Arbeitslosenzahlen
Schattenseiten des Booms

Greven -

Greven ist in Sachen Arbeitslosigkeit Spitze im Kreis. 5,9 Prozent der Grevener sind betroffen. Karl-Heinz Hagedorn, Vorstand des Jobcenters im Kreis Steinfurt, erklärt, dass vor allem der Zuzug von Arbeitslosen aus Münster der Grund dafür ist. Die suchen bezahlbaren Wohnraum.

Mittwoch, 02.09.2015, 22:09 Uhr

Greven die Boomtown – mit dieser Schlagzeile wird ausgedrückt, dass die Emsstadt entgegen der Tendenz in vielen Städten weiter wächst. Gut für die Stadt, sollte man meinen. Aber: Das Wachstum hat auch seine Schattenseiten. Denn: es gibt da diese eine Zahl: 5,9 Prozent. Denn mit diesem Wert wird die Zahl der Grevener errechnet, die zur Zeit arbeitslos gemeldet sind. Und mit 5,9 Prozent liegt Greven im Bereich der Agentur für Arbeit an der Spitze. Aber warum ist das so? Eine einfache Frage, deren Beantwortung ganz viel mit dem oben genannten Boom zu tun hat.

Auffällig: Besonders im Bereich SGB II ( Hartz IV ) sind die Arbeitslosenzahlen besonders hoch im Vergleich zu den anderen Kommunen im Kreis. Karl-Heinz Hagedorn , Vorstand des Jobcenters im Kreis Steinfurt, gibt zu der Frage über die hohe Zahl der Arbeitslosen im SGB II-Bereich in Greven ein erstaunliche Antwort. „Diese hohe Zahl, die wir seit dem enormen Anstieg von vor zwei, drei Jahren zu verzeichnen haben, hängt sicherlich zu einem großen Teil mit dem Zuzug in Greven zusammen.“

Sprich: Hartz IV-Bezieher aus Münster sind nach Greven gezogen. „Das ist aber nicht nur in Greven so, das beobachten wir auch in Laer, Nordwalde und Altenberge“, erläutert Jürgen Düking , Regionalleiter Greven/Emsdetten des Job-Centers.

„Diese Menschen suchen einfach günstigeren Wohnraum“, erklärt Hagedorn weiter. Und der werde eben im „Speckgürtel“ von Münster gefunden. In Münster gebe es kaum noch bezahlbare Wohnungen. In Greven war das dagegen schon der Fall. Diese Entwicklung sei aber nicht durch Maßnahmen der Städte wie Greven und Altenberge begünstigt worden. „Vor zwei, drei Jahren war der günstige Wohnraum hier einfach noch vorhanden.“ Greven sei eben nicht nur für Menschen, die Arbeit hätten, attraktiv.

Dies alles sei eine Entwicklung, die eben schon vor zwei, drei Jahren festzustellen gewesen sei. Aber: „Der bezahlbare Wohnraum wird jetzt auch diesen Städten knapper.“ Und: Die Situation werde sich in den kommenden Wochen und Monaten aufgrund der hohen Flüchtlingszahlen noch erheblich verschärfen.

Ein weiterer Faktor für die hohe Arbeitslosigkeit sei der sehr hohe Anteil an ausländischen Mitbürgern in Greven, die Hartz IV bezögen – der höchste Anteil im Kreis. „Es handelt sich dabei um besonders viele Serben und Kosovaren, die nach dem Asylverfahren in den Bereich SGB II gewechselt sind“, erklärt Hagedorn weiter. Auch hier sei eben im Speckgürtel von Münster ein sehr hoher Anteil festzustellen. Und: „Bei vielen Ausländern liegt kein verwertbarer Schulabschluss oder eine Ausbildung vor.“

Womit ein weiterer Faktor deutlich wird: „Ausbildung ist das A und O, ohne läuft man deutlich schneller Gefahr arbeitslos zu werden“, verdeutlicht Hagedorn. Deswegen lege man im Job-Center großen Wert auf Qualifizierungsmaßnahmen und Ausbildung.

Ohne Ausbildung seien viele Menschen, auch wenn sie Arbeit haben, weiterhin abhängig von Hartz IV. „In Greven ist die Zahl der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten wegen der Struktur der heimischen Wirtschaft besonders hoch“, verdeutlicht Hagedorn und spricht den Bereich der Logistik an. „Greven ist als Logistikstandort ausgezeichnet worden, aber besonders im Logistik-Bereich ist das Lohnniveau sehr niedrig.“ Sprich: Die Menschen, die dort arbeiten, können sich oder ihre Familie nicht ohne zusätzliche Hartz IV-Mittel ernähren.

Auffällig: Die Zahl der Arbeitslosen im SGB II-Bereich ist im Juli im Vergleich zum Vorjahresmonat stark gestiegen: um 14,5 Prozentpunkte. „Das liegt daran, dass die Zahl der Ein-Euro-Jobs in Greven ganz stark zurückgefahren wurden“, erklärt Düking. In Greven habe es davon extrem viele Stellen gegeben. Aber eine Regelung, dass Arbeitslose einen Ein-Euro-Job nur für insgesamt 24 Monaten innerhalb von fünf Jahren ausüben dürfen, habe dafür gesorgt. Ein weiterer Faktor seien zwischenzeitlich fehlende personelle Ressourcen im Job-Center gewesen.

Auffällig bei dem Blick auf die Arbeitslosenzahlen: Die sind – aber darüber streiten sich die Geister leidenschaftlich – ziemlich geschönt. Denn die Arbeitslosenquote auf Basis aller zivilen Erwerbspersonen in Greven von 5,9 Prozent ist gleichzusetzen mit 1192 Arbeitslosen. Dem gegenüber steht aber die Zahl von 1961 Arbeitssuchenden. Denn in die Statistik nicht eingerechnet sind alle, die an Fortbildungsmaßnahmen teilnehmen, einen Ein-Euro-Job ausüben, derzeit krank sind oder im Rentenverfahren stecken. Würde man alle Arbeitssuchenden in die Statistik aufnehmen, läge die Arbeitslosenquote in Greven bei 9,7 Prozent.

Da hat Hagedorn eine andere Meinung. „An den Arbeitslosenstatistiken ist nichts geschönt. So, wie wir die Zahlen ausweisen ist es nur fair gegenüber dem Markt.“ So könne man zum Beispiel die Ein-Euro-Jobber nicht für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehend einordnen. „Wir halten diese Brückenjobber nicht für arbeitsmarktfähig, weil sie bestimmte Merkmale schwerer Vermittelbarkeit aufweisen, nicht qualifizierungsfähig sind.“ Auch Kranke als vermittlungsfähig darzustellen, wäre falsch.

Eine Zahl zum Schluss: Die Zahl der „nicht erwerbsfähigen Leistungsberechtigten“ ist in Greven von Mai des vergangenen Jahres bis zum April diesen Jahres von 723 auf 763 angestiegen. Mit „nicht erwerbsfähigen Leistungsberechtigten“ sind übrigens Kinder bis 14 Jahren gemeint.

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