Ranga Yogeshwar in Greven
Wir-Gesellschaft oder IT-Diktatur?

Greven -

Ranga Yogeshwar, Teilchenphysiker und Wissenschaftsjournalist, war als Einstiegsredner beim „Zukunftssymposium Rohrnetze“ Gast der Firma Egeplast. Er warnte eindringlich davor, dass von den rasanten Innovationen dieser Tage immer weniger Leute wirklich profitieren.

Donnerstag, 18.06.2015, 19:06 Uhr

Die Wissenschaft bietet immer neue Möglichkeiten, beispielsweise durch immer differenziertere, bildgebende Verfahren: Ranga Yogeshwar vor seinem eigenen Schädel.
Die Wissenschaft bietet immer neue Möglichkeiten, beispielsweise durch immer differenziertere, bildgebende Verfahren: Ranga Yogeshwar vor seinem eigenen Schädel. Foto: Monika Gerharz

Es war ein Parcoursritt durch die Welt der Erfindungen, charmant, witzig, begeisternd, das Publikum mehr als eine Stunde in den Bann ziehend. Wussten Sie beispielsweise, dass man heute Goldatome sichtbar machen kann? Dass es E-Books gibt, die anhand der Pupillenreaktion registrieren, ob die Lektüre den Leser langweilt? Und doch war es auch eine Brandrede angesichts der zunehmenden Konzentration von Internet-Macht. Verteidigt Eure Demokratie. Eure Marktwirtschaft. Eure Persönlichkeitsrechte. Eure Integrität. Und verliert nicht aus dem Auge, dass die Welt nicht unbedingt eine Armbanduhr braucht, die dem Nutzer sagt, dass er gestresst ist. Sondern dass für die Mehrheit der Menschen eine funktionierende Kanalisation wichtiger ist als ein Auto. „50 Prozent der Menschen wohnen mittlerweile in Megastädten – und Millionen haben nicht einmal eine Toilette.“

Mit dieser These war Ranga Yogeshwar , Teilchenphysiker und Wissenschaftsjournalist, als Einstiegsredner beim „Zukunftssymposium Rohrnetze“ in der Firma Egeplast genau richtig. Entwickler, Auftraggeber, Endkunden aus aller Welt hatten sich dort versammelt, um über die Chancen und Risiken der Branche zu diskutieren – über die beginnende Rohstoffknappheit beispielsweise, die die Kunststoffindustrie gegenwärtig deutlich zu spüren bekommt. Yogeshwar öffnete den Blick für die globalen Auswirkungen solcher Entwicklungen. „Ich empfehle, sich darüber zu informieren, wer in dem rohstoffreichen Mali Schürfrechte hat. Dann versteht man, warum die Franzosen dort sind.“ Der Wissenschaftsjournalist warnte eindringlich davor, dass von den rasanten Innovationen dieser Tage immer weniger Leute wirklich profitieren. „Ich bin der Überzeugung, dass die IS-Kämpfer Fortschrittsverlierer sind. Und da haben es Rattenfänger jeder Couleur leicht.“

Doch Yogeshwar, der selbst spürbar vom Fortschritt fasziniert ist, sieht Chancen, gerade durch Innovationen den drohenden Monopolbildungen und damit den Möglichkeiten zum Machtmissbrauch zu begegnen. Sein Zauberwort: Vernetzung der vielen Einzelnen, die mit ihren Smartphones eine kompetente, kreative, demokratische Gegenwelt zu Google & Co. aufbauen können. „Jeder Abiturient sollte programmieren können“, sagte er und brachte das Beispiel eines 16-Jährigen, der einen Chip für Socken entwickelt hat, der Alarm schlägt, wenn der demente Opa weglaufen will. „Vielleicht ist der Kunde der beste Entwickler für ein Produkt“, hofft Yogeshwar auf Millionen solch kleiner privater Innovationen. Und außerdem setzt der Physiker auf Nachhaltigkeit – auf Carsharing genauso wie auf die Möglichkeit, dass sich Millionen daran beteiligen können, mittels Satellitenbildern nach einem verschwundenen Flugzeug zu suchen. „Wir erleben da einen Kulturwandel“, ist sich Yogeshwar sicher, dass die Welt besser werden kann, wenn viele Einzelne kreativ zusammen arbeiten und spricht von einer „Wir-Gesellschaft“. „Unsere Zeit ist eine Zeit, die komplex ist – aber die wir selbst gestalten können“, sieht er bei den heute Lebenden „die größte Freiheit, die je eine Generation in der Geschichte hatte“. Gerade bei Firmen wie Egeplast, diesem Unternehmen, das sich von einer ums Überleben kämpfenden Textilfirma zum weltweit erfolgreichen Kunststoffhersteller gemausert hat, sieht er seine Ideale übrigens sehr gut verwirklicht. „Das Unternehmen ist ungeheuer innovativ – und es ist seit drei Generationen im Familienbesitz.“

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