Tag der Deutschen Einheit
„Uns geht es einfach besser hier“

Was bedeutet der 3. Oktober denjenigen, denen die Wiedervereinigung die Chance auf ein Leben im „goldenen Westen“ ermöglicht hat? WN-Mitarbeiter Thomas Starkmann unterhielt sich darüber mit Ilona und Frank Weigel. Beide sind in der DDR aufgewachsen und wohnen seit 1991 in Reckenfeld.

Freitag, 03.10.2014, 11:10 Uhr

Seit 1991 leben Ilona und Frank Weigel in Reckenfeld. Auch wenn sie der ehemaligen DDR keine Träne nachweinen – auf einige „Ossie-Tugenden“ sind sie stolz.
Seit 1991 leben Ilona und Frank Weigel in Reckenfeld. Auch wenn sie der ehemaligen DDR keine Träne nachweinen – auf einige „Ossie-Tugenden“ sind sie stolz. Foto: Thomas Starkmann

Am Freitag jährte sich zum 24. Mal der Tag der deutschen Wiedervereinigung. Für viele nicht mehr als ein willkommener Feiertag und in Verbindung mit dem langen Wochenende ideal für einen Kurzurlaub geeignet. Doch was bedeutet der 3. Oktober denjenigen, denen die Wiedervereinigung erst die Chance auf ein Leben im „goldenen Westen“ ermöglicht hat? WN-Mitarbeiter Thomas Starkmann unterhielt sich darüber mit Ilona und Frank Weigel. Beide sind in der DDR aufgewachsen und wohnen seit 1991 in Reckenfeld. Ilona Weigel war bis zu den Wahlen im vergangenen Mai 15 Jahre lang Kreistagsabgeordnete für die CDU.

Ist der 3. Oktober für Sie ein besonderer Feiertag?

Ilona Weigel: Nein, nicht mehr. Wir sind froh, dass es so gekommen ist und wir damals die Möglichkeit bekamen, in den Westen zu gehen. Aber heute ist das für uns Alltag.

Frank Weigel: Wobei wir immer dankbar sein sollten, dass alles so friedlich verlaufen ist, Wenn man sich anschaut, was heute zwischen Russland und der Ukraine passiert.

Haben Sie denn noch nostalgische Gefühle an die DDR?

Frank Weigel: Nicht wirklich. Mein Vater und mein Bruder leben noch in Leipzig, ansonsten werden die Kontakte weniger.

Ilona Weigel: Das lässt immer mehr nach, wir haben unseren Lebensmittelpunkt hier, von daher ist die Vergangenheit schon weit weg. Wir sind froh, dass wir diesen Weg gegangen sind. Uns geht es einfach besser hier.

Zahlen Sie Ihren Soli eigentlich aus Überzeugung?

Ilona Weigel: Wir waren im Urlaub in den neuen Bundesländern, wenn man dann sieht, was mit dem Soli Schönes gestaltet worden ist, hat es sich schon gelohnt. Die Frage ist, ob das nach so vielen Jahren noch gerechtfertigt ist.

Die sie wie beantworten?

Ilona Weigel: Die Kommunen im Osten haben mittlerweile ihre eigenen Einnahmen. Wenn man sich Nordrhein-Westfalen anschaut, gibt es Regionen wie das Ruhrgebiet, die auch nicht auf Rosen gebettet sind. Von daher finde ich, dass der Soli nicht mehr zeitgemäß ist.

Warum sind Sie damals nach Reckenfeld gegangen?

Frank Weigel: Wir hatten beide in Berlin unsere Jobs verloren und suchten Arbeit. Wir hatten hier Freunde, die vorher schon in den Westen gegangen waren. Die wiederum hatten Freunde, und so hat sich das dann ergeben, Wir wollten außerdem immer ein bisschen auf‘s Land und einen Garten haben.

Ist Reckenfeld eigentlich ein gutes Pflaster für Neuankömmlinge?

Ilona Weigel : Es sind nicht nur Westfalen hier (lächelt), das ist vielleicht ein Vorteil. Wir hatten mit der Integration keine Probleme. Das liegt aber vor allem an einem selbst. Wir sind früh in Vereine eingetreten und haben den Kontakt gesucht, Wenn man sich integrieren will, kann man das auch, in Reckenfeld vielleicht leichter als in Bayern.

Einmal Ossie, immer Ossie?

Frank Weigel: Man merkt es immer noch. In Berlin kann man nicht sagen, dass es eine Einheit gibt. Da gehen die Leute immer noch in ihre eigenen Diskotheken.

Ilona Weigel: Hier nimmt man es weniger wahr, als wenn man da ist. Es gibt dort immer noch viele Dinge, die es hier nicht gibt.

Ticken Ossies anders als Wessies?

Ilona Weigel: Freunde von uns sagen oft: „Ihr könnt aus nichts viel machen.“ Wir lassen uns etwas einfallen, was auch nicht viel Geld kosten muss. Wir haben gelernt zu improvisieren.

Frank Weigel: Wenn ich in ein Geschäft gehe, frage ich oft noch „Haben Sie...?“ Das bin ich so gewohnt. Hier heißt es: „Ich möchte gerne.“ Und wenn irgendwas nicht da ist, schimpfen die Leute.

Gibt es besondere „DDR-Qualitäten“, die einem später im Westen zugute gekommen sind?

Ilona Weigel: Ein Vorzug von uns ist, dass wir gewohnt sind, uns unterzuordnen. Ich denke auch, dass Neid bei uns weniger ausgeprägt ist.

Frank Weigel: Wir planen, in naher Zukunft mit Freunden in altengerechtes Wohnen zu investieren. Viele können sich hier nicht vorstellen, ihr Eigentum zu verkaufen, um mit anderen Menschen unter einem Dach zu wohnen. Der Gemeinschaftssinn ist vielleicht eine der typischen Eigenschaften. die in der ehemaligen DDR stärker ausgeprägt waren als hier.

Früher haben Sie legendäre Ossie-Partys gefeiert. Gibt‘s die noch?

Ilona Weigel: Der WDR hat uns auch schon nachgefragt, die haben das wohl irgendwie spitz gekriegt.

Frank Weigel: Momentan gibt es keine konkreten Planungen Vielleicht zu unserem 40. Hochzeitstag in zwei Jahren.

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