Interview
„Vereinsleben macht eine Stadt attraktiv“

Es ist ein Riesenprojekt, das jetzt zu Ende gegangen ist: 300 Menschen aus 80 Vereinen waren bei „Grevens Vereine – fit für die Zukunft“ dabei. Im Fokus stand jeweils die Vorstandsarbeit. Hat sich die Mühe gelohnt? Darüber sprach Redakteurin Monika Gerharz mit Ulrike Penselin von der städtischen Engagementsförderung, die die Federführung hatte.

Freitag, 16.09.2016, 23:09 Uhr

Kennt das Vereinsleben in Greven wie kaum ein anderer: Ulrike Penselin von der städtischen Engagementsförderung hat das Projekt „Grevens Vereine – fit für die Zukunft“ koordiniert.
Kennt das Vereinsleben in Greven wie kaum ein anderer: Ulrike Penselin von der städtischen Engagementsförderung hat das Projekt „Grevens Vereine – fit für die Zukunft“ koordiniert. Foto: Monika Gerharz

Frau Penselin, was hat Sie bei Ihrem Projekt am meisten überrascht?

Ulrike Penselin: Ich hatte nicht erwartet, dass so vielfältige rechtliche Fragen für die Vereine wichtig sind und an wie vielen Stellen im Vereinsleben sie eine Rolle spielen. Es gab ein riesiges Bedürfnis nach Informationen zu diesem Bereich.

Ein wichtiger Punkt Ihrer Schulungsarbeit was die Frage, wie ein Verein Nachwuchs für den Vorstand gewinnen kann, Was motiviert Leute überhaupt, sich solche ehrenamtlichen Aufgaben ans Bein zu binden?

Penselin: Das sind Leute, die Spaß daran haben, etwas auf die Beine zu stellen – gemeinsam mit anderen, für den Verein, aber auch für Greven .

Trotzdem klagen ja viele Vereine darüber, dass Ämter immer schwieriger zu besetzen sind . . .

Penselin: Es gibt einen Wandel beim bürgerschaftlichen Engagement, das ist richtig. Viele Menschen engagieren sich durchaus gerne, scheuen aber dauerhaftere Bindungen. Darauf muss sich auch die Vorstandsarbeit einstellen.

Vielleicht sind vier Jahre Wahlperiode einfach zu lang.

Penselin: Vereine müssen nicht zwingend vierjährige Amtszeiten haben. Das geht auch kürzer. Die Satzung kann entsprechend gestaltet werden.

Welche Voraussetzungen sind Ihrer Erfahrung nach wichtig, damit ein Vorstand erfolgreich arbeiten kann?

Penselin: Ich habe den Eindruck: Die Atmosphäre im Verein muss stimmen. Wenn es da Grabenkämpfe oder Unlust gibt, wird‘s schwierig.

Es kommt immer wieder vor, dass die Existenz eines Vereins bedroht ist, weil sich keine Nachfolger für die Vorsitzenden finden. Was ist da zu tun?

Penselin: Entscheidend ist, dass der Vorstand das Thema Nachwuchs und Nachfolge aktiv und langfristig angeht. Das wissen die Vereine auch – in der Theorie. Aber in der Praxis wird diese Aufgabe oft vernachlässigt, denn man hat so viele konkrete Projekte, dass man sich die Zeit, die Nachwuchssuche kostet, nicht rechtzeitig nimmt. Man muss Leute ansprechen, die müssen an die Vorstandsarbeit herangeführt werden. Fast nie wird ja jemand auf Anhieb Vereinsvorsitzender, sondern jemand übernimmt eine Arbeitsgruppe oder bestimmte Aufgaben, wächst so allmählich in die Verantwortung. Damit solche Leute bei der Stange bleiben, ist es ganz wichtig, dass ihnen die Arbeit im Vorstand Spaß macht.

Haben es große oder kleine Vereine schwerer, Vorstandsnachwuchs zu finden?

Penselin: Mein Eindruck ist, dass bei großen Vereinen, die Immobilien und hauptamtliches Personal haben, viele vor der Verantwortung zurück schrecken. Umgekehrt haben diese Vereine einen großen Mitgliederpool, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie Leute mit dem entsprechenden Wissenshintergrund haben, ist größer. Bei kleinen Vereinen wiederum kann man oft schnell etwas gestalten, was manche Mitglieder reizt. Dafür ist der Kreis möglicher Interessenten kleiner. Man sieht: Ihre Frage lässt sich nicht pauschal beantworten.

Könnten Sie es sich selbst vorstellen, in einem Vorstand eines Vereins mitzuarbeiten?

Penselin: Im Moment nicht, aber ich möchte das für die Zukunft nicht ausschließen. Aber ich würde dann ganz genau abgegrenzt haben wollen, was meine Aufgabe ist. Denn in der Vorstandsarbeit trifft leider sehr oft das Sprichwort mit dem kleinen Finger und der ganzen Hand zu.

Haben Ihrer Ansicht nach Vereine eine Zukunft?

Penselin: Die Tendenz ist eindeutig: Wir haben immer mehr Vereine. Seit 1990 hat sich in der Bundesrepublik die Zahl verdoppelt. Vereine werden zwar nicht die einzige Organisationsform für bürgerschaftliches Engagement sein, aber sie haben nach wie vor große Vorteile. Sie haben klare Strukturen, sind dadurch transparent, demokratisch und der rechtliche Rahmen, etwa bei Haftungsfragen, ist klar abgesteckt.

Besonders in den Sportvereinen läuft derzeit eine Diskussion, für einen Teil der Arbeit bezahlte Kräfte einzustellen. Ist das ein Modell auch für andere Vereine?

Penselin: Ich habe den Eindruck, hier in Greven ist das für die Vorstände kein Thema. Bei unserem Projekt haben vor allem Vereine mit bis zu 300 Mitgliedern mitgemacht, und die haben schlichtweg das Geld nicht, um Ehrenamtlichen eine Aufwandsentschädigung zu zahlen. Eine gewisse Rolle könnten kleine Honorare für Jugendliche spielen, um sie an den Verein zu binden. Aber wir reden von sehr bescheidenen Beträgen – maximal 720 Euro im Jahr, bei Übungsleitern 2400 Euro pro Jahr sind steuerfrei.

Eineinhalb Jahre haben sich Grevener Vereinsvorstände informiert. Hat sich denn schon konkret was verändert?

Penselin: Manche Satzung wurde angepasst. Ich glaube, dass viele Vereine im Umgang mit Daten sensibler geworden sind – angefangen damit, welche Bilder sie auf ihre Homepage stellen. Der Austausch unter den Vereinen ist intensiver geworden. Man kennt sich, man berät sich. Auch in den Vereinen hat sich wohl manches verändert, aber das bekommen wir natürlich nur zufällig mit.

Nachhaltigkeit ist ein beliebtes Modewort. Wie nachhaltig ist das Projekt „Grevens Vereine – fit für die Zukunft?“

Penselin: Mit dem Abschluss des Projekts, das von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert wurde, ist natürlich unsere Unterstützung für die Vereine nicht vorbei. Wir haben schon vorher Fortbildungen angeboten und werden das auch künftig tun. Das Projekt hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, die Vorstandsarbeit zu fördern. Für diese Zielgruppe werden wir in der nächsten Zeit noch speziellere Angebote machen – auch Spartenangebote, etwa für Fördervereine, organisieren.

Vernünftige Fortbildung kostet immer auch Geld. Lohnt sich die Investition?

Penselin: Das Geld für diese Arbeit zu bekommen, ist nicht so schwierig. Viele Sponsoren unterstützen gerne Vereinsarbeit. Und auch Steuergelder sind für diese Arbeit gut angelegt. Ein lebendiges Vereinsleben schafft in einer Stadt Atmosphäre, macht sie attraktiv, fördert das Wir-Gefühl. All das sind wichtige Faktoren im Leben einer Stadt.

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