Verbrechen wider die Menschlichkeit
Ermordet in den Bockholter Bergen

Greven -

„Es lebe Polen.“ Das sollen die letzten Worte von Franciszek Banas und Waclaw Ceglewski gewesen sein. Die beiden polnischen Kriegsgefangenen wurden von Nazi-Schergen der Gestapo in Münster in Greven ermordet.

Freitag, 08.08.2014, 20:08 Uhr

Christoph Leclaire an der Gedenkstätte in den Bockholter Bergen, die etwas versteckt am Rande des Parkplatzes liegt.
Christoph Leclaire an der Gedenkstätte in den Bockholter Bergen, die etwas versteckt am Rande des Parkplatzes liegt. Foto: res

„Es lebe Polen.“ Das sollen die letzten Worte von Franciszek Banas und Waclaw Ceglewski gewesen sein. Beiden polnischen Kriegsgefangenen hatten die Nazi-Schergen der Gestapo in Münster gerade die Schlingen um den Hals gelegt. „Ich sah, wie zwei Polen heraufgingen, den beiden je einen Strick um den Hals warfen, und in dem Moment fiel der Boden weg, und die Aufhängung war passiert“, heißt es in einer Zeugenaussage 20 Jahre später. Am 14. August 1942 wurden die polnischen Männer erhängt, Sie kamen 1939 als Kriegsgefangene nach Greven , um später als „Zwangsarbeiter im zivilen Status“ zu arbeiten. Ihr Schicksal wühlt den Historiker Christoph Leclaire auf. Seit Jahren. Sein Ansinnen heute: „Den Opfern ein Gesicht geben.“

Eine Gedenkstätte haben die beiden Opfer seit gut zehn Jahren. Ein schwarzes Kreuz, wild zugewachsen am Rande des Parkplatzes zu den Bockholter Bergen. Darunter ein Gedenkstein. In unlesbar kleiner Schrift wirddas Schicksal der beiden Männer und ihrer Leidensgenossen thematisiert. Über der Stelle, wo vor der von keinem Gericht legitimierten Hinrichtung die Galgen vom Amtsschreiner gezimmert wurden, donnern heute Lastwagen. Die neue Trasse des Schiffahrter Damms verdeckt den Verbrechensort. Ungefähr bei Kilometerstein 10 wurden die Männer, die schon länger im Gestapo-Gefängnis in Münster einsaßen, ermordet.

Warum ihre Hinrichtung in Greven über die Bühne ging, erklärt Historiker Leclaire lapidar: „Abschreckung“. Genau aus diesem Grund wurden am Vormittag des 14. August 1942 etwa 100 polnische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Begleitung von Polizei und SA-Angehörigen zum Hinrichtungsplatz gebracht. Grevens Amtsbürgermeister Vordamme war ebenso anwesend wie NSDAP-Ortsgruppenleiter Kohlleppel und der Bockholter Lehrer Ruttkowski. „Der hatte dieses Ereignis sogar im Schulunterricht verkündet,“ weiß Christoph Leclaire, der den Fall der beiden Opfer im vergangenen Jahr in den Grevener Geschichtsblättern veröffentlichte. Aber auch im zweiten Band der Greven-Dokumentation über die NS-Diktatur und ihre Folgen ist diese dunkle Kapitel der Grevener Geschichte thematisiert. Allerdings ohne Namen zu nennen-

Doch was führte zum Mord der beiden Männer? Im Jargon der Nazis wurden beide der „GV-Verbrechen“ bezichtigt. Geschlechtsverkehr mit einer deutschen Frau – allein der Verdacht wurde ihnen zum Verhängnis. Ob Liebelei oder Liebe – dieses Vergehen gegen die nationalsozialistischen Rassengesetze hatten alle Beteiligten zu büßen. Wer die bei Biederlack arbeitende Putzfrau Anna R. denunzierte, ist nicht bekannt, wohl aber, dass ihr vorgeworfen wurde, mit mehreren Polen, darunter auch mit Franciszek Banas, der ebenfalls dort arbeitete, Kontakt gehabt zu haben. Anna R. wurde wohl ihre antifaschistische Haltung zum Verhängnis, vermutet Leclaire. Nach einem Jahr der Schutzhaft in Münster wurde sie in das KZ Ravensbrück deportiert. Sie überlebte. Auch wenn Nachweise fehlen, geht Christoph Leclaire inzwischen davon aus, dass auch Waclaw Ceglewski eine Zeitlang in dem Grevener Textilwerk gearbeitet hat. Hatte er ebenfalls Kontakt zu Anna R.? Man weiß es nicht.

Tragisch sind die Schicksale beider Männer. Banas war von einem Westeroder Landwirt am 9. Juni 1941 wegen Diebstahls angezeigt worden. Das Amtsgericht Münster verurteilte den Polen zu einer halbjährigen Haftstrafe, die er ab dem 24. Juni in Münster verbüßte. „Noch ehe er wieder aus der Haft entlassen wurde, hat ihn die Gestapo gepackt“, weiß Leclaire aus Quellen des Internationalen Suchdienstes (ITS), dem ehemaligen Rote-Kreuz-Suchdienst.

Von dem anderen Opfer der Hinrichtung, Waclaw Ceglewski, ist noch weniger bekannt. Der Frisör war zunächst in der Wohnung eines Arbeiters an der Bismarckstraße 9 in Greven gemeldet. Ob er, wie Leclair vermutet, ebenfalls bei Biderlack arbeitete, ist unklar. Tatsache ist, dass er später in Handorf und zum Zeitpunkt seiner Verhaftung bei den Hiltruper Röhrenwerken arbeitete. Beide Männer verbrachten mehrere Monate bei der Gestapo in Münster.

Für Christoph Leclaire ist klar, dass sie bis zum Zeitpunkt ihrer Hinrichtung überhaupt nicht wussten, welche Strafen auf sie zukommen würden. Ahnungslos kamen sie vor 72 Jahren auf den Hinrichtungsplatz.

Die „Sonderbehandlung“ durch die Gestapo lag jenseits aller juristischer Paragrafen. „Willkür pur basierte auf den Polenerlassen“, versucht der Historiker Unfassbares in Worte zu kleiden. Auch weil niemand jemals für die Ermordung der beiden Männer zur Rechenschaft gezogen wurde, wird Christoph Leclaire weiter forschen. „Geschichten und Gesichter der Opfer sollen noch deutlicher werden.“

Diesem Ansinnen dient zum einen der schwierige Versuch, Verbindungen zu den Opferfamilien in Polen zu knüpfen. Leclaire bittet aber auch Grevener um Mithilfe. Wer hat Dokumente, vielleicht sogar Fotos zum Fall Banas/Ceglewski?

► Hinweise an die WN-Redaktion, ✆ 936870 oder redaktion.gre@wn. de oder an Christoph Leclaire,

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