal Fotos aus dem Archiv,“ wandte sich Zenke an Redaktionsassistentin Marita Haus. Die hatte aufmerksam das Gespräch der letzten Minuten verfolgt. Statt sich der Fotosuche zu widmen, erhob sie sich und überraschte die ganze Redaktion: „Ich glaube ich weiß, wer den Allesbauer getötet hat.“

Absolute Ruhe. Einen so hohen Aufmerksamkeitsgrad erzeugte Marita sonst nur mit den Kostproben aus ihrer traumhaften Plätzchenbäckerei.

„Wer?“ Unisono fragte das Team seine gute Fee, die gerade erst vor ein paar Wochen in das von Allesbauer errichtete neue Haus an der Bruktererstraße gezogen war. „Das könnte wohl der Lerche gewesen sein,“ hob sie an. „Der hatte gestern Abend einen fürchterlichen Streit mit dem Allesbauer.“ Sie habe auf ihrem Balkon gesessen. „Jedes Wort habe ich verstanden.“ Dabei habe sie es gar nicht hören wollen. Das nahmen Marita alle ab. Still, diskret, zuverlässig – ihre herausragenden Eigenschaften. Dass sie nun mithören musste, was sie gar nicht wollte, würde der Story allerdings zugute kommen.

Der Allesbauer habe dem Lerche die Kündigung überbracht. „Wegen Dauerrauchens.“ Nie ohne Zigarre – diese qualmende Eigenschaft des ohnehin etwas merkwürdigen Zeitgenossen hatte nämlich die ganze Hausgemeinschaft schrecklich geärgert. Wer in diesem Haus lüften wollte, konnte sicher sein, dass er eine übel riechende Handelsgold-Wolke stets gratis dazu bekam. Nach dem letztinstanzlichen Urteil gegen den rauchenden Rentner Friedhelm aus Düsseldorf hatten die Bewohner Allesbauer gedrängt, auch Lerche die Kündigung auszusprechen. Und so passierte es am Freitagabend.

Lerche habe fürchterlich gezetert, Drohungen ausgesprochen. Allesbauers Porsche wolle er anzünden, ihn im Ferienhaus in Hembergen heimsuchen. „Ja“, jetzt zitterte Marita vor Erregung. „Ich bringe dich um“, habe Lerche schlussendlich geschrien. Wie Rumpelstilzchen im Garten herumgestampft und das Kündigungsschreiben zerrissen.

Die Redaktion ist baff. Noch ehe der Mord an Allesbauer so richtig öffentlich ist können die Zeitungsleute den Täter schon auf dem Silbertablett servieren.

„Der Mörder, der qualmte“, formulierte die Bienenfleiß schon mal den Titel der Story. wird fortgesetzt

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