Beate Karasch zum Kita-Streik
„Das bricht einigen Kitas das Genick“

Greven -

Die Grevener sind derzeit vom Kita-Streik nicht betroffen, weil es hier keine kommunalen Einrichtungen gibt. Aber Beate Karasch, zuständige Referentin bei der Evangelischen Jugendhilfe, erklärt, warum die Tarifauseinandersetzung alle Kitas betrifft – und warum sie selbst zwei Herzen in der Brust hat.

Samstag, 16.05.2015, 16:05 Uhr

Beate Karasch ist bei der Evangelischen Jugendhilfe für Kindertageseinrichtungen zuständig – unter anderem auch für die Kita „Il Nido“ in der Wöste, die die Pläne im Hintergrund zeigen, aber auch fürs „Kinderland“ und die „Villa Kunterbunt“.
Beate Karasch ist bei der Evangelischen Jugendhilfe für Kindertageseinrichtungen zuständig – unter anderem auch für die Kita „Il Nido“ in der Wöste, die die Pläne im Hintergrund zeigen, aber auch fürs „Kinderland“ und die „Villa Kunterbunt“. Foto: Monika Gerharz

Grevens Eltern haben Glück: Die Kitas in der Stadt werden alle von freien Trägern betrieben, darum werden sie vom gegenwärtigen Streik der Branche, der die kommunalen Kindergärten trifft, nicht direkt berührt. Allerdings orientieren sich auch die freien Träger an den Tarifabschlüssen im öffentlichen Raum. Aus diesem Grund sprach WN-Redakteurin Monika Gerharz mit Beate Karasch , bei der Evangelischen Jugendhilfe Münsterland zuständig für die Kitas.

Frau Karasch, wo stehen Sie in diesem Tarifkonflikt?

Beate Karasch: Zwei Herzen sind da! Das Problem: ist: Wir müssen mit den Pauschalen, die wir je nach gebuchter Stundenzahl pro Kind erhalten, auskommen. Und da wird die Sache schräg: Die Kibiz-Pauschale (Kibiz = Kinderbildungsgesetz. die Red.) steigt jedes Jahr nur um 1,5 Prozent. Damit kann ich keine zehn Prozent Lohnerhöhung bezahlen!

Und wenn die Gewerkschaften dennoch höhere Löhne durchsetzen?

Beate Karasch: Dann bricht das einigen Kitas das Genick . Vor allem Träger, die seit Jahrzehnten Kitas betreiben, haben oft Personal, das schon lange da ist, viele Entwicklungsstufen mitgemacht hat und entsprechend bezahlt werden muss. Wenn die plötzlich acht, zehn Prozent mehr Gehalt bekommen sollen, wird es schwierig.

Sie würden gerne besser bezahlen?

Karasch: Nicht nur ich – ich glaube, das ist bei allen so. Aber heute ist es leider so: Wenn die Gewerkschaften auch nur vier, fünf Prozent mehr fordern, habe ich weniger Geld für Sachmittel zur Verfügung, weil ich eben mit meiner Pauschale auskommen muss.

Aber man kann ja die Erzieherinnen und Erzieher von der allgemeinen Lohnentwicklung, die ja zur Zeit nicht schlecht ist, nicht abkoppeln!

Karasch: Genau! Früher hatten die Träger damit auch keine Probleme. Das Gesetz über Tageseinrichtungen für Kinder, der Vorläufer des Kibiz, hat diesen Punkt ganz anders geregelt. Das Personal war finanziert, egal, wie teuer oder günstig es war. Die Mitarbeiter konnten getrost älter und damit teurer werden. Jetzt bringt teueres Personal eine Kita in Bedrängnis.

Können Sie die Kosten nicht ein bisschen steuern, indem Sie dafür sorgen, dass viele junge Mitarbeiter, die tariflich noch weit unten eingruppiert sind, bei Ihnen arbeiten?

Karasch: Es ist eine gute Sache, wenn die Waage zwischen jungen und älteren, erfahrenen Mitarbeitern stimmt. Aber einerseits löst es das Problem nur zum Teil, und andererseits klappt es nicht immer. Es gibt ja auch den politischen Wunsch, dass Mütter nach der Familienphase wiederkommen. Früher sind diese Frauen oft ganz ausgestiegen. Jetzt kommen sie wieder – mit entsprechenden Gehaltsansprüchen.

Sie haben die Zwickmühle geschildert, in der die Träger stecken. Können Sie aber auch die Erzieherinnen und Erzieher verstehen, die jetzt streiken?

Karasch: Absolut! Seit Jahren gibt es die Diskussion darum, dass die Kita eine Bildungseinrichtung sein muss und dafür gut ausgebildetes Fachpersonal gebraucht wird. Der Anspruch an die Mitarbeiter in der alltäglichen Arbeit ist ein ganz anderer als vor 10, 15 Jahren. Das muss sich im Gehalt niederschlagen.

Die Zeit der Basteltanten ist spätestens seit dem Pisaschock 2001 vorbei . . .

Karasch: Genau. Die Kita hat sich völlig verändert, und das ist gut so. Zwar habe ich erst jüngst in der Zeitung gelesen, dass ein Politiker behauptete: Die Kitas sorgen für Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und da sage ich: nein! Unser erster Auftrag ist die Bildung der Kinder – Bildung für Kinder, die gut gebunden sind, an feste Bezugspersonen. Sonst könnten wir ein großes Bällchenbad einrichten. Und dazu kommt eine verlässliche Betreuung. Teilweise bieten die Kitas 50 Stunden in der Woche Betreuung an. Das ist schon ziemlich gut. Dass diese Leistung der Kitas durch den Streik in den Fokus rückt, ist schon klasse. Das hatten wir nie.

Zugestanden: Das Berufsbild der Erzieherinnen und Erzieher hat sich gewaltig geändert. Es gibt aber auch das Argument, dass Erzieherinnen und Erzieher in Vergleich zu anderen Ausbildungsberufen im öffentlichen Dienst relativ gut bezahlt werden . . .

Karasch: Das ist sehr die Frage, ob das stimmt. Aber das Problem ist noch ein ganz anderes. Im Münsterland wird viel gebaut, entsprechend viele Kindertagesstätten werden eingerichtet. Für die neuen Stellen gibt es gar nicht genügend Erzieher. Wir haben mittlerweile viele Sozialpädagogen, die ein Studium hinter sich haben. Die gehen wieder, wenn sie merken, dass sie in den Kitas schlecht bezahlt werden.

Der Streik ist nicht befristet, die Eltern wissen nicht, wie lange sie die Betreuung ihrer Kinder noch improvisieren müssen. Können Sie verstehen, dass Väter und Mütter nicht begeistert sind?

Karasch: Na klar. Aber ich hadere ein bisschen, wenn jetzt so viel geklagt wird. Denn eines ist sicher: Kitas sind ziemlich zuverlässig, zuverlässiger als Schulen, selbst bei hohen Krankenständen. Bis eine Kita geschlossen wird oder man die Eltern bittet, ein Kind abzuholen, muss wirklich viel passieren. Die Erzieher sehen den Druck bei den Eltern.

Sie haben die Nöte der Träger erläutert, Sie haben aber auch viel Verständnis für die Erzieherinnen und Erzieher gezeigt. Gibt es einen Weg aus diesem Dilemma?

Karasch: Die Landesgesetzgebung muss geändert werden! Die Pauschalen müssen so steigen, dass es möglich ist, die Löhne anzuheben, ohne dass die Kitas in Bedrängnis kommen. Wir wünschen uns, dass die jährliche Steigerung nicht 1,5 Prozent beträgt, sondern sich an den Gehaltssteigerungen orientiert.

Das würde aber auch bedeuten, dass die Elternbeiträge steigen. 19 Prozent der Kita-Kosten sollen ja über diese Gebühren abgedeckt werden . . .

Karasch: Diesen Anteil haben wir in der Vergangenheit nie erreicht. Aber klar ist: Alles greift so ineinander, dass man im Grunde sagen kann: Egal, wie ich es drehe, es werden alle gebissen – das Land, die Kommunen, die Eltern, letztendlich die Steuerzahler. Die Gesellschaft als solche muss einfach mehr Geld ausgeben für die frühkindliche Bildung.

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