Um Himmels Willen: Was die Christen aus der Kirche treibt
Viele Kirchenaustritte aus Geldersparnis

Ob Kirchensteuer oder Skandale a la Tebartz-van Elst: Gott verliert seine Schäflein. Mehr denn je. Im Jahr 2014 sind in Greven 238 Menschen aus der Kirche ausgetreten, davon 165 aus der katholischen Kirche und 73 aus der evangelischen Kirche. Das sind allein in der katholischen Kirche mehr als doppelt so viel wie 2011 und fast vier Mal so viel wie 2006. Als Erklärung ziehen die Kirchen bundesweit gerne eine Neuregelung der Steuer heran: Vergangenes Jahr teilten Banken und Sparkassen ihren Kunden mit, dass die Kirchensteuer auf Kapitalerträge künftig automatisch abgeführt wird – und verursachten damit einige Verwirrung, obwohl die Steuer nach Abzug des Sparerfreibetrags von 801 Euro schon immer fällig war. Also Tacheles. Was ist los in Gottes Kirche auf Erden? WN-Mitarbeiter Peter Sauer sprach in Greven mit Pfarrer Klaus Lunemann (St. Martinus) und Pfarrer Jörn Witthinrich (Evangelische Kirchengemeinde).

Sonntag, 22.02.2015, 07:02 Uhr

Was sind die Gründe, da so viele austreten?

Klaus Lunemann : Greven liegt im bundesweiten Trend. Die Änderungen bei der Erhebung der Kirchensteuer auf die Kapitalertragssteuer hat einige Menschen dazu gebracht, es sind oft finanzielle Gründe, aber auch die Geschichte vom Bischof von Limburg oder das Thema „Missbrauch“. Es liegt eher an der Gesamtsituation der Kirche als an der lokalen Situation vor Ort. So sind manche enttäuscht, etwa bei Fragen rund ums Zölibat.

Und die Fusion der Kirchengemeinden?

Klaus Lunemann: Da ist mir keiner bekannt, der die Fusion als Einzelgrund genannt hätte.

Wie fühlen Sie sich als Pfarrer?

Jörn Witthinrich : Uns tut jeder Christ weh, der austritt. Jeder Austritt ist einer zu viel. Auch vor dem Hintergrund der schon länger anhaltenden Sparbemühungen. Die roten Zahlen sind nicht mehr in weiter Ferne.

Klaus Lunemann: Das ist die kirchliche Großwetterlage. Die können wir selbst kaum beeinflussen.

Gibt es finanzielle Verluste durch die Kirchenaustritte ?

Jörn Witthinrich: Nicht direkt. Die Mitgliederzahlen insgesamt stagnieren eher. Denn: Wir haben ja auch neue Kircheneintritte. Durch Zuzug gewinnen wir in Greven Mitglieder.

Versuchen Sie jetzt verlorene Schäfchen zurückzuholen?

Klaus Lunemann: Der Austritt passiert ja beim Amtsgericht. Wir versuchen etwas zu erreichen, bekommen aber kaum Rückmeldung.

Jörn Witthinrich: Wir haben eine Zeit lang Leute angeschrieben und konkret nach ihren persönlichen Austritts-Gründen gefragt. Es wird immer wieder Kirchensteuer genannt, vor allem von arbeitenden Menschen zwischen 30 und 50 Jahren. Ich bin da misstrauisch.

Das heißt konkret?

Jörn Witthinrich: Offensichtlich brauchen viele Menschen den Glauben, aber die Kirche dazu nicht mehr. Einige Menschen sind auch gar nicht mehr auf der Sinnsuche, so wie es früher noch war.

Wie kann es jetzt weitergehen?

Klaus Lunemann: Die Kirche wird anders aussehen wie früher. Nun liegt es an uns, das Neue sichtbarer zu machen. So sind wir dabei einen lokalen Pastoralplan zu entwickeln, was in fünf bis sechs Jahren sein soll. Es geht darum, welche Räumlichkeiten wir künftig haben, welche neuen Strukturen dann sinnvoll sind, um uns für die Zukunft gut aufzustellen. Eines ist klar: Wir müssen weiterhin präsent bleiben in der Gesellschaft. Da stehen wir in der Verantwortung. Ein gutes Beispiel ist die Jugendkirche „Mary´s“. Ich bin davon überzeugt, dass es Christen in der Kirche immer geben wird. Da zitiere ich einen früheren Papst: Es geht nicht darum aus der Kirche auszutreten, sondern in der Kirche aufzutreten.

Kein leichtes Unterfangen, oder?

Klaus Lunemann: Das wird schwierig. Dieser Gegenwind hat es in sich. Viele treten ja auch aus Gleichgültigkeit aus. Daran müssen wir auch arbeiten. Wir sind nicht mutlos, aber realistisch.

Jörn Witthinrich: Ich habe keinen Frust und bin optimistisch. Auch in den nächsten Jahren werden noch Millionen engagierte Christen in der Kirche sein. Eine Patenlösung ist freilich eine Illusion. Wir gehen ja jetzt schon neue Wege, mit Projekten wie „Offener Kirchen-Nacht“ oder „Gemeindefrühstück“ und bei den Hilfen für arme Menschen fragen wir nicht nach Taufschein oder Konfession. Es ist wichtig den Menschen zu signalisieren, dass wir von der Kirche echt sind und da sind, wenn wir gebraucht werden.

Was ist eigentlich, wenn Menschen, die ausgetreten sind, plötzlich die Kirche wieder brauchen?

Jörn Witthinrich: Letztens haben wir auch einen Mann beerdigt, der aus der Kirche ausgetreten war. Man kann natürlich auch wieder in die Kirche eintreten. Bei einer Trauung braucht jedoch nur eine Person in der Kirche zu sein, bei Taufe und Konfirmation geht es ja darum, ob es die Kinder sind. Natürlich sprechen wir den Eltern dann auch ins Gewissen. Man kann aber nicht etwa eben für eine Taufe eintreten und danach wieder austreten. Das geht nicht.

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