„Böse Post“
„Tote von Paris instrumentalisiert“

Greven -

Den nach dem Anschlag in Paris zum Symbol für Pressefreiheit gewordenen Bleistift nutzte ein Leserbrief-Schreiber, um auf vermeintliche Zensur der Lokalpresse hinzuweisen. „Charlie Hebdo-Redakteure starben nicht für Leserbrief-Zensoren“, stand in der Mail.

Montag, 12.01.2015, 21:01 Uhr

Zum Mittagessen sei er daheim, versprach die Frau Mama. Doch für die Zeitung war Sohnemann auch da nicht zu sprechen. Dabei war der ehemalige Grüne, spätere Linkenkandidat und leidenschaftliche Leserbriefschreiber Werner Thiel am Wochenende auf vielen Kanälen aktiv, um – wie es einige Adressaten Thielscher-Mailschmäh-Briefe gestern formulierten – „Bösartiges“, „Geschmackloses“ und „Unsägliches“ in die Grevener Welt zu posaunen.

„Böse Post“ klebte auch am Sonntagmorgen am Briefkasten von WN und GZ, als Redakteur Oliver Hengst die Türen zum Redaktionsgebäude öffnete. Mit dem „Charlie-Hebdo-Symbol“ der Bleistifte als Synonym für die weltweit in diesen Tagen eingeforderte Pressefreiheit klebte ein kleiner Zettel mit den fetten Lettern „Ein Leuchtturm für Greven : Markthalle“ an der Redaktionstür. Was die von Werner Thiel gebetsmühlenartig eingeforderte Markthalle mit Bleistiften und Pressefreiheit zu tun haben sollte, erfuhr Redakteur Hengst, als er wenig später den Rechner hochfuhr. Unter vielen Mails fand er auch „Augenadler1@web.de“. Und da fiel auf, welch krude Gedanken Augenadlers Hirn neuerlich erwachsen waren. „Charlie Hebdo-Redakteure starben nicht für Leserbrief-Zensoren“ prangt in roten Lettern auf der Mail. Wen er damit meint, daraus macht der weder über Telefon noch Mail erreichbare Augenadler-Thiel keinen Hehl. Das „Herz der Demokratie“, zitiert er einen WN-Titel, schlage nur für Auserwählte und stellt dann fest, dass die Zeitung einen Leserbrief zu einem Artikel über Leerstände in Greven unterschlagen habe. Was Redakteur Oliver Hengst nicht nachvollziehen kann. „Dass der gefühlt hundertste Leserbrief zum Thema Markthalle von Herrn Thiel nicht abgedruckt wurde, hat rein gar nichts mit Zensur zu tun.“ Den Thiel’schen Beitrag habe man aus Lesersicht schlicht für überflüssig gehalten.

Natürlich landeten auch in der Vergangenheit Leserbriefe im Papierkorb. Dafür gab es Gründe: Stetige Wiederholungen, schlichtweg falsche Aussagen und, und, und . . . Denn schließlich ist die Redaktion auch für Inhalte von Leserbriefschreibern verantwortlich.

Auch in Politik und Verwaltung ist Empörung und Unverständnis ob dieser geschmacklosen Augenadler-Einlassung durchgängig. „Das ist pervers“, legt Stadtsprecher Klaus Hoffstadt jegliche Rathaus-Diplomatie ab. Dies sei auch mit schlechtem Geschmack nicht mehr zu entschuldigen. Dass Thiel und Augenadler ein und die selbe Person sind, steht für Hoffstadt außer Frage. Der Stadtsprecher hat Augenadler zurückgemailt, sich weitere Schmähbriefe verbeten und die Mail gelöscht. Als die Redaktion die Mail noch einmal ans Rathaus weiterleiten wollte, landete sie offenbar im Spam-Filter.

Dem ehemaligen Fraktionskollegen hat Michael Kösters-Kraft (Grüne) nach mehreren „unsäglichen Mails“ und einer gescheiterten Kontaktaufnahme „professionelle Hilfe“ angedient. Was bekanntermaßen nichts fruchtete. „Die Toten von Paris zu instrumentalisieren“, ist für den Grünen Dr. Michael Kösters-Kraft „unsäglich“. Froh ist der Fraktionschef, dass Gespräche, die er zu Beginn seiner Amtszeit als Grünen-Sprecher mit Thiel um die Wiederaufnahme in die Fraktion führte, scheiterten.

Eher zurückhaltend kommentiert CDU-Fraktionschef Jürgen Diesfeld den Vorgang. Der Vorwurf der Zensur an die Zeitung sei unbegründet. „Augenadler“ sollte bitteschön Name und Adresse kundtun.

„So etwas finde ich abartig und dumm“, reagiert der SPD-Fraktionschef Dr. Christian Krieges­kotte auf diese Mail. Er hat Augenadler postwendend zurückgemailt und sich künftig entsprechende Mails verbeten.

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